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Wissen Plädoyer für mehr „akustische Höflichkeit“
Nachrichten Wissen Plädoyer für mehr „akustische Höflichkeit“
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18:06 04.05.2018
Wenn der kleine Mann im Ohr nicht aufhört, Krach zu machen. Die Anzahl der Tinitus-Erkrankungen hat deutlich zugenommen. Quelle: Fotolia
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Potsdam

Moderne Städte entwickeln sich zu akustischen Signalräumen. Es piepst, hupt, tickt und rauscht aus allen Richtungen – Klänge, die uns informieren, warnen, anhalten oder ständig berieseln, wie zum Beispiel Verkehrslärm oder Werbemusik. Ständig variieren wir unseren Hörsinn vom Hinhören bis zum Lärm-Überhören – und das ist anstrengend.

Der kanadische Klangforscher Raymond Murray Schafer schenkte dem Phänomen bereits in den 1970er Jahren Aufmerksamkeit. Er charakterisierte die von Menschen gemachten Klänge und Geräusche als „low fidelity“, also gering-qualitativ; die natürlichen Klänge und die Klangumgebungen der Dörfer beschrieb er als „high fidelity“, als hoch-qualitativ. Damit stieß er damals ein Nachdenken über die von Menschen gemachte Lärmkulisse an, die heute mehr und mehr zur Belastung wird.

Verkehrslärm ist die zweithäufigste Krankheitsursache

Die Hälfte der Bevölkerung fühlt sich heutzutage durch Lärm gestört oder belästigt. Deshalb verbauen Gemeinden „Flüster-Asphalt“, reduzieren das Verkehrstempo, erstellen Lärmkarten, legen Fahrradwege an. Einer Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation WHO aus dem Jahr 2011 zufolge ist Verkehrslärm das Umweltproblem mit den zweitstärksten Auswirkungen auf die Gesundheit, nach der Luftverschmutzung. Lärm kann kreislaufbedingte Erkrankungen, Herzerkrankungen, Schlafstörungen und Hörschäden auslösen und führt allgemein zu Nervosität und Aggressivität. Schätzungen zufolge haben bereits ein Viertel aller Deutschen Hörschäden, selbst wenn sie diese noch nicht bewusst bemerken. Ebenso so viele Deutsche haben schon einmal Tinnitus erlebt. Etwa die Hälfte der Tinnitus-Betroffenen leidet zudem an Geräusch-Überempfindlichkeit – der „Depression“ des Gehörs“, wie sie auch genannt wird. Bei diesem Symptom werden schon relativ normale Lautstärken als unangenehm empfunden.

„Das hochempfindliche Hörorgan ist diesen Anforderungen evolutionär scheinbar nicht mehr gewachsen“, so der HNO-Arzt und Tinnitus-Experte Gerhard Hesse. Dauernder Lärm und die ständige Reizüberflutung mit Klängen und Geräuschen würden unsere Ohren „vermüllen“. Dies könne ein Faktor dafür sein, dass Hörschäden auf unserer Lebensleiter hinunter wandern und heute schon im Alter von 20 Jahren auftreten.

Auch Dauergeräusche beeinträchtigt das Gehör

Bei 120 Dezibel liegt die festgestellte Schmerzschwelle unseres Gehörs. Das ist etwa so laut wie ein Presslufthammer oder sehr laute Musik in einer Diskothek. Einer Lautstärke ab 80 Dezibel – etwa so laut wie ein Schlagbohrer – sollte man sich nicht über längere Zeit ohne Gehörschutz aussetzen. Aber nicht nur die offensichtlich störenden und nachweislich gesundheitsschädlichen Lautstärken haben Auswirkungen. Auch Dauerlärm unterhalb der gesetzlichen Richtwerte könnten „bestimmte Strukturen des Hörens wie etwa räumliches Hören beeinträchtigen,“ erklärt Hesse. Die Untersuchungen dazu stecken noch in den Kinderschuhen, doch man spricht heute schon von einem „Hidden Hearing Loss“, dem „versteckten Hörverlust“. Der Arzt plädiert für eine stärkere Bewusstmachung: „Wir brauchen mehr ‚Hör-Hygiene’ in unserer Gesellschaft.“

Oft spiele aber auch die emotionale Bewertung des Lärms eine Rolle, so Hesse. Ein klassisches Beispiel sei der Nachbarschaftsstreit. Wenn der Nachbar jeden Sonntagmorgen den Rasenmäher benutzt, ärgert man sich darüber – und zwar immer mehr von Woche zu Woche. Mit der tatsächlichen Lautstärke des Rasenmähers hat dies dann nur mehr wenig zu tun, vielmehr aber mit der Emotion. Jedes Rockmusikkonzert ist lauter, doch Klänge, die man mag, stören eher selten. Eine Einschränkung der Lebensqualität und somit unseres Wohlbefindens löst unangenehmer Lärm aber allemal aus. Der österreichische Klangforscher und Künstler Sam Auinger macht darauf aufmerksam, dass sich die empfundene Atmosphäre eines Ortes oder Raumes vor allem über das Hören einstellt: „Die emotionale Qualität von Räumen nehmen wir extrem über das Hören wahr.“

Klangforscher sprechen von „akustischer Ökologie“

Der Wissenschaftler beobachtet, dass „das Auditive auch heute noch vielfach vernachlässigt“ wird. In Design, Architektur, Infrastruktur und vielen anderen Bereichen würden deshalb viele unerwünschte akustische Effekte auftreten. Wichtige Signaltöne wie das Martinshorn müssen sich gegen den restlichen Umgebungslärm durchsetzen. So treten die Geräusche der Stadt – vom Gespräch bis hin zur Autohupe – in einen regelrechten Überbietungswettbewerb.

Es mache beispielsweise keinen Sinn, so Auinger, Signalhörner bei Tag wie bei Nacht in gleichbleibender Lautstärke einzusetzen. Diese Lautstärke sei „darauf ausgelegt, dass sie in einem Stau einhundert Automotoren inklusive Musik und alle möglichen Geräusche übertönen“, erklärt der Klangforscher. Ein großes Problem sei auch der Fluglärm. Innen- und Hinterhöfe großer Mietsgebäude sollten als Ruhezonen dienen. Der Fluglärm allerdings – damals nicht vorhergesehen – sammelt sich und hallt in diesen Höfen wieder wie in einer „Klangschale“. Der als Ruhezone konzipierte Bau wird so zum Lärmverstärker. Gerade unsere lärmigsten Umgebungen, die Städte, sind also keineswegs akustisch angenehm „arrangiert“. Wir haben keine „akustische Ökologie“, so der Klangforscher, „wir brauchen mehr akustische Höflichkeit.“

Von Luise Wolf

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