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01:04 24.02.2018
Nö: Doch mit ein paar kleinen psychologischen Tricks kann auch der Staudensellerie munden. Quelle: Getty Images/iStockphoto
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Hannover

Nervenzehrende Diskussionen am Essenstisch darüber, warum etwas schmeckt oder warum eben nicht, sind in vielen Familien an der Tagesordnung. Nicht selten enden diese Auseinandersetzungen im Streit – mitunter sogar in totaler Essensverweigerung. Doch so weit muss es gar nicht erst kommen. Denn Eltern können durch ihr eigenes Verhalten beim Essen maßgeblich auf ihre Kinder Einfluss nehmen, meint Ernährungspsychologe Thomas Ellrott.

Spaghetti, Erbsen, Fischstäbchen und Co. gelten als Kinderklassiker. Wie entstehen diese Geschmacksvorlieben?

Vorab: Es gibt keinen Einheitsgeschmack, auch nicht bei Kindern. Aber es gibt natürlich eine große Schnittmenge dessen, was Kinder heute mögen. Und dazu gehören typischerweise Lebensmittel, die bei den Kindern entweder positive Assoziationen auslösen oder spielerisches Interesse wecken. Selbstverständlich steuern die Eltern diese Vorlieben erheblich mit, je nachdem was sie anbieten und selbst essen. Kinder lieben meist das, was ihre Eltern essen – aus dem einfachen Grund, weil sie ihre Eltern toll finden. Das ist klassisches Vorbildlernen.

Ein Teil der Vorlieben ist aber auch genetisch vorbestimmt, die Lust auf Süßes etwa.

Die Vorliebe für Süßes hat dreierlei Ursachen. Zum Ersten ist die Muttermilch leicht süß durch den Gehalt an Milchzucker. Neugeborene müssen das mögen, sonst würden sie die Muttermilch verabscheuen. Der zweite Aspekt ist, dass es keine natürliche Pflanze gibt, die zugleich süß und giftig ist. Also ist süß auch ein Sicherheitsgeschmack der Evolution. Der dritte Aspekt: Süß liefert lebensnotwendige und vergleichsweise schnell verfügbare Kalorien. Kalorien waren über Jahrtausende immer superknapp, damit war es ein Riesenvorteil, wenn man selektiv die Lebensmittel auswählte, die mehr Kalorien hatten. Und süß ist ein hervorragender Zeigegeschmack dafür. Eine besondere Vorliebe für süß ist aus evolutionärer Überlebenssicht also hochgradig sinnvoll.

Auch das Essverhalten der Mutter während Schwangerschaft und Stillzeit prägt, was ein Kind später bevorzugt. Wieso können aber Kinder einer Vegetariermutter trotzdem leidenschaftliche Fleischesser werden?

So lange tierische Lebensmittel wie Eier, Butter und Milch bei der Mutter zur Ernährung gehören, ist das nicht verwunderlich. Denn die Kinder schmecken den Geschmack dieser Lebensmittel tierischen Ursprungs über Fruchtwasser und Nabelschnurblut sowie später über die Muttermilch mit und lernen ihn so kennen. Geschmacklich gibt es hier Gemeinsamkeiten mit dem Fleischgeschmack. Das Essverhalten der Mutter während Schwangerschaft und Stillzeit ist aber bei Weitem nicht der einzige Einflussfaktor.

Inwiefern spielt denn die kinderfreundliche Optik bei der Geschmacksbildung eine Rolle? Ich denke da an Bärchenwurst oder Lebensmittelverpackungen mit lieblichen Bildern.

Natürlich funktioniert das. Das würde man auch merken, wenn Eltern sich die Mühe machten, aus einer Kohlrabischeibe eine Mickey Maus auszuschneiden. Dann würden die Kinder den Kohlrabi noch lieber essen, weil die lustige Form positive Assoziationen auslöst. Und obendrein stärkt die persönliche Zubereitung die Bindung zu den Eltern: Sie schenken dem Kind so noch mehr Zeit, Liebe und Zuwendung. Die Vorbildfunktion ist allentscheidend, eine attraktive Zubereitung oder Verpackung kann das Tüpfelchen auf dem i sein.

Kann der Übergang zurück von der Maus zur Scheibe trotzdem gelingen?

Ja, absolut. Das ist genauso wie beim Flavour-Flavour-Learning, sprich: Man verpackt den neuen Geschmack in einen bis dahin sehr geschätzten und gemochten Geschmack, etwa ein neues Gemüse in pürierter Form in die heiß geliebte Tomatensoße. Durch solche Kombinationen mögen die Kinder das Gemüse später wesentlich eher auch solo.

Also könnte man die Kinder auf diese Weise durchaus auch mal dazu bringen, etwas Gesundes zu essen, ohne das oftmals negativ belegte Wort in den Mund zu nehmen.

Ja genau. Das sollte man gar nicht erwähnen, sondern einfach machen. Da braucht man als Elternteil auch kein schlechtes Gewissen zu haben. In Speisen sind oft Zutaten, die man nicht sehen kann, weil sie fein verteilt sind.

Wäre da nicht noch der oftmals entlarvende Geruch einer ungeliebten Speise …

Dann war es etwas zu viel des Guten. Flavour-Flavour-Learning funktioniert nur, wenn der Geschmack und Geruch der bereits gemochten Speise weiterhin dominiert.

Sprich: Wenn etwas eklig riecht, dann kann es mir auch nicht schmecken?

Ja, das würde ich absolut so sagen. Denn im Gehirn werden Optik, Geschmack und Geruch quasi zusammengerechnet und insgesamt bewertet. Wenn eine Speise in einer der Disziplinen ganz schlecht ist, dann kann es keine hohe Gesamtbewertung geben.

Es gibt mäkelige Kinder, die z.B. nichts Rotes essen.

Kinder experimentieren häufig beim Essen und nehmen ganz genau wahr, wie die Eltern dann reagieren. Ob die erstmalige Verweigerung „Ich esse nichts Rotes mehr“ zu mäkeligen Essern führt, hängt maßgeblich von der Reaktion der Eltern ab. Die meisten Eltern tappen in die Falle und reagieren sofort: Sie wenden sich dem Kind zu und reden lange und mit Engelszungen auf den Sprössling ein, er möge doch bitte wieder Rotes essen, weil ... So etwas zementiert das mäkelige Essen.

Was wäre die bessere Reaktion?

Gar nicht erst zu reagieren. Einfach still tolerieren, dass das Kind heute nichts Rotes isst. Denn jegliche Reaktion ist Zuwendung und Aufmerksamkeit und wirkt verstärkend, weil Kinder das als Erfolg werten. Wenn Kinder hingegen merken, die Eltern reagieren nicht, dann erleben sie keinen Erfolg und essen beim nächsten Mal auch gern wieder Rotes.

Ein beliebter Satz von Eltern und Großeltern beim Essen ist ja: Iss das mal, das ist gesund. Ein verheerender Fehler Ihrer Meinung nach. Warum?

Die Kinder haben gelernt, dass immer, wenn Essen von Eltern, Erziehern oder Lehrern “gesund“ genannt wird, es sowieso nicht schmeckt und sie zu allem Übel auch noch gedrängt werden, es trotzdem zu essen. Druck, Bevormundung und ein erwarteter schlechter Geschmack sind keine guten Anreize. Zudem werden Entscheidungen beim Essen nicht durch Wissen gesteuert. Kinder können also prima lernen, dass Süßes ungesund ist. Das ändert nur nichts an der Vorliebe für Süßes. Geschmack und Genuss auf der einen und Wissen auf der anderen Seite stellen im Gehirn quasi zwei voneinander unabhängige Schubladen dar. Das hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung bereits vor über 30 Jahren erforscht.

Lässt sich dieses Wissen auch auf Verbote übertragen?

Verbote funktionieren nur innerhalb geschlossener Systeme. Sprich, wenn die Kinder klein sind und sich ihre Ernährung unter vollständiger Kontrolle durch die Eltern oder die KiTa befindet. Spätestens mit der Grundschule wird das System jedoch immer offener und dann können Kinder Verbote an anderen Stellen, z.B. bei Freunden oder mit Hilfe des eigenen Taschengelds, mehr und mehr umgehen. Unter Umständen werden dann besonders viele von den zu Hause verbotenen Lebensmitteln gegessen.

Es braucht also ein gesundes Mittelmaß …

Kinder müssen am besten schon zu Hause einen vernünftigen Umgang mit dem Essen lernen. Das bedeutet z.B., dass es keine Verbote gibt. Natürlich müssen Kinder auch mal einen Schokoriegel essen können. Auf der anderen Seite sollen Schokoriegel natürlich nicht die Basis der kindlichen Ernährung sein. Da können sich die Eltern durchaus die verschiedenen Packungs- und Portionsgrößen zu Nutze machen. Viele Schokoriegel gibt es in unterschiedlichen Größen zwischen etwa 20 bis zu 100 Gramm Inhalt. Auch die kleinen Riegel werden von den Kindern geschätzt.

Kann ein vernünftiger Umgang mit Lebensmitteln auch einer Essstörung vorbeugen?

Der beste Weg, Essstörungen vorzubeugen, ist ein natürlicher Umgang mit Lebensmitteln in der Familie. Dazu zählt, keine Lebensmittel kategorisch auszusparen, sondern grundsätzlich alles zu essen – allerdings nicht in beliebiger Menge und zu beliebiger Zeit. Sprich: Es muss von vornherein faire Regeln und Verhaltensspielräume beim Essen geben. Essstörungen sind typischerweise dadurch charakterisiert, dass es gerade keine Spielräume gibt. So resultieren aus kleinsten Überschreitungen bereits Essanfälle – eine Art Deichbruchphänomen. Selbst beste Rahmenbedingungen zuhause sind jedoch keine Garantie dafür, dass ein Kind von Essstörungen verschont bleibt. Gerade die Konstellation in der Peer-Group, also im Freundeskreis, ist ab etwa 13 Jahren wichtiger als der elterliche Einfluss. Ein überzogenes Schlankheitsideal dort und Freundinnen, die streng Diät halten, liegen meist außerhalb des Einflussbereichs der Eltern.

Zur Person: PD Dr. med. Thomas Ellrott ist Arzt und leitet das Institut für Ernährungspsychologie an der Georg-August-Universität Göttingen. Quelle: privat

Von Carolin Burchardt/RND

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