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16:19 14.09.2017
Aktiv an allen Fronten: Multitasking ist ein natürlicher Feind des Anspruchs, meint unser Autor und Karrierecoach Martin Wehrle. Quelle: iStock
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Hannover

Ein misslungener Multitasking-Versuch hätte den Schriftsteller Stephen King fast ins Jenseits befördert. Neunmal wurde sein Unterschenkel gebrochen, achtmal seine Wirbelsäule. Vier Rippen zersprangen, seine Hüftpfanne wurde aus der Achse gedreht, und eine riesige Wunde klaffte an seinem Kopf.

Der Mann, der ihn so demoliert hatte, hieß Bryan Smith. Er wollte zwei Dinge zur selben Zeit tun: einen Lieferwagen steuern und seinen Rottweiler auf dem Rücksitz bändigen. Mehrfach hatte er sich umgedreht, um den Hund von einer Kühlbox mit Fleisch abzuhalten. Derweil schlingerte sein Lieferwagen und erfasste King, der neben der Route 5 ging. Der Autor wurde fünf Meter durch die Luft geschleudert. Er überlebte nur knapp.

Doch während Bryan Smith für sein Multitasking ein halbes Jahr auf Bewährung bekam, gebührt Mitarbeitern dafür Ruhm und Ehre – die Stellenausschreibungen sehen die Multitasking-Fähigkeit als höchstes aller Prädikate. Wer viele Dinge zur gleichen Zeit tut, gilt als Arbeitskrake mit acht Armen, als gut organisiert und auffassungsbegabt.

Multitasking-Wahn entspringt der Chefetage

Gelungenes Multitasking soll darin bestehen, dass ein Mitarbeiter alle heranstürmenden Arbeitshunde bändigt, ohne dass sein Arbeitswagen schlingert. Dokumente studieren und telefonieren, SMS tippen und konferieren, Auto fahren und über die Freisprechanlage verhandeln, Mails tippen und einen Azubi anweisen, Akten sortieren und Kollegen zuhören: Alles bitte gleichzeitig! Alles fehlerfrei! Alles sofort!

Nichts kann mehr warten, jeder Fliegenschiss genießt höchste Priorität. Alle Arbeiten, die ein Chef seinen Mitarbeitern zuwirft, müssen sie auffangen, ohne andere fallen zu lassen, auch wenn die Hände schon voll sind.

Der Multitasking-Wahn entspringt der Chefetage, dort schaffen es die Hauptdarsteller, ihre Mitarbeiter wie ein Orchester zu dirigieren, während sie in ihr Handy englische Wortfetzen rufen, aus dem Augenwinkel ihre Maileingänge verfolgen, ein PDF-Dokument auf dem Bildschirm überfliegen und ihr Autogramm serienweise in die Unterschriftenmappe mit den frisch diktierten Briefen kritzeln. Vor lauter Hetzen kommt die Konzentration abhanden, vor lauter Gleichzeitigkeit schwindet die Zeit.

Das bekommt jeder Mitarbeiter zu spüren, der auf die kühne Idee kommt, seinen Chef in Ruhe sprechen zu wollen. Nicht nur die Ruhe ist schwierig, sondern auch das Gespräch, denn dazu wäre ja im Idealfall ein Zuhörer nötig! Zum Beispiel hat mir der Projektleiter eines Maschinenbauers folgende Situation geschildert: Eine Auslieferung an einen Kunden stand an, doch die Produktion lahmte. Mehrfach hatte es schon Ärger gegeben, weil dieser Kunde zu spät beliefert worden war. Darum wollte sich der Projektleiter mit seinem Chef abstimmen.

Wer vieles zur gleichen Zeit tut, schafft neue Baustellen

Der Mitarbeiter betrat das Büro und grüßte. Sein Chef beugte sich tiefer in den Bildschirm. Der Projektleiter räusperte sich. „Entschuldigen Sie, ich möchte kurz etwas mit Ihnen besprechen.“

Sein Chef schob seinen Kopf näher an den Bildschirm. „Was hindert Sie daran?“, knurrte er. Derweil hackten seine Finger auf der Tastatur herum, unterbrochen von hohen Pieptönen neuer Maileingänge. Der Mitarbeiter sagte: „Wir haben ein Terminproblem mit dem Projekt ‚Paulsen‘. Die Konstruktionspläne der Zulieferer sind fehlerhaft, der Termin wackelt.“ Sein Chef klapperte auf der Tastatur und meinte beiläufig: „Knien Sie sich einfach rein!“ Drei Wochen später war der Termin geplatzt. Der Mitarbeiter überbrachte seinem Chef die Nachricht. Der fiel aus allen Wolken und bellte: „Das höre ich zum ersten Mal. Warum haben Sie mich über die Schwierigkeiten nicht informiert?“

Das Zuhören offenbart den Fluch des Multitaskings: Wer zwei Hasen jagt, fängt keinen. Das Gehirn kann zur selben Zeit nur einen Gedanken denken. Wer „nebenbei zuhört“, aber derweil eine Mail schreibt, ist nicht nur ein schlechter Zuhörer, sondern auch ein schlechter Mailschreiber. Seine Konzentration verstreut sich in alle Winde.

Multitasking ist eine Disziplin der Aktionisten, ein natürlicher Feind des Anspruchs: Wer vieles zur gleichen Zeit tut, schafft neue Baustellen, während er alte zu beseitigen meint. Die Arbeitsqualität erleidet dasselbe Schicksal wie Stephen King: Sie kommt unter die Räder.

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Von Martin Wehrle/RND

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