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19:29 28.01.2019
„Pferde sind Spiegel Deiner Seele“: Szene aus dem Film „Stiller Kamerad“.Quelle: Hollmann
Hannover

Die preisgekrönte Dokumentation, die jetzt in den Kinos anläuft, beschäftigt sich mit einem Thema, das gerade wieder in die Schlagzeilen gerät. Auch Jahre nach dem Ende des Kampfeinsatzes der Bundeswehr in Afghanistan geht die Zahl der an Kriegstraumata erkrankten Soldaten kaum zurück.

2018 wurde bei 182 Soldatinnen und Soldaten eine einsatzbedingte Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) neu diagnostiziert, wie es in dem Jahresbericht heißt, den der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hans-Peter Bartels, am Dienstag vorstellt. Mit der Dokumentation „Stiller Kamerad“ hat Regisseur Leonhard Hollmann mehrere vom Krieg traumatisierte Soldaten bei einer Therapie mit Pferden begleitet.

Herr Hollmann, Soldaten, die sich auf einem Pferdehof therapieren lassen: Wie kommt man auf ein solches Thema?

Ich hatte davon mal gehört und dieses Thema immer Kopf behalten. Es wurde dann größer, als ich selbst sechs Wochen lang auf einem Pferd durch die Steppe in der Mongolai geritten bin. Mir ging ständig ein Satz durch den Kopf: Pferde sind der Spiegel deiner Seele. Als ich dann auf den besonderen Therapieansatz von Claudia Swierczek gestoßen bin, war das wie eine Einladung, der Bedeutung dieses Satzes mit einem Dokumentarfilm nachzugehen.

Regisseur Leonhard Hollmann Quelle: Hollmann

Was bedeutet der Satz?

Pferde sind Fluchttiere, sie haben ein hohes Maß an Feingefühl und können früh einschätzen, ob Gefahr droht. Wenn das Setting passt und wir Ruhe in uns haben, verhalten sich auch die Pferde ruhig. Wenn wir aber gestresst sind, merken sie das sofort und verhalten sich entsprechend. Ich selbst musste, wenn ich von der Autobahn am Drehort angekommen war, immer erst einmal einen Tee trinken – damit ich keine Unruhe während der Therapiestunde verbreite.

Was heißt das für die Therapie?

Im Verhalten der Pferde spiegelt sich das innere Befinden des Klienten wieder. So ruft das Beobachten der Tiere bestimmte Erinnerungen wach. Das Pferd kann den Soldaten dann auch dabei helfen, bei sich zu bleiben und über die traumatischen Ereignisse und ihre Unsicherheiten zu sprechen. Dadurch, dass Pferde Fluchttiere sind, ist der Ort, an dem ich bin, immer so lange ein sicherer Ort, wie die Pferde bei mir bleiben.

Therapeutin Claudia Swierczek Quelle: Hollmann

Die Soldaten berichten auch davon, sich schuldig zu fühlen, weil sie entweder jemanden getötet haben oder nicht helfend eingreifen konnten.

Die Therapie mit den Pferden hilft, Verantwortung zu übernehmen – für die Pferde und für sich selbst. Die Soldaten können sich ihren Schuldgefühlen stellen und sie loslassen. Auch die Nähe zu diesem großen, warmen Tier hilft, über die Schuldgefühle zu sprechen. Da ist wer, der ihnen gegenüber keine Vorurteile hat und sie nicht verurteilt. Es stellt keine kritischen Fragen und bleibt bei mir, auch wenn ich Probleme habe.

Ein Bundeswehrsoldat bei der Therapie mit einem Pferd. Quelle: Hollmann

Inwiefern ging es den Soldaten danach besser?

Die Soldaten waren irgendwann so weit, sich normal im Alltag zu integrieren – ohne dass sie durch bestimmte Trigger, also etwa eine Sirene, die Kontrolle verlieren.

Ein Thema sind auch Suizide der Kameraden, die es nicht geschafft haben. Hat Sie das Ausmaß überrascht?

Überrascht hat mich, als einer erzählte, dass es in den USA im Schnitt 22 Suizide am Tag von traumatisierten Soldaten gibt. Ich habe das recherchiert und bin dabei auf die 22 Push-up Challenge gestoßen: Dabei hatten Soldaten weltweit und später auch andere Menschen 22 Liegestützen gezeigt – um eben den 22 heimgekehrten Soldaten zu gedenken, die sich aufgrund ihrer posttraumatischen Belastungsstörung täglich das Leben genommen haben. Bei uns in Deutschland lag die Suizidrate im Jahr 2015 bei über dreißig. Seitdem wird aber zunehmend mehr für die betroffenen Soldaten unternommen und die Zahlen sinken.

Die Soldaten berichten aber auch, dass ihnen die Therapie im Bundeswehrkrankenhaus kaum geholfen hat.

Die Soldaten mussten ja in ihren Einsätzen auch in geschlossenen Räumen wie etwa im Panzer funktionieren und konnten in Gefahrensituationen wie einer Explosion nicht weglaufen, was erstmal ihr Instinkt gefordert hätte. Einige fühlten sich durch den Aufenthalt in einem Therapiezimmer mit vier Wänden daran erinnert. Deshalb empfanden sie die Therapie an der frischen Luft, in der Natur, hilfreicher, als eingeengt in einer Klinik. Das ist auch eine Botschaft meines Films: Dass ein „Zurück in die Natur“ bei der seelischen Heilung sehr hilfreich sein kann.

Heißt das, dass man traumatisierte Soldaten nun besser auf einen Pferdehof schicken sollte als in eine darauf spezialisierte Klinik?

Das soll nicht heißen, dass die Kliniken nichts bringen. Vielen Soldaten wird damit geholfen. Aber eben nicht allen. Die Soldaten, die sich für eine Therapie mit Pferden entschlossen hatten, galten in der Klinik bereits als austherapiert. Es war quasi ihre letzte Hoffnung. Viele von ihnen müssen bei dem Wort „Pferdetherapie“ auch erstmal selbst über ihren Schatten springen. Der Film soll deshalb vielmehr eine Einladung sein, eine solche Therapie auszuprobieren.

Der Film „Stiller Kamerad“ läuft ab Februar in zahlreichen deutschen Kinos: Hier finden Sie die Spieltermine.

Von Sonja Fröhlich/RND

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