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Atto ist der höchste Turm im Regenwald

Klimaforschung Atto ist der höchste Turm im Regenwald

Der Amazonas-Regenwald gilt als mitentscheidend im Kampf gegen die Erderwärmung. Deutsche Forscher wollen Wissenslücken schließen und haben mitten im Urwald den höchsten Klima-Messturm der Welt errichtet - höher als der Eiffelturm.

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Der Urwald am Amazonas.

Quelle: dpa

Mainz, Manaus. Der Unterschied zwischen den deutschen und den brasilianischen Turm-Pionieren springt sofort ins Ohr. Während drei Forscher aus Mainz konzentriert und still Edelstahlrohre zur Messung von Mini-Luftpartikeln zusammenschrauben, schlurfen drei brasilianische Arbeiter heran – eine halbe Stunde zu spät, mit Musik. Aus dem Smartphone dröhnen Sambaklänge, die Urwaldgeräusche übertönen. Hinter ihnen, mitten im brasilianischen Regenwald, ragt ein orange-weißes Bauwerk 325 Meter steil in den Himmel. Das Amazon Tall Tower Observatory (Atto) ist der weltweit höchste Klima-Messturm, höher als der Eiffelturm. Der Gigant soll mit seinen Daten helfen, die richtigen Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel zu ergreifen.

Der Klima-Turm Atto im Amazonas-Regenwald ist 325 m hoch.

Quelle: dpa

Deutsche und Brasilianer betreiben ihn gemeinsam. Der Stahlturm, der weit über das grüne Dach der Amazonaswälder ragt, wurde 2015 eröffnet. Jetzt wird er betriebsbereit gestellt. Die nicht unbedingt leichte Aufgabe obliegt Meteorologen und Chemikern wie Christopher Pöhlker vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz. Zusammen mit Kollegen aus Mainz und vom Max-Planck-Institut in Jena soll er, 9000 Kilometer von der Heimat entfernt, das bisher einmalige Projekt fertigstellen helfen. Pöhlker (33) ist in Mainz Gruppenleiter für Aerosol-Messungen. Derzeit muss er teure, sensible Rohre mit riesigen Schlüsseln so zusammenschrauben, dass später kein Staubkorn eindringt.

Klar ist, dass der Regenwald das Klima der Erde stabilisiert. Doch wie Wald, Wolken, Winde, Niederschlag und die Miniteilchen in der Luft zusammenhängen, welche Veränderungen durch Treibhausgase entstehen, gibt noch Rätsel auf. Für den Klimaschutz und bessere Prognosen zur Erderwärmung müssen sie gelöst werden. Die Messgeräte sollen in verschiedenen Höhen Daten sammeln zum Wandel der Prozesse im Regenwald, zur Kohlendioxid-Konzentration in der Luft.

Der Amazonas-Regenwald ist bedeutend gegen den Klimawandel.

Quelle: dpa

Dafür ist es so wichtig, dass der Turm fernab von menschlichen Einflüssen durch Autoverkehr und Industrie steht. Acht Millionen Euro hat das Projekt bisher gekostet. Weil Atto so hoch ist, kann man mit ihm die Atmosphäre über einer Fläche von 700 Kilometern Länge und 550 Kilometern Breite analysieren. Für das Weltklima gilt die Amazonasregion als entscheidendes Kipp-Element – es ist auch hier schon weit trockener als früher.

Gerade erst ist der Pariser Weltklimavertrag in Kraft getreten. Darin verpflichten sich die Länder, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Die USA haben das Abkommen zwar ratifiziert. Doch der künftige Präsident Donald Trump hat den Klimawandel im Wahlkampf als Erfindung der Chinesen bezeichnet, um der US-Industrie zu schaden. Bremst er den Vertrag aus, könnten weitere Staaten folgen.

Schon jetzt nimmt der Regenwald in Brasilien durch Abholzungen weiter ab. 2014/2015 wurden 6000 Quadratkilometer zerstört, das 6,5-fache der Fläche Berlins. Treiber sind die Rinderzucht wegen des steigenden Fleischkonsums, der Sojaanbau. Atto-Projektmanager Reiner Ditz aus Mainz betont, wie wichtig die auf Jahrzehnte angelegte Forschung ist: „Fakten sind das A und O. Wir von der wissenschaftlichen Seite würden nie mit emotionalen Argumenten hantieren.“

Blick von Atto über den Regenwald.

Quelle: dpa

Mit Atto kann man in unterschiedlichen Höhen über rund 40  Messeinheiten zuverlässig und tagtäglich Daten sammeln. Die Partikelforschung ist zum Beispiel wichtig, um die Gletscherschmelze etwa in den Anden zu verstehen. Durch die Brandrodungen im Regenwald steigt die Konzentration der Teilchen auf bis zu 2000 je Kubikzentimeter – statt rund 200.

Lagern sich immer mehr schwarze Partikelteilchen auf den Gletschern ab, kann das Sonnenlicht nicht mehr so stark reflektiert werden und das Schmelzen nimmt zu. „Beunruhigend ist, wir messen selbst hier viel mehr Verschmutzungen, sogar in der Regenzeit“, sorgt sich Pöhlker. Wer sich von ihm und den anderen Forschern ihre Daten und Instrumente zur Wolkenbeobachtung erklären lässt, gewinnt den Eindruck, dass es nicht gut aussieht. Im August explodierten die Partikelkonzentrationen wegen vieler Brandrodungen. Pöhlker verfolgte im Atto-Camp am 8. November auch den US-Wahlabend. Als sich abzeichnete, dass Donald Trump das Rennen machen würde, trank er erst mal einen Cachaça-Schnaps. Aber die Atto-Crew spornt der Wahlausgang eher noch an. Denn jenseits aller Debatten über Wahrheit und Lüge in der Klimafrage haben sie hier nun ein weltweit einmaliges Faktenerhebungsinstrument auf ihrer Seite, das majestätisch den Amazonas-Regenwald überragt.

Von Georg Ismar

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