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Das Strahlen der Himmelsscheibe

Ein Speicherring für Kunsthistoriker: Physikalische Untersuchungen werden für den Erhalt des Kulturerbes wichtiger Das Strahlen der Himmelsscheibe

Im September 2003 wurde ein Kunsträuber in Naumburg (Saale) zu einer zehnmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt. Er und sein Kompagnon hatten die berühmte Himmelsscheibe von Nebra aufgespürt und sie auf dem Schwarzmarkt verhökern wollen.

BERLIN. . Doch die frühgeschichtliche Scheibe mit den eigenartigen Goldsternen war Eigentum des Landes Sachsen-Anhalt. Mit ihrer Berufungsverhandlung hatten die beiden Diebe Pech. Dank ausgefeilter physikalischer Analysen konnten Physiker die Echtheit der Scheibe beweisen und zugleich den Schaden belegen, der Sachsen-Anhalt durch einen Verkauf entstanden wäre.

Der Physiker Heinz-Eberhard Mahnke, Honorarprofessor an der Freien Universität (FU) Berlin und früher außerdem Wissenschaftler am Helmholtz-Zentrum Berlin, meint: „Diesen Nachweis unzweifelhaft zu führen, kann man kunsthistorisch nicht machen.“ Der Sachverstand von Kunstgeschichtlern hätte nicht ausgereicht, um die Angeklagten mit Freiheitsstrafen zu belegen. Man brauchte Naturwissenschaftler.

Die Physiker rückten der Scheibe mit Röntgenfluoreszenzanalyse, mit Synchrotronstrahlung – einer intensiven Form von Röntgenstrahlen –, der Analyse radioaktiver Isotope und der Altersbestimmung nach der C-14 Methode zu Leibe. So fand der Chemiker Ernst Pernicka das Alter der Scheibe heraus: von 2100 bis 1700 vor Christus.

Deshalb ist die Analyse von Kunstwerken mit Mitteln der Hochtechnologie auch ein Thema auf dem noch bis morgen dauernden 33. Internationalen Kunsthistoriker-Kongress in Nürnberg. Die Kunsthistoriker fragen in einer eigenen Sektion, welche Bedeutung technologische und naturwissenschaftliche Analysen für das Verständnis von Kunstwerken haben können.

Heinz-Eberhard Mahnke selbst wird vom 29. Juli bis zum 3. August in West Dover im US-Bundesstaat Vermont in der Reihe der sogenannten Gordon-Tagungen eine Konferenz zum Thema Naturwissenschaften und Kulturgut leiten. Mahnke will dort zusammen mit Marco Leona, Laborchef am Metropolitan Museum of Art in New York, zeigen, dass die Kunst noch viel mehr von modernen Technologien profitieren könnte. Ein Beleg dafür ist wieder die Nebra-Scheibe: Neben dem Alter der Himmelsscheibe fanden Mahnkes Physikerkollegen mit der Synchrotronstrahlung nämlich auch kunstgeschichtliche Details heraus: Die Goldsterne des faszinierenden Werks stammen aus verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Orten: „Man konnte so drei Phasen der Scheibe belegen“, sagt Mahnke.

Terahertz-Spektroskopie, Tomografie und Elementanalyse mit Photonen, Neutronen und Ionen – diese exotischen Vorgehensweisen sind längst nicht mehr nur das Metier der Grundlagenphysiker. Mahnke möchte mit der US-Tagung anregen, derartige Anwendungen auszuweiten.

„Einen Synchrotronstrahler konnte man bisher nicht in den Laboren der Museen einbauen“, sagt Mahnke, der auch Mitglied im geisteswissenschaftlichen Berliner Forschungsverbund „Topoi“ ist. Kein Wunder: Übliche Anlagen haben einen Durchmesser von 100 Metern. „Es gibt aber in der Tat Überlegungen, solche Anlagen zu miniaturisieren.“ Dazu müsste nur das Prinzip der Erzeugung der Strahlung verändert werden. Daran wird bereits gearbeitet.

„Ich träume nicht von einem Minisynchrotron“, gibt aber der Chemiker Stefan Simon, Direktor des Rathgen-Forschungslabors der Staatlichen Museen Berlin, zu. Nicht, dass er etwas gegen Technik hätte. Im Gegenteil: Seine Einrichtung in der Berliner Schloßstraße 1a ist voll davon. Aber erstens habe er gute Kontakte zu den Betreibern der Synchrotronanlage „Bessy II“ in Adlershof. Zweitens wären ihm mehr festangestellte Mitarbeiter in seinem Labor lieber.

Genau am 1. April 1888 richtete Friedrich Rathgen das naturwissenschaftliche Labor zur Untersuchung von Kunstwerken ein. „Das Berliner Labor war das allererste Konservierungslabor an einem Museum weltweit“, sagt Professor Simon nicht ohne Stolz. Erst viele Jahre später nahmen sich der Louvre in Paris, das British Museum in London und das Metropolitan Museum in New York ein Beispiel. Heute kann Simon nur noch wehmütig nach Paris oder London blicken, wo sich nun wesentlich mehr Wissenschaftler um die Kulturgüter mühen als in Berlin. Dort gibt es jetzt nur noch drei festangestellen Wissenschaftler. Für den Betrieb des Labors muss Simon auch noch Drittmittel einwerben.

„Die Frage von echt oder falsch steht nicht im Mittelpunkt unserer Forschung“, sagt Simon. „Unsere Hauptaufgabe ist die Erhaltung der Kunstwerke.“ Dazu setzt das Labor zum Beispiel chemische Analysen, die Röntgendiffraktometrie oder die Infrarotspektroskopie ein. „Letztlich beschreiben wir Zustände und versuchen diese in Zahlen auszudrücken“, sagt Simon. Haben sich Risse gebildet, ist dort die Farbe ausgeblichen, ist sie vielleicht gelber geworden? Durch denVergleich vieler Zahlen kann man Veränderungen der Kunstwerke erkennen und weitere voraussagen.

Mit diesen Methoden konnte das Rathgen-Labor aber auch bei den Ermittlungen gegen den im vergangenen Jahr verurteilten Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi helfen. Sieben Gemälde im Stile Max Ernsts, Max Pechsteins und anderer Malergrößen untersuchten Simons Kollegen. „Wir fanden zum Beispiel heraus, dass in den Bildern Farbmittel verwendet wurden, die es zur fraglichen Zeit noch gar nicht gab.“ Titanweiß fand sich eben noch nicht auf der Palette eines Expressionisten.

Mahnke hält trotz solcher Erfolge auch verbesserte Strahlenanalysen in den Museen für notwendig. So habe zum Beispiel Thomas Calligaro vom Untersuchungsllabor am Pariser Louvre nur dank protonen-induzierter Röntgenemission beweisen können, dass die Rubinaugen einer Ishtarstatue des Museums aus dem indischen Raum stammen. Die unglaublich winzigen Spuren anderer Materialien im Rubin hätte ohne Technik niemand entdecken oder gar bestimmen können. Dennoch machen die Physiker die Kunstgeschichtler nicht arbeitslos. Letztere steuerten im Fall der Statue die Dokumente bei, die sich auf Handelswege zwischen Ephesos und Indien bezogen. So führte die Zusammenarbeit zu einer stimmigen Geschichte über die Entstehung der Götterfigur.

Auch im Berliner Synchrotron „Bessy II“ sind solche Analysen Routine. „Wir machen Materialforschung“, sagt Sprecherin Ina Helms. „Da passen Kunstwerke gut dazu.“ Pro Jahr werden etwa 15 Objekte mit der intensiven Strahlung durchleuchtet. Zum Beispiel der Wikingerschatz vom Oseberg, zu dem ein verzierter Zeremonialwagen gehört. Die Forscher haben im Mai den Zustand des Holzes untersucht, um für das Museum von Oslo Strategien für die Konservierung abzuleiten.

Mahnke sieht noch andere Möglichkeiten. „In Dänemark finden Sie viele Kirchen mit komplett weißen Wänden.“ Waren diese immer so oder haben Bilderstürmer im 16. Jahrhundert etwa Wandgemälde übertüncht? Mit sogenannter Terahertz-Spektroskopie könnte man die Wände durchleuchten, ohne ihnen den geringsten Schaden zuzufügen. Nicht zuletzt sieht Mahnke in der voranschreitenden Lasertechnologie viele Einsatzmöglichkeiten. „Man kann damit zum Beispiel auch Bilder und Skulpturen reinigen.“

Wie sehr die Physik der Kunst helfen kann, hat Mahnke selbst bewiesen. 2008 und 2009 bestimmte er mit seinen Methoden die Materialien der Glasfenster der Kathedralen von Rouen und Évreux. Das diente einer sachgerechten Restaurierung der Fenster. Nebenbei erkannte Mahnke, dass offenbar Blei aus den Fassungen in das Glas eingedrungen war. Er fand nur eine Erklärung: Die von Abgasen gesättigte Luft hatte chemische Prozesse in Gang gesetzt, die eine solche Diffusion erst möglich machten. So wird die Physik auch zur Mahnung, das Kulturerbe besser zu schützen. (Von Rüdiger Braun)

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