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IASS-Chef Ortwin Renn steht auf Team-Arbeit

Nachhaltigkeit IASS-Chef Ortwin Renn steht auf Team-Arbeit

Er ist einer von vier Direktoren beim renommierten Potsdamer Institut für Nachhaltigkeitsforschung (IASS). Ortwin Renn hat den Job zu Jahresbeginn angetreten, in der Nachfolge von Klaus Töpfer. Im Interview mit der MAZ erklärt er, warum die Institutsführung nun im Kollektiv geleistet wird.

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Orwin Renn, einer der vier Direktoren des Potsdamer Institute für Advanced Sustainability Studies (IASS).

Quelle: David Ausserhofer

Potsdam. Ortwin Renn ist seit Anfang des Jahres einer der vier Chefs des Potsdamer Instituts für Nachhaltigkeitsstudien. Er hat die Nachfolge von Klaus Töpfer angetreten

Das IASS steht für Forschungen zur Nachhaltigkeit. Was verstehen Sie eigentlich darunter?Ortwin Renn: Da gibt es in der Tat schillernde Bedeutungsinhalte. Wir verstehen darunter den Erhalt humaner Lebensbedingungen für alle Menschen sowie eine lebenswerte Umwelt für Mensch und Natur.

Wenn Sie sich so in der Realität umschauen, sind wir auf dem Weg dahin?

Renn: Ja und Nein! Die Lebenserwartung steigt weltweit, technische Entwicklungen sorgen für mehr Sicherheit, Gesundheit und Wohlstand. Auch die Vorsorge gegenüber Naturkatastrophen ist besser geworden. Gleichzeitig steigt aber unser Verbrauch an natürlichen Ressourcen ständig an und wir hinterlassen immer mehr Emissionen und Abfälle auf der Erde.

Ihre Kollegen und Sie haben die Nachfolge des früheren Bundesumweltministers und UN-Umweltbeauftragten Klaus Töpfer als Gründungsdirektor des Instituts angetreten. Welchen Herausforderungen sehen Sie sich in der Weiterentwicklung gegenüber.

Renn: Wir begreifen uns in der Tradition Klaus Töpfers. Dem Ansatz des Instituts, Wissenschaft, Politik, Ökonomie und Gesellschaft im Zusammenspiel gestalten zu wollen, sehen wir uns verpflichtet. Die großen Themen bleiben: Umgang mit Rohstoffen und Abfällen, die Energiewende und ihre ökonomische, gesellschaftliche und soziale Gestaltung sowie die Umstellung der Wirtschaft auf erneuerbare Energiequellen.

Reicht bei diesen Aufgaben die Gestaltung politischer Rahmenbedingungen?

Renn: Natürlich stellt sich immer die Frage, wie wir bestimmte Ziele vor allem im Umweelt- und Klimaschutz erreichen können, ohne den Menschen etwas vorzuschreiben. Letztlich wird aber sehr viel durch persönliches Verhalten bestimmt. Ein Beispiel: Zwischen 1980 und 2010 konnte der Stromverbrauch von Haushaltsgeräten durch technische Entwicklungen um mehr als ein Drittel gesenkt werden. Auf der anderen Seite ist aber der Verbrauch insgesamt durch mehr Geräte fast um ein Fünftel gestiegen. Auch jenseits der Politik und der Erfolge auf Seiten der technischen Effizienz bleiben also das persönliche Verhalten und die Rahmenbedingungen dafür entscheidende Größe für unseren gesamten Fußabdruck in unserer Umwelt.

Der neue vierköpfige Vorstand begreift sich bewusst als Team ohne Hierarchien. Warum?

Renn: Wir haben als Ansatz unserer Arbeit mehrere Disziplinen: Das geht von der Naturwissenschaft, über Technik, Philosophie, Sozialwissenschaften und Ökonomie bis hin zur Politik. Kein Mensch der Welt kann alleine alle diese Felder abdecken. Als Team können wir uns aber dementsprechend vernetzen. Zudem muss unser transdisziplinärer Ansatz, der unterschiedliche Wissensbestände aus der Gesellschaft mit einbeziehen will, nach außen hin sichtbar sein.

Sie verstehen diesen Verzicht auf Hierarchien als Antwort auf den Anspruch einer nachhaltigen Zukunftsgestaltung.

Renn: Wir haben drei mögliche Strukturen für gesellschaftliche Strukturen: Hierarchie, Wettbewerb oder Kooperation. Für Nachhaltigkeit scheint uns das kooperative Gestalten die beste Option zu sein, um auch die verschiedenen Player, vor allem Politik, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Ökonomie, aber auch die Bürgerinnen und Bürger einzubeziehen. Diese kooperative Arbeitweise müssen wir im Vorstand spiegeln und insofern authentisch sein.

In der gesellschaftlichen Realität wird oft von einem angeblich wachsendem Bedürfnis nach Führungspersönlichkeiten gesprochen. Wie reagieren sie darauf?

Renn: Ich glaube auch, dass viele Dinge an Personen festgemacht werden, aber nicht an einer einzigen Person. Wir sind ein Team, das diese Realität lebt. Der Wegweiser sollte auch ein Stück des Weges gehen, den er weist. Insofern könnten wir auch ein Beispiel für andere geben.

Wie stehen ihrer Geldgeber, also der Bund und die Länder zur Teamführung? Wollen die nicht feste Ansprechpartner?

Renn: Wir haben einem rotierenden geschäftsführenden Vorstand. Von daher sind die Zuständigkeiten geregelt. Aber wir bleiben bei flachen Hierarchien und Teamarbeit. Klar wird unser Projekt mit viel Neugierde und Interesse, aber auch Wohlwollen gesehen.

Immerhin haben sie die Federführung über ein auf zehn Jahre angelegtes Projekt mit einem Fördervolumen von 100 Millionen Euro bekommen. Worum geht es darin?

Renn: Bei den sogenannten Kopernikus-Projekten des Bundes geht es um die zentralen Weichenstellungen für das Gelingen der Energiewende. Drei davon sind technisch orientiert. Bei dem vierten von uns koordinierten Projekt geht es um die systemanalytische Betrachtung des Energiesystems als Ganzem. Unser Ziel ist das hochkomplexe Energiesystem besser zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus Lösungsoptionen für eine gesicherte, sozial akzeptable und verträgliche Energieversorgung zu erarbeiten, die auch international Impulse gibt.

Wie können solche Lösungsoptionen konkret aussehen?

Renn: Zusammen mit weiteren wissenschaftlichen Partnereinrichtungen, zivilgesellschaftlichen Gruppen und der Ökonomie wollen wir ein Navigationsinstrument entwickeln, mit dem Wirkungen und Nebenwirkungen von wirtschaftlichen und politischen Maßnahmen im Voraus abgeschätzt werden können. Das soll helfen, unterschiedliche Fragen zu beantworten: Etwa wie verhindert werden kann, dass die Energiewende einkommensschwache Gruppen zu stark belastet oder mit welchen Maßnahmen die Elektromobilität effektiv und effizient gefördert werden kann.

Wie hat man sich ein solches Instrument vorzustellen, ein Mega-Rechner?

Renn: Das auszuloten, ist Teil des Projekts. Ein solches Instrument wird sich nicht auf einen Computer begrenzen lassen, der Gleichungen durchrechnen kann. Wir werden nicht alles in Algorithmen auflösen können, wir brauchen ebenso gutes Experimentieren und die Einbindung der besten Fachleute auf diesem Gebiet. Auch das Schaffen neuer Institutionen wird kein Königsweg sein. Wir brauchen dagegen organisierte Dialogverfahren gesellschaftlicher Gruppen, die Erfahrungswissen einbinden, um Wechselwirkungen von Maßnahmen prognostizieren zu können.

Von Gerald Dietz

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