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Muttermilch tut Frühchen gut

Milchbanken erleben Aufwind Muttermilch tut Frühchen gut

Frühchen gedeihen Studien zufolge besser, wenn sie Muttermilch erhalten. Doch nicht alle Mütter können stillen. Ein alter Trend erlebt wieder Aufwind: Frauenmilchbanken. Doch der Bedarf - gerade in den Frühgeborenenzentren - ist oft größer als das Angebot.

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Frühchen haben einen besonders schweren Start ins Leben.

Quelle: dpa

Greifswald. Dass das Stillen die beste Ernährung für Neugeborene ist, darüber besteht in breiten Teilen der Gesellschaft inzwischen Konsens. Mit der Besinnung auf die Vorteile des Brustgebens ist inzwischen auch ein weiterer Trend wieder im Aufwind: Das Verfüttern von Frauenmilch an fremde Babys.

Nach einer Schließungswelle in den 1970er bis 1990er Jahren entstehen vor allem an den hoch spezialisierten Frühgeborenenzentren wieder Frauenmilchbanken. Nach Angaben der European Milk Bank Association (Emba) arbeiten in Deutschland aktuell 15, davon 13 in den neuen Ländern. In Westdeutschland, wo alle Milchbanken bis 1972 dicht machten, sind inzwischen jene in München und Dortmund wieder aktiv. Trotz des Positivtrends liegt Deutschland damit dennoch im Mittelfeld, hinter Frankreich, Italien, Schweden oder Finnland.

Dank ihrer Spreewälder Ammen – hier im Berliner Tiergarten – waren diese Kinder um 1906 nicht auf Milchbanken angewiesen

Dank ihrer Spreewälder Ammen – hier im Berliner Tiergarten – waren diese Kinder um 1906 nicht auf Milchbanken angewiesen.

Quelle: Ullstein

Die Idee, Babys Milch fremder Mütter zu geben, ist nicht neu: Vor mehr als einem Jahrhundert – im Jahr 1909 – wurde die erste Frauenmilchstelle in Wien eingerichtet. Obwohl sich die künstliche Säuglingsnahrung schon damals verbreitete, waren viele Kinderärzte davon überzeugt, dass Muttermilch die beste Ernährung gerade für kranke Säuglinge und Frühgeborene sei, sagt die Neubrandenburger Still- und Laktationsberaterin Vera Risy, die zur Geschichte der Frauenmilchsammelstellen recherchierte. 1925 entwarf die Künstlerin Käthe Kollwitz das Plakat „Mütter, gebt von euerm Überfluss“, um für Frauenmilchsammelstellen zu werben. 1959 gab es in Deutschland 86 Frauenmilchbanken, davon 62 in der DDR. Mit der Verbreitung der künstlichen Säuglingsnahrung ab den 1970er Jahren sanken die Stillraten, und die Frauenmilchbanken gerieten ins Abseits.

Muttermilch oder Frauenmilch

Mehrere aktuelle Studien – zuletzt von 2015 – belegen die Vorteile von Muttermilch gegenüber künstlicher, auf Kuhmilchbasis produzierter Säuglingsmilch. So ist laut einer Studie des Deutschen Frühgeborenennetzwerks (GNN) das Risiko für eine nekrotisierende Enterokolitis (NEC) – eine gefährliche Darm-Entzündung – bei Frühchen, die künstliche Säuglingsnahrung erhalten, um das 12,6-Fache erhöht. Bei der Bronchopulmonalen Dysplasie (BPD) – einer Lungenentzündung – liegt das Risiko bei künstlicher Milch um das 2,6-Fache höher, bei der Retinopathie (ROP) – einer ausschließlich bei Frühgeborenen auftretenden Augenerkrankung – um das 1,8-Fache. In die Untersuchung gingen die Daten von 1433 Frühchen ein.

Frauenmilch enthält die richtigen Eiweiße

Milchspenderin kann eine Frau nur werden, wenn sie umfassend auf Erkrankungen gecheckt und die Milch auf Keime hin untersucht worden ist.

Rohe Frauenmilch ist tiefgekühlt bei Minus 20 Grad bis zu sechs Monate haltbar. Bevor die Milch an Frühchen gegeben wird, wird sie nochmals auf Keimbelastung untersucht.

Der Deutsche Hebammenverband (DHV) hält den weiteren Ausbau von Frauenmilchbanken in Deutschland für dringend erforderlich. Zum einen könne so gewährleistet werden, dass vor allem Frühgeborene und kranke Babys die Milch erhalten, die sie benötigen.

Frauenmilch versorgt Babys mit den richtigen Eiweißen, Fetten und Kohlehydraten. Sie liefert auch Immunstoffe, Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente, die auf den menschlichen Organismus abgestimmt sind. Muttermilch, die Milch der leiblichen Mutter, ist die erste Wahl bei der Säuglingsernährung. Als zweite Präferenz nennt die WHO Frauenmilch, also die Milch einer anderen Mutter.

Auch aktuelle amerikanische Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Demnach mindert Frauenmilch nicht nur das Risiko für Darmentzündung und Sepsis (Blutvergiftung), sondern wirkt auch stimulierend auf die Entwicklung des unreifen Darms sowie die geistige Entwicklung der Frühchen.

Bedarf für Frühchen kann derzeit nicht gedeckt werden

„Natürlich ist es das Beste, wenn Mütter ihre Kinder selbst stillen. Doch nicht immer ist das möglich“, sagt der Leiter der Neonatologie und Pädiatrischen Intensivmedizin am Universitätsklinikum Greifswald, Matthias Heckmann. Dort wurde 2014 die Frauenmilchbank neu eröffnet und dort setzt man wie in Leipzig sogar auf die Gabe von roher – also nicht pasteurisierter Frauenmilch. Es sei erwiesen, dass durch die Pasteurisierung – also das Erhitzen der Milch auf 62,5 Grad Celsius – nicht nur potenziell infektiöse Bakterien und Viren abgetötet werden, sondern auch jene Immun- und Abwehrstoffe sowie biologisch aktive Substanzen wie Laktoferrin, die sich förderlich auf das Gedeihen der Frühchen auswirken, erklärt Heckmann.

In sogenannten Milchküchen wird die Nahrung für alle Babys aufbereitet, die nicht gestillt werden können

In sogenannten Milchküchen wird die Nahrung für alle Babys aufbereitet, die nicht gestillt werden können.

Quelle: dpa

Die Gabe roher Frauenmilch stellt besonders hohe Qualitätsanforderungen. Das Universitätsklinikum hat eine strenge Leitlinie für die Aufbereitung und Lagerung von roher Frauenmilch erarbeitet. Der Bedarf für Frühchen kann in Deutschland derzeit aber nicht gedeckt werden, sind sich Experten einig. In Greifswald werden stillende Frühchenmütter angesprochen, wenn sie genügend Milch auch für andere Kinder haben, wie die Neonatologin Anja Lange erklärt. Die Milch solcher Frühchenmütter ist besonders geeignet. Die Zusammensetzung der Muttermilch und der Bedarf der Frühchen an bestimmten Stoffen ändern sich nämlich im Laufe der Zeit.

SOS auf Potsdamer Frühchenstation

Auch im Ernst-von-Bergmann-Klinikum in Potsdam gibt es seit 1966 eine Muttermilchsammelstelle. Unter den rund 1700 Kindern, die dort geboren werden, sind 40 bis 60 Frühchen mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm. Sie sollen mit humaner Milch einen optimalen Start ins Leben bekommen. Doch im Oktober 2014 wurde der Vorrat im Klinikum so knapp, dass die Frühchenstation einen Hilferuf absetzen musste. Als nur noch fünf Liter auf Eis lagen, wurden dringend Spender gesucht. Nach ihrem öffentlichen Aufruf hatten sich acht stillende Frauen gemeldet und den Vorrat wieder aufgefüllt.

Von Martina Rathke

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