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Pendeln geht auf die Nerven

Mobilität belastet die Psyche / Frauen erhalten mehr Antidepressiva als Männer Pendeln geht auf die Nerven

Fast jeder zweite Berufstätige in Deutschland pendelt zur Arbeit. Doch das bleibt nicht ohne Folgen: Die tägliche Fahrt zum Job bedeutet offenbar eine extreme Belastung für die Psyche.

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Frauen bekommen zu schnell Antidepressiva verschrieben.

Quelle: dpa

BERLIN. Mit 2,2 Fehltagen pro Kopf im Jahr 2011 ist die mobile Generation häufiger und langwieriger von psychischen Diagnosen betroffen als andere Berufstätige (1,9 Tage). Das geht aus dem Gesundheitsreport hervor, den die Techniker Krankenkasse (TK) gestern vorstellte.

Pendler leiden systematisch unter Zeitdruck. Ungewisse Abfahrt und Ankunft des Zuges, die Angst, ihn zu verpassen, oder stundenlanges Ausharren im Stau auf der Autobahn machen mürbe. Die Nomaden zwischen Heim und Job sind häufig und langwierig von psychischen Erkrankungen wie etwa Depressionen betroffen. „Das Risiko nimmt nicht nur mit jedem weiteren Wohnort- und Arbeitsplatzwechsel zu, sondern steigt auch mit dem Alter“, sagte der TK-Vorstandsvorsitzende Norbert Klusen. Den Löwenanteil der Berufspendler bilden Männer fortgeschrittenen Alters, häufig Akademiker, so Thomas Grobe vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung in Hannover, der den Report anhand jährlicher Krankschreibungen und Arzneimitteldaten von 3,7 Millionen TK-versicherten Erwerbspersonen ausgewertet hat.

Ein Umdenken der Arbeitgeber könnte allerdings Belastungen reduzieren: Moderne Technologien wie Telefon- und Videokonferenzen oder Home-Office-Angebote ermöglichen neue Arbeitsformen, wie etwa Arbeiten von zu Hause. „Flexible Arbeitszeiten ohne Kernzeiten können den Zeitdruck reduzieren“, sagte Christian Welzel, Experte für Betriebliche Gesundheitsförderung bei„aktiVital“. Das Unternehmen berät Firmen im Bereich Gesundheitsmanagement. „Wichtig sind Trainingslösungen, die sich in den Tagesablauf integrieren lassen.“ Wie etwa firmeninterne Fitnessangebote. Oder Bonussysteme als Belohnung für geleistete Dienste, so Welzel.

Im Schnitt ist laut dem TK-Gesundheitsreport jeder Beschäftigte in Deutschland rund zwei Tage im Jahr krankgeschrieben. Auffällig dabei: Die Fehlzeiten aufgrund psychischer Diagnosen sind von 2010 auf 2011 um gut sechs Prozent gestiegen. Betrachtet man die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre, sind es knapp 61 Prozent. Betroffen sind davon besonders Beschäftigte in Ballungsräumen wie Berlin und Hamburg. Ein erhöhtes Risiko haben außerdem Angestellte im Dienstleistungssektor wie Callcenter-Mitarbeiter, Pflegepersonal und Erzieher. „Dass diese Berufe häufiger von Frauen ausgeübt werden, ist sicher auch ein Grund dafür, dass weibliche Erwerbspersonen seelisch belasteter sind“, so Klusen. Dies gelte vor allem für die sogenannte Sandwich-Generation, die heute 30- bis 50-Jährigen, die zwischen Verpflichtungen für Karriere, Kind und oft auch Elternpflege „eingeklemmt“ sind.

Und es sind Frauen, die laut Arzneimittelreport der Krankenkasse Barmer GEK zwei- bis dreimal mehr Psychopharmaka als Männer erhalten. Diese bekämen dafür öfter Herz-Kreislauf-Mittel. „Nur die Hälfte der Frauen, die Antidepressiva bekommen, haben auch eine entsprechende Diagnose“, sagte Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen. Zu schnell werden Tranquilizer, Schlafmittel und Antidepressiva verschrieben. „Immer da, wo Frauen eine Hilfestellung erwarten, wird in der Medizin häufig mit Arzneimitteln reagiert.“ (Von Viktoria Hübner)

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