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Wenn Kinder trauern

Vom Umgang mit dem Thema Tod Wenn Kinder trauern

Kinder und das Thema Tod passen irgendwie nicht zusammen – doch manchmal ist es unumgänglich. Etwa wenn ein naher Familienangehöriger stirbt. Ein Leitfaden hilft, den Kummer der Kleinen zu verstehen und ihnen in der Trauerphase beizustehen.

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Trauerverarbeitung: Mithilfe von Bildern können Kinder ihren Gefühlen Ausdruck verleihen.

Quelle: iStockphoto

Hannover. Tod und Trauer, das ist nichts für Kinder. Der Verlust ist schon für Erwachsene nur schwer zu verkraften. Kein Wunder, dass die meisten Menschen ihren Nachwuchs davor lieber bewahren wollen. Doch kann man den Tod vor Kindern verheimlichen? Kann man nicht, finden Tita Kern, Nicole Rinder und Florian Rauch und raten stattdessen zu Offenheit und kindgerechter Trauerarbeit.

Wie die aussehen kann, haben die drei in einem Buch zusammengefasst. „Wie Kinder trauern“ heißt es und ist ein Leitfaden für die schwere Zeit. Der setzt darauf, Kinder nicht auszuschließen, wenn ein Todesfall die Familie trifft. Denn, so argumentieren die Autoren, Kinder merken ohnehin, wenn andere traurig sind, Dinge verschwiegen oder Sachen erzählt werden, die nicht stimmig sind. Dabei kann sich Trauer beim Nachwuchs, je nach Alter, ganz unterschiedlich äußern: Die Jüngsten weinen und kämpfen mit Trennungsschmerz, sie wollen, dass immer jemand bei ihnen ist und sie am besten auch nachts nicht allein im Bett bleiben. Kindergartenkinder legen mitunter wieder Babyverhalten an den Tag, Ältere stellen viele Fragen, manche sind frustriert und wütend, andere ziehen sich zurück, haben plötzlich Schlaf- oder Konzentrationsprobleme.

Tod und Sterben sind oftmals noch Tabuthemen

Die Autoren sind durch eigenes Erleben zu diesem Thema gekommen und haben es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen bei ihrer Trauerarbeit zu unterstützen, ja in vielen Fällen die Trauerarbeit erst möglich zu machen – immerhin wird der Tod selbst in der Familie noch häufig tabuisiert und wie das Sterben lieber „ausgelagert“.

Florian Rauch führt in München ein Bestattungsunternehmen und hat dort ein ganzheitliches Konzept zur Trauerbegleitung entwickelt, das er seit dem Jahr 2000 mit der Aetas Lebens- und Trauerkultur umsetzt. Dazu gehört auch eine Kinderstiftung: Diese gemeinnützige Organisation betreut Kinder und Jugendliche nach traumatischen Erlebnissen und will so spätere psychische Erkrankungen verhindern. Fachliche Leiterin der Aetas Kinderstiftung ist die Psychotraumatologin Tita Kern, die ein Pilotprojekt ins Leben rief, um Kinder nach belastenden Ereignissen zu unterstützen. Nicole Rinder verlor ihren Sohn und erfuhr dabei, dass es sehr tröstend sein kann, Zeit und Raum für Trauer und Abschied zu haben. Heute ist sie als Trauerbegleiterin für Menschen da, die Ähnliches durchmachen müssen.

„Es ist wichtig, die Wahrheit zu sagen“

In ihrem Buch stellen die Autoren Beispiele aus ihrer täglichen Arbeit vor und beschreiben, wie sie die Betroffenen beraten und vor allem die Kinder unterstützt haben. Egal ob die betagte Oma stirbt, ein Elternteil den Kampf gegen eine Krankheit verliert oder sogar ein Geschwisterkind durch einen Unfall aus dem Leben gerissen wird, sie raten dringend dazu, ehrlich zu sein, den Kindern keine Lügen zu erzählen in dem Wunsch, diese zu schonen. Das gelte selbst bei Suiziden.

„Kinder spüren sehr schnell, wenn die Wahrheit nicht gesagt wird“, hat Nicole Rinder oft erfahren. Die Trauerbegleiterin rät allerdings dazu, das Tempo der Kinder mitzugehen und nicht zu viel auf einmal zu erzählen. Das könne in etwa so aussehen: „Ich muss dir etwas Trauriges sagen – die Mama ist tot.“ Dann gelte es zu warten. Abzuwarten, was das Kind wissen will, ob es weiterfragt. Dann könne man mit einfachen Worten berichten von dem Autounfall oder dass das Herz aufgehört habe zu schlagen. „Das ist die Phase, in der es wichtig ist, die Wahrheit zu sagen“, so Nicole Rinder. Man müsse nicht in Details gehen, außer, es werde danach gefragt. „Das kann gleich sein oder aber erst nach Stunden, Tagen, Wochen, Monaten oder später“, beschreibt sie.

Nimmt man Kinder von Anfang an mit, wollen sie sich bei der Beerdigung einbringen, kann das ein guter und gesunder Beginn des Trauerprozesses sein, weiß Rinder. Außerdem könne man so Kindern die Angst vor dem Tod, dem Grab, der Beerdigung nehmen.

Abschied zu nehmen am Sarg muss vorbereitet werden

Die Münchner lassen Kinder Bilder malen und Briefe schreiben, die mit ins Grab gegeben werden. Manche Kinder wollen den Sarg mit aussuchen, andere Familien bemalen diesen gemeinsam – all das müsse erlaubt sein.

In ihren Räumen haben selbst schon kleine Trauergäste verstorbene Familienmitglieder noch einmal besucht. Was für viele nicht infrage kommt, weil die Furcht groß ist, diesen Anblick nie wieder loszuwerden, haben die Autoren in ihrer Praxis dagegen anderes erlebt. Dabei müssen sie immer wieder auch Erwachsene zu diesem Schritt ermutigen. Kaum einer, der prompt darauf eingeht, aber die meisten sind hinterher froh. Immerhin, so die Autoren, sei diese Chance des Abschiednehmens mit der Beerdigung unwiderruflich vorbei. Und werden die Trauernden einfühlsam darauf vorbereitet, was sie erwartet, muss sich niemand erschrecken.

Bei alldem darf nicht vergessen werden, dass auch die Erwachsenen einen geliebten Menschen verloren haben. Wie selbst trauern, wenn doch die Kinder jede Unterstützung brauchen? Hier sind Menschen wünschenswert, die „die Großen“ unterstützen. Dinge wie Rasen mähen, Essen kochen oder die Kinder in die Schule bringen sind simpel, aber hilfreich im Alltag. „Denn der Alltag ist gerade nicht mehr so, wie er war, und braucht Zeit, um wieder neu sortiert oder gefunden zu werden“, sagt Nicole Rinder.

Immer wieder erzählen und weinen ist wichtig

Wer einen Todesfall verkraften muss, braucht Menschen an seiner Seite, die das aushalten. Dazu gehört auch, immer wieder zu erzählen und zu weinen: „Dieses Wiederholen ist für Trauernde unglaublich wichtig, weil es mit jedem Noch-einmal-Sagen bewusster wird und in der Realität ankommt“, macht die Trauerbegleiterin deutlich.

Das Buch „Wie Kinder trauern“ ist ein hilfreicher Begleiter. Auch für Erwachsene, die nicht wissen, wohin mit Traurigkeit und Schmerz. Manch einer braucht weniger, der andere mehr Zeit zum Verarbeiten. Einer geht häufig ans Grab, andere malen oder schreiben, wieder andere reden viel über den Verlust. Das zeigt das Buch hier deutlich: Trauer ist immer anders, und Trauerarbeit ebenso.

Buchtipp

Buchtipp: Tita Kern, Nicole Rinder, Florian Rauch: „Wie Kinder trauern“. Kösel-Verlag. 192 Seiten, 17,99 Euro.

Quelle: iStock

Von Jana Brechlin/RND

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