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Schönheitswahn im Obstregal - B-Ware hat es noch schwer

Ernährung Schönheitswahn im Obstregal - B-Ware hat es noch schwer

Es ist ein Teufelskreis: Verbraucher haben sich daran gewöhnt, nur makelloses Obst und Gemüse zu bekommen - Händler und Erzeuger können für Top-Früchte mehr Geld verlangen.

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Äpfel und Birnen im Supermarkt müssen nicht perfekt aussehen. Der Meinung sind laut einer Umfrage die meisten Bürger.

Quelle: Tobias Kleinschmidt

Stuttgart/Berlin. Langsam setzt ein Umdenken ein.

Karotten mit drei Wurzeln, verwachsene oder rissige Äpfel, in die Länge gezogene, schlangenförmige Kartoffeln - sie haben meist keine Chance. Auch im Supermarktregal galt bislang: Erfolg hat nur, wer in Top-Form ist. "Wir haben ein Luxusproblem", sagt Manfred Edelhäuser, Referatsleiter für Lebensmittelüberwachung beim Verbraucherschutzministerium in Baden-Württemberg. "Der Handel schafft es nicht, schlecht aussehende Ware zu verkaufen."

Als Ursache des Schönheitswahns bei Obst und Gemüse gelten die sogenannten

Vermarktungsnormen der EU, in denen auch die Handelsklassen geregelt sind. Sie hatten eigentlich zwei Ziele, erklärt Edelhäuser: Zum einen wurde die Qualität der Sorten in Klassen eingeteilt und sollte so einfacher verglichen werden können, zum anderen vereinfachte die einheitliche Form von Gemüse Transport und Lagerung. Doch inzwischen sind die Regeln in die Kritik geraten.

 

Denn überwiegend wird das makellose Obst der Klasse I angeboten. Ware aus Klasse II, die auch mal Fehler in der Schale oder Druckstellen aufweisen darf, kommt dagegen kaum noch vor. "Wir finden dieses Angebot bei unseren Kontrollen nur in seltenen Fällen", sagt Maria Reinhardt, die beim Regierungspräsidium Stuttgart für landwirtschaftliche Produkte zuständig ist. Dabei müssen streng genommen nur ungenießbare - also zum Beispiel von Fäulnis oder Schädlingen befallene - Lebensmittel aus dem Verzehr gezogen werden.

Einige Supermarktketten versuchen es nun und bieten auch Früchte an, die von der Bestform abweichen - zu günstigeren Preisen. Der Edeka-Verbund hat vergangene Woche in verschiedenen Bundesländern ein Pilotprojekt gestartet, an dem sich auch der Discounter Netto beteiligt. In Österreich läuft ein Testprojekt der Rewe-Gruppe unter dem Titel "Wunderlinge". Ob das Prinzip allerdings auch nach Deutschland importiert werde, sei offen, sagt ein Rewe-Sprecher.

Reinhardt sieht vor allem die Verbraucher in der Pflicht. "Der Handel stellt sich auf das ein, was nachgefragt wird, also liegt es am Kunden", meint die Lebensmittel-Expertin. "Das Bewusstsein bei den Verbrauchern muss sich entwickeln." Äpfel der Klasse II schmeckten genau so gut wie ebenmäßiges Obst der Klasse I.

Jedoch scheint sich das Bewusstsein langsam zu wandeln. In einer aktuellen Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov gaben 84 Prozent der Bundesbürger an, dass sie bei Obst und Gemüse trotz optischer Makel wie Flecken oder Verformungen zugreifen würden.

Bei der Ernährungsorganisation Slow Food begrüßt man die Initiativen des Handels. Dort schätzt man, dass teilweise bis zu 40 Prozent des produzierten Obstes und Gemüses am Ende nicht in den Regalen landen. Was nicht den Schönheitsansprüchen entspricht, wird aber nicht immer automatisch weggeworfen. Aus vernarbten Äpfeln wird Saft gepresst, Kartoffeln oder Rüben können zu Tierfutter verarbeitet werden, verwachsener Kohl oder Salat wird auf dem Feld untergepflügt.

Trotzdem sieht Slow-Food-Sprecherin Anke Klitzing zwei Probleme. Die Landwirte bekämen weniger Geld für verarbeitetes Gemüse, und eigentlich nahrhafte Lebensmittel würden aussortiert. "Der Appell geht sowohl an die Händler als auch an die Verbraucher."

Auch Lebensmittelkontrolleur Edelhäuser appelliert an den gesunden Menschenverstand. Was viele Kunden zum Beispiel nicht wüssten: Selbst Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum schon abgelaufen ist, dürften eigentlich noch verkauft werden, solange sie noch genießbar und nicht verdorben sind. Doch häufig sähen sich die Einzelhändler gezwungen, die Preise schon vor Ablauf des Datums zu senken.

Für den Handel haben die wählerischen Verbraucher auch wirtschaftliche Folgen. Bei der Rewe-Gruppe schätzt man, dass trotz moderner Lagerhaltungsprogramme gut ein bis zwei Prozent des Gesamtumsatzes durch weggegebene oder weggeworfene Lebensmittel verloren gehen. Ein schwacher Trost: Zumindest ein Teil der nicht verkauften Produkte erfüllt noch einen guten Zweck - und geht an gemeinnützige Organisationen. Mehrere 10 000 Tonnen kommen nach Angaben des Bundesverbands Deutsche Tafeln so jährlich zusammen.

dpa

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