Startseite MAZ
Volltextsuche über das Angebot:

An die Arbeit

Gastbeitrag von Ali Mahlodji An die Arbeit

Wer aus Angst vor Krieg und Terror seine Heimat verlässt, ist nicht nur hoffnungsvoll – sondern auch hoch motiviert und flexibel. Deshalb sind Flüchtlinge perfekt für den deutschen Arbeitsmarkt. Der Autor Ali Mahlodji weiß, wovon er spricht. Er ist in einem Asylbewerberheim aufgewachsen.

Voriger Artikel
Nieten in Nadelstreifen
Nächster Artikel
Was heißt schon Geschlecht?

Integration ist immer eine Sache, zu der zwei gehören.

Quelle: dpa-Zentralbild

Hannover. Ich habe in den vergangenen Jahren europaweit mehr als 50 000 Jugendliche besucht, größtenteils in Deutschland und Österreich. Mein Team und ich werden von Schulen und Jugendorganisationen eingeladen, um Kinder zu motivieren und sie daran zu erinnern, welches Potenzial in ihnen steckt. Zu dieser Arbeit zählen Inspirationsworkshops, Motivationsvorträge und Weiterbildungen für Lehrer.

Meist werde ich in Brennpunktschulen geholt, die den Ruf haben, “schwierige“ Kinder zu ihren Schülern zu zählen. Kinder, von denen man gern mal sagt, dass diese nicht wollen oder nicht können. Die Wahrheit ist aber, dass ich noch nie ein Kind getroffen habe, das nicht will oder nicht kann, sondern nur Kinder, die das Gefühl haben, nicht gut genug zu sein. Kinder, die glauben, sie müssten repariert werden.

Je härter ein Kind nach außen ist und je kälter es wirkt, desto tiefer ist sein Schmerz. Dabei hat dieses Kind am Tag seiner Geburt nicht mal gewusst, dass es eines Tages in ein System aus Schule und Wirtschaft hineinkommt. Ein System, in dem man entweder zu den Guten oder zu den Schlechten gehört. Ein System, in dem wir später einmal um die 40 Stunden arbeiten müssen.

Ein System, das unser Leben bestimmt

Nein, wir wussten nicht, dass wir eines Tages in eine Leistungsgesellschaft kommen. Ich weiß nicht, ob wir uns freiwillig dafür entschieden hätten. Eigentlich ist es paradox, wie viele Dinge, die wir uns niemals ausgesucht haben, unser Leben bestimmen – ob wir wollen oder nicht. Wir haben uns niemals bewusst dafür entschieden, welches Geschlecht wir wollen, welche Haarfarbe oder Hautfarbe es sein sollte. Und es waren auch andere Menschen, die unsere Vornamen für uns festgelegt haben.

Mein Name ist Ali – und wenn ich mich bei gleicher Qualifikation wie ein gebürtiger Deutscher in Deutschland auf einen Job bewerbe, habe ich fünf- bis sechsmal schlechtere Chancen auf denselben Job. Werde ich als Frau geboren, erlebe ich eine Generation, in der es gängig ist, für technische Berufe oder Führungsaufgaben nicht in Betracht gezogen zu werden.

Wir sind geprägt von Stereotypen

Am Tag der Geburt wussten wir alle nicht, ob wir Mann oder Frau sind. Doch irgendwann erlernt man – abhängig vom familiären Umfeld – Weltbilder nach dem Motto “Technik ist eher etwas für Jungs“. Immer noch gängig sind auch Stereotype, die uns weismachen, dass Wirtschaft hart sein muss und dass es ja die Männer sind, die sich besonders gut durchsetzen können.

Diese frühzeitige Prägung resultiert dann 20 Jahre später in Zahlen und Fakten der Wirtschaft, die uns zeigen, dass es am Arbeitsmarkt sowohl im Bereich “technische Berufe“ als auch in Führungspositionen zu wenige Frauen gibt. Studien zeigen, dass Frauen Männern inhaltlich um nichts nachstehen, dass sie manchmal sogar besser sind. Doch wenn man im Glauben heranwächst, als Frau nicht gut genug zu sein, dann glaubt man das auch noch als erwachsener Mensch.

Diese beiden einfachen Beispiele, die kein rein deutsches Problem, sondern europäischer Natur sind, zeigen auf, dass Integration von Menschen immer etwas mit der Grundlage unserer Weltansicht zu tun hat. Wir erleben in ganz Europa zurzeit beispiellose Probleme im Management der Flüchtlingsbewegungen, und ich persönlich denke, dass wir als Kontinent sehr schlecht darin sind, aus der Geschichte zu lernen. Sowohl in Deutschland als auch in Österreich werden auf populistische Weise Obergrenzen für die Aufnahme von Flüchtlingen ins Spiel gebracht, um da Angst zu machen, wo wir stattdessen Chancen entdecken sollten.

Mehrsprachig, mobil, lernfähig

Ich denke, dass Flüchtlinge perfekt für den Arbeitsmarkt sind. Seit Jahren ruft die Wirtschaft nach Mitarbeitern, die für den Wandel der Arbeitswelt gerüstet sind: Sie sind mehrsprachig, haben keine Angst vor dem Scheitern, sie sind multikulturell, mobil und lernfähig. Ganz ehrlich: Niemand verlässt sein Land und sein vertrautes Umfeld, verabschiedet sich vielleicht für immer von seiner Familie und seinen Freunden, weil unser Wasser so gut schmeckt. Es ist die pure Angst, die Menschen dazu bringt, ihre Existenz zurückzulassen. Und es ist der Wille, an einem sicheren Ort ein gutes und menschenwürdiges Leben zu leben.

Menschen, die diese Flucht gemeistert haben, diejenigen, die unsere Sprache gelernt haben und auf dem besten Weg der Integration sind, sind es, die den perfekten Arbeitnehmer ausmachen: Sie waren bereit, eine neue Sprache zu lernen. Sie haben bewiesen, dass ihnen Mobilität nichts ausmacht, und sie haben gezeigt, dass multikulturelle Zusammenarbeit nichts ist, an dem sie scheitern.

Zur Integration gehören immer zwei

Ich selbst kam als Flüchtling nach Europa, habe die Schule geschmissen, hatte mehr als 40 Jobs und habe dann irgendwann Schule und Uni nachgeholt. Bei jeder einzelnen meiner Tätigkeiten war ich mir niemals für etwas zu schade. Sei es, dass ich Bauarbeiter war, im Supermarkt Regale geordnet habe oder am Wochenende bei der Post in der Paketsortierung half. Ich wusste, dass unser neues Leben in Europa eine Chance ist – und dass ich nur eine Lebenszeit habe, diese zu nutzen.

Integration ist immer eine Sache, zu der zwei gehören. Wann immer wir die andere Seite argwöhnisch betrachten, wann immer wir Angst haben und in unseren Köpfen die schlimmsten Dinge über Flüchtlinge durchspielen, sollten wir genau hinsehen und uns die Frage stellen, ob sie der Realität entsprechen oder ob es nur Denkmuster sind, die uns andere Menschen eingepflanzt haben.

Ich habe sehr oft erlebt, dass Menschen, sobald sie mich gut kannten, zu mir gesagt haben: “Wissen Sie, Ali, so schlimm sind Sie ja nicht.“ Es war oft dieser bewusste Austausch mit einem “Ausländer“, der in diesen Fällen die gedankliche Trendwende einläutete. Diese Einladung spreche ich jedem Menschen in Europa aus, der Angst vor Flüchtlingen oder Minderheiten in sich trägt: Wir haben oft keine Angst vor der Sache, sondern Angst vor der Angst – und es liegt an uns, die Realität zu unserer einzigen Hoffnung zu machen. Wir sollten sie als Chance sehen.

Zur Person: Ali Mahlodji wurde im Iran geboren und wuchs in einem österreichischen Flüchtlingsheim auf. Er stotterte, schmiss das Abitur und probierte sich in zahlreichen Jobs aus. Im Jahr 2012 schließlich gründete er die Videoplattform Whatchado, auf der Menschen von ihrem Leben und ihren Träumen erzählen. Gerade ist sein Buch “Und was machst du so?“ im Econ Verlag erschienen.

Von Ali Mahlodji

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Gastkommentar