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Das verramschte Welterbe

Gastbeitrag von Rainer Hartmann Das verramschte Welterbe

Von Neuschwanstein bis zur ­Halong-Bucht: Viele Traumziele leiden unter gigantischen Touristenmassen. Nur ihre Begrenzung kann das ­Natur- und Kulturerbe langfristig schützen – damit kommende Generationen die Faszination dieser besonderen Orte ebenfalls erleben können.

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Der Boom von Städtereisen führt Orte wie Barcelona oder Rom an die Grenzen ihrer Kapazität, Touristenmassen tragen zur Zerstörung wertvoller Naturlandschaften bei. Es braucht einen nachhaltigen Tourismus, der Verantwortung übernimmt.

Quelle: iStock

Bremen. In immer mehr Zielgebieten übersteigt der Tourismus inzwischen die Grenzen der Belastbarkeit. Das führt zur Zerstörung von Naturlandschaft, wie den Korallenriffen vor der Küste Australiens oder zur Bedrohung von Kulturerbestätten wie der antiken Stadt Pompeji.

Der Boom von Städtereisen führt Städte wie Barcelona, Venedig oder Rom an die Grenzen ihrer Aufnahmekapazität. Dort gehen die Einheimischen bereits auf die Straße, um gegen den Tourismus zu protestieren. Und auch für die Gäste wird der Besuch von bekannten Kulturerbestätten immer mehr zum Spießrutenlauf: Von Angkor Wat über Schloss Neuschwanstein bis zum Anne-Frank-Haus in Amsterdam: Überall verhindern überbordende Menschenmassen ein authentisches Reiseerlebnis.

Der Tourismus erweist sich hier als “Täter“ für eine Entwicklung, die längst nicht mehr als nachhaltig zu bezeichnen ist. Doch Touristen können auch zu “Rettern“ von sensiblen Landschaften und Kulturgütern werden, wenn sie rücksichtsvoll und ressourcenschonend Urlaub machen, sich an Regeln halten und sich intensiv auf die Kultur eines (fremden) Landes einlassen.

Anspruch und Wirklichkeit

Die Vereinten Nationen haben 2017 zum internationalen Jahr des nachhaltigen Tourismus ausgerufen. Doch dieser Ansatz ist keine Modeerscheinung, er hat längst in der Branche Fuß gefasst und sich zu einer global gültigen Maxime für die verantwortungsvolle Planung und Umsetzung des Tourismus entwickelt. Nur wissen die Wenigsten, was sich im Detail dahinter verbirgt und wie sich das konkret auf einen Tourismusort oder ein Reiseunternehmen übertragen lässt.

Tourismusanbieter, kleine wie große, integrieren inzwischen Nachhaltigkeitsaspekte in ihre Firmenphilosophie. Studiosus Reisen München etwa hat die Vision, mit seinen Reisen “im Sinne einer echten Völkerverständigung Brücken zu schlagen“ und steckt sich zum Ziel, “faire Beziehungen mit seinen Geschäftspartnern“ zu pflegen. Und die Kunden fordern Nachhaltigkeit: Laut der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) soll der Urlaub für etwa 30 bis 40 Prozent der Deutschen ökologisch und sozial verträglich, ressourcenschonend sowie umweltfreundlich sein.

Die Entwicklungen des Marktes sprechen allerdings eine andere Sprache: Seit 20 Jahren fliegt ein Drittel der deutschen Urlauber mit dem Flugzeug in die Ferien, die ökologisch bedenkliche Kreuzfahrtbranche boomt seit Jahren ohne ersichtliches Ende und auch der sorglose Urlaub in voll klimatisierten Resorts, in denen schlecht bezahlte Arbeitskräfte für die Gäste schuften, sind nach wie vor sehr gefragt. Selbst die Hauptzielgruppe für nachhaltigen Tourismus, der sogenannte Lifestyle of Health and Sustainability (LOHAS), verstrickt sich dabei zunehmend in Widersprüche, wenn es um Anspruch und Wirklichkeit geht.

Nachhaltigkeit bleibt schwer quantifizierbar

Die Frage ist, ab wann ein Urlaubsort als nachhaltig gilt oder eine Reise so zu bezeichnen ist. Um dies zu beantworten, hat sich seit 2008 eine Allianz von 27 Organisationen zusammengefunden. Diese Partnership for Global Sustainable Tourism Criteria (GSTC) entwickelte einen allgemeinen Kriterienkatalog zur Überprüfung einer nachhaltigen Entwicklung im Tourismus. Er umfasst ökonomische, soziokulturelle und ökologische Anforderungen. Darüber hinaus formuliert er Ansprüche an das übergeordnete Management: Nachhaltigkeit müsse grundständig in alle Bereiche der Führung von touristischen Unternehmen und Zielgebieten integriert sein.

Insgesamt sind es 41 Kriterien, die zu erfüllen wären, um sich vollumfänglich als nachhaltige Destination bezeichnen zu können. Einen unmittelbar messbaren Grenzwert gibt es allerdings nicht. Erst im Rahmen einer möglichen Zertifizierung können Schwellenwerte definiert werden. Geprüft wird dann, ob der Tourismus sich sozial und ökonomisch positiv auf die örtliche Bevölkerung hat auswirkt und zudem den Nutzen für das kulturelle Erbe und für die Umwelt vor Ort maximiert. Gleichzeitig sollen negative Wirkungen des Tourismus minimiert werden.

Belastungen minimieren, Genuss maximieren

Und wie sieht eine nachhaltige Reise unter solchen Gesichtspunkten aus? In Bezug auf Kulturerbe­stätten verlangt eine nachhaltige Tourismusentwicklung, dass sich die Verantwortlichen an bestehenden Richtlinien und Verhaltensregeln für den Besuch kulturell oder geschichtlich sensibler Orte orientieren. Ziel ist es, die Belastungen durch Besucher zu minimieren und den Genuss zu maximieren.

Mancherorts wird die Zahl der Besucher stark eingeschränkt oder zeitlich entzerrt, um historische Orte zu schützen. Viele Kulturerbestätten öffnen aus diesem Grund auch nur Teilräume für Besucher und führen die Gäste zudem auf strikt definierten Wegen durch die Anlagen. Zudem ist es von zentraler Bedeutung, dass die Einheimischen weiterhin ungehindert Zugang zu ihren Kulturstätten haben.

Nachhaltiger Tourismus soll zum Schutz und zur Erhaltung von kulturellen Gütern beitragen. Dazu müssen die Einnahmen aus dem Tourismus auch direkt zum Erhalt und zum Schutz des kulturellen Erbes eingesetzt werden. Wenn sich verantwortungsvolle Touristen diesen Bedingungen anpassen, kann von einem weitgehend nachhaltigen Tourismus ausgegangen werden.

Tourismusrückbau als Schadensbegrenzung

In der Praxis zeigt sich, dass es Orte, an denen der Massentourismus noch nicht Einzug gehalten hat, leichter haben, einen nachhaltigen Tourismus von Grund auf zu etablieren. Studien auf der Kurischen Nehrung und in Vilnius (Litauen) sowie in Sibiu und Brasov (Rumänien) haben diese These bestätigt.

Mit Blick auf die massentouristischen Zentren kann es zumeist nur noch um Schadensbegrenzung gehen. Im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung müsste etwa auf Mallorca, in Venedig oder auch in der Halong-Bucht in Vietnam ein schrittweiser Rückbau des Tourismus erfolgen, um das kulturelle Erbe zu schützen. Das kann nur dann gelingen, wenn vor Ort die Probleme eines ungezügelten Tourismus erkannt werden und alle handelnden Akteure gemeinsam an einem Strang ziehen – zum Schutz und Erhalt des kulturellen Erbes und der natürlichen Ressourcen. Ansonsten läuft der Tourismus dort Gefahr, seine eigene Basis zu zerstören.

Zur Person: Prof. Dr. Rainer Hartmann lehrt und forscht an der Hochschule Bremen im Bereich Tourismus- und Freizeitmanagement.

Von Rainer Hartmann

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