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Fluchtgründe verstehen, nicht nur bekämpfen

"Cap Anamur"-Mitbegründer Rupert Neudeck Fluchtgründe verstehen, nicht nur bekämpfen

Der Zustrom Hunderttausender Migranten befeuert die Debatte um die Bekämpfung der Fluchtgründe. Schlepper und Schleuser gelten als Wurzel des Übels. Falsch, meint der Menschenrechtsaktivist Rupert Neudeck in einem Gastbeitrag: Die Fluchtgründe sind komplexer und nicht mit Zäunen zu beseitigen.

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Rupert Neudeck (76) ist Mitgründer des Hilfswerks Cap Anamur und des Friedenskorps "Grünhelme". Neudeck wurde bekannt, als er sich 1979 für die Rettung Tausender vietnamesischer Bootsflüchtlinge einsetzte.

Quelle: Oliver Berg/dpa

Vielstimmig wird dieser Tage von Politikern aller Lager im Kontext der Flüchtlingsthematik die Bekämpfung der Fluchtursachen angemahnt, ohne dass dabei hinreichend analysiert und erklärt würde, worin diese bestehen und wie ihnen am wirksamsten zu begegnen ist. Deshalb hier der Versuch, fünf Ursachen zu benennen – und zu beschreiben, wie wir produktiv auf sie eingehen könnten.

Die erste Ursache: Die größte Flüchtlingsbewegung kommt aus Afrika. Sie hat gerade erst richtig begonnen und wird weiter anwachsen. Junge Menschen auf der Suche nach Sicherheit, Arbeit und Zukunft kommen zu Millionen aus den Staaten südlich der Sahara.

Ein Pakt zwischen Europa und Afrika

Nun fragen sich viele Bundesbürger: Haben wir für Afrika nicht schon Milliarden Steuergelder ausgegeben, sogenannte Entwicklungshilfe geleistet? Das haben wir – aber da das Geld mit der Gießkanne verteilt wurde und in den betroffenen Ländern Bataillone von gut verdienenden Helfern subventioniert haben, sind die Mittel weitgehend verpufft.

Was wir heute brauchen, ist ein in echter Partnerschaft gründender Pakt zwischen den Ländern Europas und Afrikas. Jene EU-Staaten, die kräftig genug dazu sind, sollten sich jeweils einem afrikanischen Land zuwenden: durch wirtschaftliche Kooperation, durch Ausbildungsoffensiven in den Partnerländern. Dann könnten Leuchttürme entstehen in Afrika. Dann könnte die Migration afrikanischer Jugendlicher abebben, womöglich gestoppt werden.

Ursache und Wirkung werden verwechselt

Die zweite Ursache: das Regime in Damaskus. Keiner weiß genau, ob schon die Hälfte oder nur ein Drittel der rund 22 Millionen Einwohner zählenden Bevölkerung Syrien verlassen hat. Solange der Krieg des Assad-Regimes gegen die eigene Bevölkerung nicht beendet ist, werden Hunderttausende weiterer Syrer nach Europa wollen. Sie werden nicht bereit sein, auf halber Strecke haltzumachen, um sich mit einem jahrelangen Aufenthalt in einem Flüchtlingsgroßlager zu begnügen, wie zum Beispiel im jordanischen Zaatari wo etwa 400.000 Flüchtlinge festsitzen.

Die angeblich dritte Ursache, so heißt es, seien die Schleuser- und Schlepperbanden, die den Menschen erst die Passage über das Mittelmeer ermöglichen. Angeblich, weil jene, die das behaupten, schlicht Ursache und Wirkung miteinander verwechseln. Die Schleuser konnten überhaupt nur stark werden, weil es für die meisten Flüchtlinge keinen anderen Weg über das Mittelmeer gibt.

Zudem konnte sich bislang kein einziger EU-Staat zu einem Kontingent durchringen, das syrischen Kriegsflüchtlingen in signifikantem Umfang Schutz und Bleiberecht auf sicherem Boden gewährt. Eine fünfjährige Aufenthaltsgenehmigung für 400.000 Syrer – das wäre ein angemessenes Signal.

Flüchtlinge aus sicheren Herkunftsstaaten

Die vierte Ursache: Zuwanderung vorwiegend aus wirtschaftlicher Not, wie wir sie derzeit vor allem über die Balkanroute erleben. Viele der Menschen kommen aus sogenannten sicheren Herkunftsstaaten, etwa aus Serbien, dem Kosovo oder aus Albanien. Die meisten von ihnen haben keinen Anspruch auf Asyl, auf kostenlose Unterkunft und Verpflegung.

Gewiss: Es gibt viele verständliche Gründe, sein Glück in Westeuropa zu suchen. Schiere wirtschaftliche Not ist einer davon. Dennoch: Die derzeitige Situation ist unter anderem deshalb so übermäßig belastet, weil zusätzlich zu den Hunderttausenden vorwiegend aus Afrika stammenden Asylberechtigten weitere Hunderttausende vom Balkan nach Deutschland kommen, die diesen Anspruch objektiv nicht haben.

Die Verheißungen des Internets

Sicher scheint: Die wichtigste Zukunftsaufgabe gibt uns Afrika auf. Die von mir gegründete Hilfsorganisation "Grünhelme" hat in Mauretanien eine Berufsausbildungsschule gebaut. 60.000 junge Afrikaner warteten dort auf eine Piroge, die sie auf die Kanarischen Inseln bringen würde. Uns war klar: Diese jungen Menschen werden nicht aus eigener Kraft zurückkehren können. Sie müssen jenen, die viel Geld für die Passage aufgebracht haben, etwas zurückgeben.

Nur, wenn sie ein Zertifikat und einen Beruf haben, können sie die Rückkehr wagen. Berufsschulen in den sichersten Ländern Afrikas könnten dazu beitragen, dass junge Migranten auch ohne lebensbedrohliche Schiffspassage ein Gewerbe erlernen können, um aufrecht in ihre Heimatdörfer zurückzukehren.

Schließlich die fünfte Ursache: die digitale Kommunikation. Nahezu alle Flüchtlinge – auch aus afrikanischen Ländern – besitzen mittlerweile ein Handy oder Smartphone. Diese jungen Menschen wissen mehr über die Welt und Europa als die Generationen vor ihnen. Sie machen sich auf den Weg – geführt von den Verheißungen des Internets. Diese Fluchtursache ist in Zeiten des allgegenwärtigen Internets wohl die einzige, gegen die wir tatsächlich nichts unternehmen können.

Zur Person

Rupert Neudeck (76) ist Mitgründer des Hilfswerks Cap Anamur und des Friedenskorps "Grünhelme". Neudeck wurde bekannt, als er sich 1979 für die Rettung Tausender vietnamesischer Bootsflüchtlinge einsetzte.

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