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Ich wachse, wo ich will

Gastbeitrag von Ilija Trojanow Ich wachse, wo ich will

Seit 45 Jahren lebe ich in Deutschland und werde doch meist als “Deutsch-Bulgare“ vorgestellt. Die Menschen sollten uns Geflüchtete nicht ein Leben lang auf die verlorene Heimat reduzieren. Statt “Wo kommst du her?“ sollte die Frage lauten: “Wo gehst du hin?“

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Wer flüchten musste, verliert seine Heimat nicht – sie wird ihm ewig nachgetragen. Ein Plädoyer für den Blick nach vorn statt zurück.

Quelle: Shutterstock

Berlin. Fast kein Tag vergeht ohne eine Diskussion über Migration. In den Medien ist der Flüchtling meist ein Problem, das gelöst werden muss. Eine Zahl. Ein Kostenpunkt. Das Thema wird allein als sozioökonomische Herausforderung betrachtet. Aber auch im privaten Umfeld, bei unzähligen Gesprächen über dieses Thema, fällt mir seit Jahren auf, wie wenig sich die Alteingesessenen das Leben eines Flüchtlings vorstellen können, und zwar weit über die Flucht hinaus. Denn die Flucht wirkt fort, unabhängig von der jeweiligen konkreten Biografie, von Fluchtursachen, Prägungen und Sehnsüchten. Sogar unabhängig von Erfolg oder Scheitern. Der Geflüchtete, könnte man sagen, ist eine eigene Kategorie Mensch. Ich gehöre dazu.

Auch nach Jahrzehnten wird der Geflüchtete meist vorgestellt als jemand, der einst von woanders kam. Seit 45 Jahren lebe ich außerhalb Bulgariens und doch werde ich fast immer als “Deutsch-Bulgare“ vorgestellt. So, als sollte unterstrichen werden, dass ich etwas Essenzielles, nämlich die Herkunft, nicht mit den Einheimischen teile. Das wird auch an den regelmäßigen Komplimenten sichtbar: Man hört ja gar nicht, dass Sie nicht von hier sind. Wieso sollte man? Sie haben ja gar keinen Akzent. Das klingt wie: Sie verheimlichen uns etwas, Sie machen uns etwas vor!

Wer mein Blut hat, sagt der Volksmund, ist mein Erbe. Ergo ist es nicht vorgesehen, dass die Fremden von uns nicht mehr zu unterscheiden sind. Wie haben Sie denn so gut Deutsch gelernt? Diese Frage muss ich bei fast jeder Lesung beantworten. Ich habe keine andere Antwort als die Gegenfrage: Ist es nicht viel verwunderlicher, wie schlecht viele Muttersprachler Deutsch können?

Die Sehnsucht nach dem Verlust der “Heimat“

Auffällig wird man als Geflüchteter über den eigenen Namen. Also schneiden Einwanderer manchmal dem eigenen Namen einige Konsonanten ab (vor allem in Nordamerika). Ankommen setzt voraus, für die einfache Aussprache des eigenen Namens zu sorgen. Oder sich mit einer anderen Aussprache abzufinden. Eines Tages wirkt die ursprüngliche Aussprache sogar ungewohnt, fast falsch.

Die meisten Menschen vermuten, wer einmal die Heimat verloren hat, hat sie für immer verloren. Dem ist nicht so. Die Heimat wird dem Geflüchteten nachgetragen wie ein abgenutztes Hemd, das er in einem Hotel zurückgelassen hat. Die Rezeption ruft an: Sie haben etwas bei uns vergessen. Verdammt, denkt man sich, wie werde ich das Ding los. Wir schicken es Ihnen gerne nach, sagt die Rezeptionistin, und man sehnt sich nach endgültigem Verlust. Nur die anderen behaupten, das Land, aus dem der Geflüchtete ursprünglich kommt, sei weiterhin seine “Heimat“.

Er versucht zu erklären, immer wieder: Er hat sich in Deutschland eingerichtet, aber das Land der Herkunft geht deswegen nicht unter. Es entfernt sich und fühlt sich zugleich nah an. Es bleibt allgegenwärtig, in der Familie, in Gesprächen, in denen es mal verklärt, mal verteufelt wird. Er muss so oft erläutern, dass seine Heimat weder dort noch hier ist, oder sowohl hier als auch dort, oder einfach nur in dem Gesicht des Menschen, den er liebt, dass der Geflüchtete irgendwann einmal der Erklärungen müde wird.

Die Herkunft wird zur Unbekannten

Geh zurück, wo du hergekommen bist! Diesen Satz hat jeder Geflüchtete schon einmal gehört. Ihn ernst zu nehmen hieße, in die Vergangenheit reisen. Denn das Land seiner Herkunft ist ihm inzwischen unbekannt. Es wird bevölkert von Geistern, regiert von Gerüchten. Für viele gibt es keinen Ort, an den sie zurückkehren könnten. Die Sehnsucht nach dem Verlorenen, das ahnt der Geflüchtete, ist der Griff nach einer Fata Morgana. Heimkehr ist nur noch in eine selbst geschaffene Heimat möglich.

Jeder Geflüchtete hat Grund, dankbar zu sein. Dem Land, das ihn aufgenommen hat. Einzelnen Einheimischen. Für das Glas Wasser, das ihm gereicht wurde. Für die Scheune, in der er übernachten durfte. Für die Begleitung auf Behördengänge. Oder die Unterstützung bei der Arbeitssuche. Oder die Vermittlung einer Ärztin. Für den einen Tag, der so gänzlich normal war, so frei von Aufregungen und Anspannungen, dass er diesen Tag wie reinste Labsal erlebte.

Wir sind keine Bäume

Als der Geflüchtete (genauer gesagt: ich) vor einigen Jahren zu heiraten beschloss, verlangte die Standesbeamtin eine Geburtsurkunde, ausgestellt innerhalb der letzten sechs Monate. Ich reiste in die Stadt meiner Geburt. Im Amt tippte eine Beamtin auf ihrer Tastatur herum, bis sie zu der Einsicht gelangte: Sie stehen nicht im System. Es war schwer, dem Standesamt zu erklären, dass es mich dort, wo ich herkomme, nicht mehr gibt.

Nach 45 Jahren glaube ich, dass der Herkunft zu viel Bedeutung beigemessen wird. “Abstammung“ ist ein Wort, das in die Irre führt. Wie auch “Wurzeln“. Schließlich sind wir keine Bäume. Ich wachse, wo ich will. Das ist ein Privileg und doch für viele eine Selbstverständlichkeit. Statt “Wo kommst du her?“ möchte ich einmal gefragt werden: “Wo gehst du hin?“

Zur Person: Ilija Trojanow (51) ist Präsidiumsmitglied des PEN-Zentrums. Mit Juli Zeh veröffentlichte er das Buch “Angriff auf die Freiheit“. Der Autor wurde in Sofia geboren, die Familie floh 1971 aus Bulgarien nach Deutschland. Diese Erfahrung und die Folgen verarbeitet er in dem soeben erschienenen Buch “Nach der Flucht“ (Fischer).

Von Ilija Trojanow

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