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Gastkommentar Kino ist das beste Kraftwerk für Weltoffenheit
Sonntag Gastkommentar Kino ist das beste Kraftwerk für Weltoffenheit
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10:39 08.02.2017
Quelle: dpa
Berlin

Es gab Zeiten, da durften Menschen einmal im Jahr offiziell Fake News basteln – und alle haben gelacht, mehr oder weniger. April, April. Längst wissen aufmerksame Menschen, dass heute jeder Tag des Jahres ein 1. April ist. Da werden Geschichten, Erzählungen, Informationen und Bilder manipuliert und anschließend mithilfe der Medien, vor allem via Internet und „sozialen“ Gehhilfen, um den Globus geschossen. Lustig ist das selten. Fast sehnt man sich zurück nach den guten alten Klingelstreichen.

Im Jahr 1991 wurde die erste Website der Welt veröffentlicht. Und 1991 starb Vilém Flusser. Der Philosoph und Visionär der digitalen Revolution hatte noch die Hoffnung, dass die weltweit vernetzte „Telematische Gesellschaft“ eines Tages eine echte „dialogische Beziehung“ führen könnte, geprägt von Nächstenliebe.

Nun, wie so oft seit der Vertreibung aus dem Paradies, kam es anders: Heute wollen wenig aufgeklärte Wesen die Welt mit 140 Zeichen oder Bomben regieren – und eine sichtlich überforderte Menschheit wird überflutet von massenhaft Botschaften und Bildern, die sie kaum noch lesen, verstehen, einordnen, überprüfen oder gar genießen kann (und will).

Das Internet spaltet: Auf der einen Seite verspricht es kluge Innovationen, auf der anderen Seite streuen digitale Müllentsorger und Fälscher ihr Gift. Was tun? Groucho Marx war hier deutlich: „Der Müllmann ist da. Sag ihm, wir brauchen nichts.“ Was im Internetabfall fehlt, oder nur an der Oberfläche existiert, ist echte Kommunikation, echter Dialog, echter Diskurs, wahre Empathie. All das aber können wir immer noch bekommen – wenn wir auf „off“ schalten, wenn wir uns der Kunst und der Kultur zuwenden.

Kultur ist das Grundnahrungsmittel für einen klaren Geist und Verstand, das beste und gesündeste Kraftwerk für Weltoffenheit und Akzeptanz. Für eine ganz besondere Form der Orientierungshilfe innerhalb der Kulturwelten stehen Filmfestivals. Wer ein Filmfestival besucht, muss nicht in Bilder- und Datenfluten ertrinken. Eher noch sind Festivalbesuche wie Schwimmkurse: Hier kann man lernen, auf den Bilder- und Informationsströmen zu schwimmen. Und manchmal erzeugen Filmfestivals sogar jene Glücksmomente, die einen glauben lassen, man könne kurz mal auf dem Wasser laufen. Warum das?

Über die Bedeutung von Filmfestivals in Zeiten der Bilderfluten kann ich nur reden, weil ich 1986 in Hamburg das Europäische Low Budget Forum gegründet habe und seit 2001 Direktor der Berlinale bin, mit mehr als 330 000 jährlich verkauften Eintrittskarten eines der größten Publikumsfestivals der Welt. Ich bin fest davon überzeugt, dass Filmfestivals, mit ihren unterschiedlichen Programmen, Schwerpunkten und Philosophien, den Menschen verschiedenste Blickwinkel auf Probleme ermöglichen und dabei helfen können, Ängste und Vorurteile abzubauen – und Mut und positive Kraft zu tanken. Fake findet hier nicht statt, ebenso wenig wie die permanente Multiplikation von negativen Gefühlen, die uns vergiftet. Bei Filmfestivals können wir lernen, die Welt mit ihren Codes und notwendigen Veränderungen besser zu verstehen. Genau das kann unser Handeln positiv verändern.

Das Kuratieren eines Filmfestivals, das Sortieren und Auswählen der Filme durch die Festivalprogrammer und -leiter, ist für die Festivalbesucher eine Orientierungshilfe und bringt – in Form des Strahls des Kinoprojektors – Licht ins Dunkel der medialen Bilder- und Gefühlsfluten. Ähnliches kann uns passieren, wenn wir in Buchläden, Bibliotheken, Museen, Konzerthäuser, Programmkinos gehen – oder wir uns mit verantwortungsvollen Medien auseinandersetzen. Was für ein Glück, dass wir solche Institutionen haben. Wenn nichts „kuratiert“ ist, überlässt man Meldung und Meinung den „freien Kräften“ und den sogenannten „sozialen“ Netzwerken.

Wir brauchen kleine und große Filmfestivals! Sie treten der schnellen, oft lauten Sprache der Politik und Medien mit der ruhigen, reflektierenden Sprache des engagierten Kinos entgegen. Dieses Kino zieht es vor, Fragen zu stellen, Probleme offen anzusprechen und der grauen Realität mit Poesie, Humor und Hoffnung zu begegnen. Der Gewinner des Goldenen Bären der Berlinale 2016 – „Seefeuer“ von Gianfranco Rosi, über Leben und Alltag auf der Insel Lampedusa, die zur Anlaufstelle unzähliger Geflüchteter wurde – veranschaulicht das ebenso wie der iranische Dokumentarfilm „Starless Dreams“ von Mehrdad Oskouei, der mit großem Mitgefühl das Schicksal iranischer Mädchen in einer Besserungsanstalt beschreibt. Dieser Film war in der Kinder- und Jugendfilmreihe „Generation“ der Berlinale zu sehen, ist aber bis heute ohne deutschen Verleih.

Auch das macht Filmfestivals so wichtig: Sie sind Orte für Entdeckungen, für kleine, enorm wichtige Filme und Themen, die unbedingt das Publikum erreichen müssen, um unsere unruhige Welt besser zu verstehen. So sind Filmfestivals analoge Plattformen für echte Vielfalt, Offenheit und Gespräche. Diese Vielfalt zeigt sich anhand der Programmangebote (bei der Berlinale sind es neun Sektionen und drei Sonderreihen), Spielorte (bei der Berlinale vom kleinen Kiezkino bis zum großen Berlinale-Palast am Potsdamer Platz), Ziel- und Altersgruppen oder Fachbesucher. Allein im Jahr 2016 waren es rund 20 000 akkreditierte Fachbesucher aus 122 Herkunftsländern.

Im Mittelpunkt eines Festivals wie der Berlinale steht das Publikum von 4 bis 99 Jahren. Und Berlinale heißt: ins Kino gehen, reden, Menschen, Kunst und Glamour treffen – und spüren, wie es aussehen kann, ein soziales, friedliches Netzwerk, vereint auf einem langen roten Teppich.

Dieter Kosslick ist seit 2001 Direktor der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Der 68-Jährige schrieb Reden und arbeitete als Kulturredakteur bei der Zeitschrift „konkret“, bevor er 1983 in die Filmförderung wechselte.

Von Dieter Kosslick

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