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Gastkommentar Untreue ohne Reue
Sonntag Gastkommentar Untreue ohne Reue
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20:13 09.02.2018
Quelle: iStockphoto
Hannover

Wenn man seinen Mitmenschen erzählt, dass man ein Buch über Frauen und Fremdgehen schreibt, gibt es typischerweise vier Reaktionsmuster. Männer heben die Augenbrauen und bemerken wissend: „Das wird ein Bestseller!“ Oder sie sagen: „Meine Frau bekommt das nicht zu lesen.“ Auch bei den Frauen gibt es zwei Typen. Die einen machen große Augen und sagen: „spannend!“ Und dann: „Das werde ich lesen! Hast du irgendwelche Tipps?“ Die anderen werden ganz still oder sagen so etwas wie: „Aha“ – gefolgt von vielsagendem Schweigen.

Erstere sind jene, die mit dem Thema bereits Erfahrung haben. Entweder sind sie selbst schon fremdgegangen oder spielen mit dem Gedanken. Sie möchten wissen, wie es anderen ergangen ist, was sie riskieren, oder wie andere mit den damit verbundenen widersprüchlichen Gefühlen fertig geworden sind.

Die schweigsamen Frauen schweigen, weil sie nicht sagen wollen, was sie denken: „So etwas würde ich niemals tun. Ich bin doch keine Schlampe, die ihre Liebsten verletzt und Familien zerstört, nur für ein kleines bisschen Vergnügen.” Und das meinen sie ganz aufrichtig. Aber die meisten Fremdgeherinnen, mit denen ich gesprochen habe, dachten genau so – bis zu diesem einen Abend, diesem einen Freund, Arbeitskollegen, Fremden in einer Bar, der alles veränderte und sie vom Lager der Tugendsamen in das der „Schlampen“ wechseln ließ.

Wer nicht in polyamoren Verhältnissen oder einer offenen Beziehung lebt, empfindet solches Verhalten als gravierenden Vertrauensbruch. Und selbst Paare, die sich bezüglich gelegentlicher Ausrutscher auf eine permissive, also nachgiebige und nicht kontrollierende Haltung geeinigt haben, sind nicht vor unberechenbaren Gefühlen gefeit. Viele Fremdgeherinnen erzählten mir, dass ihre Partner im Kopf bereitwillig mitgingen, wenn man davon sprach, die Beziehung zu öffnen, was sich dann letztlich aber doch als komplizierter erwies, als sie es sich gedacht hatten. Ging die Frau tatsächlich fremd, fühlten sie sich doch betrogen und hintergangen und reagierten mit Eifersucht oder Verlustängsten. Liebe ist seltsam und unberechenbar und fordert uns immer wieder heraus. Moralische Gefühle können sich verändern und entwickeln sich und sorgen im Lauf des Lebens für manche Überraschung. Dasselbe lässt sich vom weiblichen Begehren behaupten.

Das weibliche Begehren ist ein Mysterium, nicht nur für Forscher, sondern auch für viele Frauen. Wie wir uns unsere Sexualität aneignen, was diese Entwicklung beeinflusst, wie sie sich im Laufe des Lebens verändert, das war ein zentrales Thema meiner Recherche.

Die wichtigste erogene Zone der Frau liegt nicht zwischen den Beinen, sondern zwischen den Ohren. Wie das Hirn ist auch das weibliche Begehren komplex und weitgehend unverstanden – entsprechend schwierig ist es, Lust in Unlust zu verwandeln. Neuere Studien deuten darauf hin, dass die weibliche Lust empfindlich auf alles Mögliche reagiert: Dabei spielen die Lebenssituation der Frau, der Partner, das Gefühl, begehrt zu werden und begehrenswert zu sein, eine entscheidende Rolle. Oft fühlen sich die Frauen in ihrer bestehenden Beziehung überlastet, unverstanden und wissen gar nicht, was sie eigentlich wollen. Sie denken oft, dass sie vielleicht einfach nicht so sexuell orientiert sind – und müssen dann erstaunt feststellen, dass sich ihre vermeintlich eingeschlafene Lust unter den Blicken und Gesprächen eines anderen Mannes plötzlich mit Macht zurückmeldet.

Verantwortlich dafür ist der sogenannte Coolidge-Effekt, also der genuine Reiz des Neuen, das eine ganz besondere Anziehungskraft auf uns Menschen ausübt. Das Phänomen ist bei einer Vielzahl von Säugetieren zu beobachten. Bei Ratten sieht das folgendermaßen aus: Setzt man einem Männchen ein Weibchen vor die Nase, dann bespringt dieses seine neue Gespielin zunächst enthusiastisch, bis nach einer Weile das sexuelle Interesse erlahmt. Wird das Weibchen durch ein neues ersetzt, kommt der alte Elan beim Männchen zurück.

Der Name dieses Phänomens rührt von einer Anekdote über den amerikanischen Präsidenten Calvin Coolidge, der mit seiner Frau in den Zwanzigerjahren eine Hühnerfarm besuchte. Während der Tour erkundigte sich die First Lady, wie es gelinge, so viele Eier mit so wenigen Hähnen zu produzieren. Der Bauer erklärte ihr stolz, dass seine Hähne in der Lage seien, Dutzende Male am Tag den Akt zu vollziehen. „Vielleicht könnten Sie das dem Präsidenten gegenüber auch erwähnen“, meinte Frau Coolidge. Darauf erkundigte sich der Präsident, ob der Hahn denn immer mit derselben Henne kopuliere. Der Farmer antwortete: „Keineswegs, er wechselt von einer zur anderen.“ Worauf der Präsident meinte: „Vielleicht erwähnen Sie auch das gegenüber der First Lady.“

In meinen Gesprächen mit Fremdgeherinnen habe ich festgestellt, dass sie diese Erfahrung, trotz der oft unerfreulichen Konsequenzen, fast nie bereuen. Ein Seitensprung kann Leidenschaften wecken, zu denen man sich schon gar nicht mehr fähig glaubte, kann seit Jahren verkrustete Beziehungsprobleme aufbrechen, Dinge in Bewegung bringen, die vorher unverrückbar schienen und total neue Perspektiven auf sich selbst, das Leben, die Liebe und die Beziehung eröffnen. Paradoxerweise haben viele Fremdgeherinnen nach außerehelichen Eskapaden auch wieder vermehrt Lust auf ihren Partner – eben weil sie sich wieder begehrenswert fühlen. Oder weil der Partner, aufgerüttelt durch Verlustängste, endlich auf ihre Bedürfnisse eingeht.

Tipps zum Fremdgehen kann ich nicht geben – außer vielleicht, dass ich die Frauen ermutige, mit ihren Partnern über Sexualität und ihre Lust zu sprechen, bevor es zum Seitensprung kommt. Denn jeder Mensch und jedes Paar muss selber herausfinden, wie es damit umgehen will. Aber ich würde dafür plädieren, sich diesbezüglich ein bisschen locker zu machen, gerade, wenn die Beziehung langfristig funktionieren soll und man den Anspruch hat, auch seine Sexualität leben zu dürfen.

Michèle Binswanger ist eine Schweizer Journalistin und Autorin. Sie ist studierte Germanistin und Philosophin. 2010 wurde sie gemeinsam mit Nicole Althaus zur Schweizer Journalistin des Jahres gekürt. Für ihr Buch „Fremdgehen – Ein Handbuch für Frauen“ (Ullstein. 256 Seiten, 14,99 Euro) hat sie mit zahlreichen Frauen gesprochen. Quelle: privat

Von Michèle Binswanger

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