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Wie viel Verkehr verträgt die Umwelt?

Gastbeitrag von Wiebke Zimmer Wie viel Verkehr verträgt die Umwelt?

Stellen wir uns vor, wir gehen morgens aus dem Haus und sehen Grünflächen, entspannte Fußgänger und Fahrradfahrer, dazwischen ein paar Elektroautos. Diese Utopie sollte schon bald Wirklichkeit werden, wenn wir die Klimaschutzziele von Paris erreichen wollen.

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Mobiltätsexpertin Wiebke Zimmer wünscht sich mehr Mut von der Politik, den Bürgern Veränderung zugunsten des Klimas zuzumuten.

Quelle: iStockphoto

Berlin. Mobilität ohne Treibhausgase: Was wie eine Utopie klingt, muss bald Realität werden. Wenn wir die Klimaschutzziele von Paris erreichen und die Erderwärmung auf maximal zwei Grad begrenzen wollen, ist der Verkehr ein Schlüsselsektor. Anders als beim Strom, der bereits heute zu gut einem Drittel aus erneuerbaren Quellen stammt, ist beim Verkehr die Wende noch nicht im Ansatz gelungen: Die Treibhausgasemissionen sind in den vergangenen Jahren nicht gesunken, sondern vielmehr wieder angestiegen.

Wenn wir so weitermachen wie bisher und nur das umsetzen, was die Politik bereits beschlossen hat, wird sich das auch nicht ändern: Der Verkehrssektor wird seine Emissionen bis 2050 gerade mal um 28 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 reduzieren. Das Ziel aber wären 95 Prozent. Im Sport nennt man das eine krachende Niederlage!

Aber treibhausgasfreier Verkehr bis 2050 ist möglich. Das hat das Öko-Institut im Projekt Renewbility gezeigt. Und: Es lohnt sich, auch für unsere Volkswirtschaft. Die Vorteile werden die Nachteile bei Weitem überwiegen, wenn es uns gelingt, dass der Verkehr bis 2050 CO 2-frei rollt.

Schritt 1: Mehr Elektromobilität

Ein zentraler Punkt dafür ist die Elektromobilität. Aber die wird sich nicht einfach von selbst durchsetzen, das haben uns die vergangenen Jahre gelehrt. Die Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen und die CO 2-Grenzwerte für Pkw von heute 120 Gramm CO 2 pro Kilometer schrittweise auf höchstens zehn Gramm pro Kilometer weiter herabsenken. Darüber hinaus brauchen wir eine höhere Besteuerung für die Kraftstoffe. Im Ergebnis würde das bedeuten: Fast alle Pkw wären im Jahr 2050 Elektrofahrzeuge, die – dank Strom aus erneuerbaren Energien – emissionsfrei fahren.

Ganz wichtig dabei ist aber auch, dass die Rahmenbedingungen für die Automobilhersteller so gestaltet werden, dass die Verbrauchsangaben auf den Fahrzeugpapieren dem Kraftstoffverbrauch entsprechen müssen, den die Pkw im realen Fahrbetrieb auf der Straße haben. Das ist entscheidend, damit die Verbraucher wissen, wie viel ihr Auto wirklich verbraucht, und dementsprechend ihre Kaufentscheidung treffen können. Unrealistische Angaben helfen langfristig niemandem. Am Ende auch nicht den Automobilunternehmen.

Schritt 2: Mehr Lebensqualität in den Innenstädten

Aber es geht noch besser! Denn der Umstieg auf effizientere, elektrisch betriebene Fahrzeuge würde noch nicht die zunehmende Flächenkonkurrenz in Städten verringern oder den täglichen Stau auflösen. Um diese Probleme zu lösen, brauchen wir weiterführende Ansätze: Wir brauchen Städte der kurzen Wege mit verbesserter Nahraumversorgung und stärkerer Nutzungsdurchmischung. Damit hätten alle kürzere Wege. Zur Arbeit, zum Einkaufen. Wir könnten häufiger zu Fuß gehen oder das Fahrrad nehmen. Kürzere Wege bedeuten auch schnellere Wege und mehr Zeit für das, was uns wichtig ist.

Wir brauchen gute Carsharing-Angebote. Dann könnten mehr Leute auf ein eigenes Auto verzichten, und wir bräuchten auch weniger Parkplätze. Wir hätten mehr Platz, zum Beispiel für Fahrradwege, Grünflächen und Spielplätze. Und es gibt noch viel mehr, um in den Innenstädten die Lebensqualität zu verbessern: Zufahrtsbeschränkungen für die Fahrzeuge, die noch CO 2 ausstoßen; ein besserer, schnellerer, attraktiverer öffentlicher Nahverkehr; besseres Parkraummanagement mit deutlich höheren Preisen; eine bessere Infrastruktur für Radfahrer; am besten noch eine Pkw-Maut und dazu Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit innerorts mit Ausnahme des Hauptstraßennetzes. Kurz: weniger Verkehr, weniger Abgase, weniger Feinstaub, weniger Lärm.

Sowohl die Anzahl der Fahrzeuge in der Stadt wie auch die Anzahl der gefahrenen Kilometer und der Endenergiebedarf des Personenverkehrs würden noch mal deutlich sinken. Das läge nicht nur daran, dass Autofahren teurer würde, sondern vor allem auch an den attraktiven Alternativen: Carsharing statt eigenem Fahrzeug, Bus oder Fahrrad statt Auto, die Arbeit ums Eck statt am anderen Ende der Stadt. Wir wären anders mobil als heute – aber nicht schlechter.

Die Voraussetzung: Mehr Mut

Bisher hat die Politik bei konkreten Klimaschutzmaßnahmen im Verkehrsbereich eher zögerlich agiert aus Angst vor der Strafe der Wähler. Die Herausforderungen bei Veränderungen ist: Die meisten überschätzen die Nachteile und unterschätzen die Vorteile. Stockholm beispielsweise führte 2006 das Undenkbare ein: eine City-Maut. Vorher waren 70 Prozent der Bürgerinnen und Bürger dagegen, heute sind 70 Prozent dafür! Weil die Menschen die Vorteile jetzt spüren.

Aber mittlerweile gibt es auch immer mehr Menschen, die die Politik von sich aus nachdrücklich dazu auffordern, aktiv zu werden. Im vergangenen Sommer unterschrieben innerhalb von drei Wochen mehr als 100 000 Menschen den Berliner “Volksentscheid Fahrrad“, damit das Fahrrad in Berlin einen angemessenen Platz im Verkehr bekommt.

Ich wünsche unseren Politikern den Mut, uns Veränderungen zuzumuten. Damit wir die positiven Effekte spüren und erleben können. Dann sagen wir im Jahr 2050, während wir dem Nachbarn auf seinem Fahrrad nachsehen und uns auf den Weg zur Bushaltestelle machen: “Das ist toll! Verändert es bloß nicht wieder!“

Zur Person: Die Diplom-Chemikerin und Physikerin Dr. Wiebke Zimmer ist eine Expertin für nachhaltige Mobilität. Seit 2005 entwickelt sie am Freiburger Öko-Institut Strategien zur CO 2-Minderung im Verkehr, 2013 übernahm sie die stellvertretende Leitung des Bereichs Ressourcen & Mobilität. Dr. Zimmer ist Projektleiterin der Renewbility-Studie, die durchspielt, wie sich der Verkehrssektor dekarbonisieren lässt.

Von Wiebke Zimmer

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