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Gastkommentar Zu viel Mitgefühl ist gefährlich
Sonntag Gastkommentar
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20:05 05.05.2017
Wer beim Umgang mit Populisten allein auf Verständnis setzt, läuft Gefahr, sie in ihren Überzeugungen zu bestärken. Quelle: iStock
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Hannover

Mit der AfD verbindet mich das Gefühl der Schuld. Ich hätte sie nämlich verhindern können. Jetzt denken Sie sicher, ich sei größenwahnsinnig. Was kann ein Akademiker gegen die große Politik tun? Aber lassen Sie mich erzählen.

Ich arbeite als Professor an einer großen amerikanischen Universität, der Indiana University in Bloomington. Dorthin kommen auch Gastprofessoren aus aller Welt. So traf es sich, dass ein Volkswirtschaftsprofessor aus Hamburg im akademischen Jahr 2011/12 eintraf. Meine Freunde und ich hatten dort eine “Deutsche Samstagsschule“ aufgebaut, und da stand ich dann regelmäßig mit dem Gast an der Seite, während seine und meine Kinder sangen, bastelten und spielten.

Er machte sich über viele Dinge Gedanken. So fragte er einmal: “Fritz, wäre es nicht schön, wenn wir die D-Mark wiederhätten?“ Ein anderes Mal sprach er der EU ihre Daseinsberechtigung ab. Ich staunte über die krassen Meinungen. Dabei wendete ich eine Technik an, die man “aktives Zuhören“ nennt. Sie besteht darin, dass man anderen gegenüber die eigene Meinung zurückhält und ihnen stattdessen das Gesagte widerspiegelt: “Bernd, du meinst also wirklich, dass der Euro eine schlechte Idee war?“

Empathie bestärkt auch extreme Meinungen

Der Effekt dieser Technik besteht darin, dass der andere sich frei fühlt, seine Meinung zu entfalten. Häufig sind Menschen dann bereit, ihre Meinung einzuschränken – da sie ja bereits das gute Gefühl hatten, verstanden zu werden. Widersprochen habe ich unserem Gast aus Hamburg also selten. Ich hielt die Ideen für harmlose Gedankenexperimente. Das war mein Fehler. Ich mache mir Vorwürfe.

Dieser Mann war Bernd Lucke. Er kehrte von seinem Gastjahr im Sommer 2012 zurück und gründete im September die Alternative für Deutschland, die AfD. Seine Ernsthaftigkeit und Gewissenhaftigkeit machten die Partei stark, verliehen ihr Glaubhaftigkeit, bevor sie vom rechten Spektrum gekapert wurde.

Hätte ich die Gründung der AfD wirklich verhindern können? Zumindest habe ich es nicht versucht und habe Kollege Lucke vermutlich in seinen Annahmen bestätigt. Dies führt mich zu einer prinzipiellen Frage: Wie redet man mit Menschen, die sich vom liberal-demokratischen Programm verabschieden? Oder mit Menschen, die wie Bernd Lucke blauäugig vereinnahmt werden? Aktives Zuhören und empathisches Mitfühlen stoßen hier an ihre Grenzen. Aber soll man Grenzen verhärten, die Tür zum Dialog schließen?

Gefühle sind zum Fakt geworden

Der Populismus ist weltweit auf dem Vormarsch, auch in Großbritannien, den USA, den Niederlanden, Frankreich und dank der AfD zunehmend auch in Deutschland, ganz zu schweigen von Polen, der Türkei oder den Philippinen. Einfühlung und Empathie spielen beim Aufstieg der Populisten eine zentrale Rolle. Man kann sagen, dass der Populismus eine empathische Bewegung ist.

Jene, die sich gefühlsmäßig offen zeigen für Trump, geraten oft in einen Sog: Für jeden Wutausbruch, jede Diffamierung, jeden Lapsus in Trumps Verhalten finden sie plötzlich Gründe und Ausreden. Jeder Gefühlsausbruch von ‚Donald’ bestätigt für seine Anhänger nur, dass sie sich richtig entschieden haben. Begeistert warten sie, wie er sich gegen die (selbstverschuldeten) Vorwürfe zur Wehr setzen wird. Parteinahme, Identifikation und In-Schutz-Nehmen sind hier ein Amalgam geworden. Er ist zum großen Baby der Politik geworden. Und viele wollen ihm helfen und beistehen, denn seine Gefühle sind nun ein Faktum geworden

“Wir“ gegen “die anderen“

Der Mechanismus, den die Populisten ausnutzen, lässt sich als “Empathie durch Parteinahme in Dreierszenen“ beschreiben. Wenn wir als Beobachter einen Konflikt wahrnehmen, entscheiden wir uns meist schnell für eine der Parteien. Wir beginnen die Situation des Konflikts aus dieser Perspektive wahrzunehmen. Das führt in der Regel dazu, dass wir die Gefühle dieser Seite teilen. Die Populisten produzieren immer wieder mentale Bilder, die ein “wir“ von den “anderen“ unterscheiden. Derartige Polarisierungen sitzen.

Häufig wird vermutet, Empathie sei dazu geeignet, Konflikte beizulegen. In der Familie kann das funktionieren. Doch die politische Evidenz geht eher in die andere Richtung. Als in Nordirland in einem Großversuch in den Schulen versucht wurde, den Katholiken und Protestanten Empathie für die jeweils andere Seite beizubringen, blieb am Ende vor allem eines hängen: dass es zwei Seiten gibt.

Die populistischen Verführer ziehen gern Empathie auf sich. Trump macht sich über Behinderte lustig, Wilders beleidigt Moslems. Man denkt: Damit können sie nicht gewinnen! Doch wer öffentlich allein gegen alle steht, hat schon gewonnen. Denn man versetzt sich in ihre Lage: Was würde ich an deren Stelle jetzt noch sagen? Da beginnt mit der Perspektivübernahme schon die erste Stufe von Empathie.

Empathie ist Teil des Problems

Wenn man Empathie als Teil des Problems erkennt und eben nicht als den besten Weg zur Lösung, muss man sich erneut fragen, was gegen den Populismus zu tun ist. Das Erste ist, dass man nicht in die Falle der Empathie fallen darf. Wer über die Versuche der Polarisierung durch die Populisten lacht, ist einen Schritt weiter. Was wäre passiert, wenn ich Bernd Lucke damals freundlich ausgelacht hätte?

Das Zweite ist, dass man Kommunikation aufrechterhält, die Leute an den Pakt des Gesprächs erinnert: “Ich habe dir zugehört, jetzt bist du auch einmal dran zuzuhören, Bernd.“ Man soll nicht hoffen, andere zu überzeugen. Aber man kann ihnen klarmachen, dass Reden und Zuhören sich abwechseln müssen. Das Ritual des Gesprächs müssen wir bewahren, mit und ohne Empathie.

Zur Person: Fritz Breithaupt, geboren 1967, ist Kultur-, Literatur- und Kognitionswissenschaftler. Er lehrt als Professor an der Indiana University Bloomington.

Von Fritz Breithaupt

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