Startseite MAZ
Volltextsuche über das Angebot:

Immer das Gesicht wahren

Gutes Aussehen in der Politik Immer das Gesicht wahren

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron hat 26 000 Euro auf Kosten von Steuerzahlern ausgegeben, um bei Auftritten gut auszusehen. Pure Eitelkeit oder Professionalität?

Voriger Artikel
Ein Sommer-Bast-Traum
Nächster Artikel
Daddy cool

Zuviel des Guten? Emmanuel Macron lässt sich sein frisches Aussehen einiges an Steuergeldern kosten – und ist damit nicht allein auf der Politikbühne.

Quelle: dpa/iStock/RND

Hannover. “Jahrzehntelang war ein Spritzer Kölnisch Wasser das Äußerste an Kosmetik, was sich ein deutscher Mann gestattete“, resümierte das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel“ 1968 etwas moralinsauer in einem Artikel über die Kosmetikbranche und ihr verstärktes Werben um männliche Kunden. Marktforscher hatten erstmals “enorme Bereitschaft zu kosmetischem Verhalten in der Tendenz auch beim Mann“ festgestellt.

Aus der Tendenz ist mittlerweile ein boomendes Geschäft geworden. Das gesamte Marktvolumen für Herrenkosmetikprodukte in Deutschland liegt nach Schätzungen von Branchenverbänden bei rund 1,5 Milliarden Euro und macht damit etwa ein Viertel des gesamten Absatzes für Kosmetik und Körperpflege aus. Immerhin jeder zweite Mann benutzt Umfragen zufolge mindestens einmal in der Woche Gesichtscreme, und der Abdeckstift in der Sakkotasche ist fast schon eine Selbstverständlichkeit.

Der deutsche Herrenkosmetik-Marktführer Beiersdorf hat in Sachen Pflegebewusstsein bei Männern vor einiger Zeit eine Umfrage mit erstaunlichem Ergebnis veröffentlicht: Als wichtigstes Motiv für den Griff zu Pflegeutensilien nannten die Befragten den “Wettbewerb am Arbeitsplatz“.

Ohne Profi geht es nicht

Ohne Profi geht es nicht: Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Unterstützung für ihre Auftritte – unter anderem von Starcoiffeur Udo Walz.

Quelle: AP

Auf der politischen Bühne sind die Bedingungen fast noch härter. Das Wahlkampf-Scharmützel zwischen Hillary Clinton und Donald Trump darüber, wer auch gesundheitlich besser für das Präsidentenamt geeignet ist, hat deutlicher denn je gezeigt, wie ein Staatschef in der öffentlichen Wahrnehmung zu sein hat: vor Gesundheit und Energie strotzend, ohne Alters- und Ermüdungserscheinungen.

Selbst die als uneitel geltende Angela Merkel, die dem kollektiven Spott über ihr Äußeres in ihren frühen Jahren als Politikerin mit Unverständnis begegnete, legte sich mit Einzug ins Kanzleramt eine Visagistin zu und begann damit, sich ihre Frisur von Starcoiffeur Udo Walz richten zu lassen. Walz selbst hat ausgeplaudert, dass der Schnitt 65 Euro koste.

Was die Visagistin kostet, ist nicht bekannt. Offiziell firmiert sie als Assistentin. Die Kanzlerin muss sie also nicht, anders als beispielsweise ihre Garderobe, aus eigener Tasche bezahlen. Doch der Arbeitsaufwand dürfte sich in Grenzen halten. In einem Interview mit “Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer verriet Merkel mal, dass sie einen sehr pragmatischen Stil pflege: “Die Frisur muss zwölf oder mehr Stunden halten, und ich kann mir auch nicht alle zwei Stunden die Nase pudern lassen.“

“Hochauflösende Kameras sind unerbittlich“

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron hat aus Sicht seiner Landsleute nun aber eine Grenze überschritten, was den Aufwand um sein Aussehen angeht. 26 000 Euro in drei Monaten für Make-up und das auf Kosten der Steuerzahler erscheint vielen als empörend verschwenderisch. Ute Märker sieht das differenzierter: “Wenn man das mal durchrechnet, dann hat Macrons Visagistin rund 37 Werktage gearbeitet und dafür jeweils 700 Euro bekommen. Das ist in der Branche nicht übermäßig teuer“, sagt die Visagistin aus Essen, die regelmäßig für das ZDF arbeitet und zudem eine Akademie und Agentur für Make-up-Artists und Hairstylisten leitet.

“Visagisten schminken und stylen ja nicht nur, sondern achten auf das Gesamtbild. Wenn man einen Prominenten, der den ganzen Tag Kameraauftritte absolviert, begleitet, dann reicht es auch nicht, einmal mit dem Pinsel übers Gesicht zu fahren. Man muss auch immer wieder schauen, wie die Lichtverhältnisse sind und den Teint entsprechend anpassen.“

Wer in der medialen Öffentlichkeit stehe, solle besser auch nicht selbst zur Puderquaste greifen, rät Märker, die schon viele Prominente in der Maske hatte. “Die hochauflösenden Kameras heute sind unerbittlich. Da braucht es schon einen Profi, der auch gute Produkte verwendet“, sagt Märker. Aus ihrer Sicht gehört Macron eher zu den Kandidaten, bei denen nicht viel Aufwand betrieben werden müsse: “Er sieht von Natur aus attraktiv aus. Aber ohne Grundierung und Puder, würde selbst er im Studiolicht vor einer Fernsehkamera fahl und ungesund wirken.“

Abgekämpft, aber natürlich

Abgekämpft, aber natürlich: Hillary Clinton im Januar 2017 nach ihrer Wahlniederlage.

Quelle: GETTY

Für Märker ist die Tatsache, dass sich auch männliche Politiker vor Auftritten schminken lassen, keine Eitelkeit, sondern eine Notwendigkeit. Der Job eines Visagisten sei es, diese kleinen Unvollkommenheiten zu verbergen, dabei die Person aber so natürlich wie möglich aussehen zu lassen. Das Gesicht muss eben in doppelter Hinsicht gewahrt werden.

Wenn die Maske fällt, reagiert das Publikum hämisch bis bestürzt. So war es zuletzt im Fall der Wahlverliererin Hillary Clinton. Bei einem ersten Auftritt nach ihrer Niederlage Ende 2016 erschien sie ungeschminkt und mit schlaffem Haar. Sie wirkte verletzlich wie nie – aber auch entwaffnend ehrlich.

Von Kerstin Hergt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Genuss & Leben