Startseite MAZ
Volltextsuche über das Angebot:

Je oller, desto doller

Geheimtipp Portwein Je oller, desto doller

Egal ob als edles Solitärgetränk, als üppig-aromatische Begleitung zu feinem Käse oder gar als langfristige Wertanlage: Der Portwein feiert ein glanzvolles Comeback – nicht nur in Frankreich.

Hannover 52.3758916 9.7320104
Google Map of 52.3758916,9.7320104
Hannover Mehr Infos
Nächster Artikel
Wir schrubben uns schön

Geduldsspiel: Spitzenportwein entfaltet sein Potenzial erst nach Jahrzehnten.

Quelle: iStockphoto

Hannover. Portwein ist wirklich kein Getränk für Puristen: Er schmeckt üppig und süß und erinnert ein wenig an Großmutters Rumtopf. Man muss die aromatische Wucht, dieses intensive Bukett aus Trockenfrüchten, Nüssen und Holz schon zu schätzen wissen. Portwein, Vinho do Porto: Ein derart behäbiges Getränk scheint nicht recht in unsere dynamische, dem Wellnesswahn anheimgefallene Zeit zu passen. Unweigerlich lässt er an englische Gentlemen denken, die, korrekt gekleidet und distinguiert plaudernd, an ihren Portweingläsern nippen. Ein Setting, das geradewegs einem Agatha-Christie-Film entsprungen sein könnte.

Tatsächlich jedoch schätzen vor allem die Franzosen den Süßwein aus dem nordportugieischen Douro-Tal: als Aperitif, zum Käse – und zunehmend auch als Wertanlage. Laut Portweininstitut gehen inzwischen knapp ein Drittel der Gesamtproduktion an die weinvernarrten Franzosen. Womöglich ist es kein Zufall, dass der Siegeszug des Portweins im Heimatland der großen Rotweine ausgerechnet zu jener Zeit Fahrt aufnimmt, in der Millionäre aus China ein prestigeträchtiges Bordeaux-Schlösschen ums andere aufkaufen, russische Milliardäre die Grands Crus schon aufkaufen, bevor die Trauben gelesen sind und die Preise für französische Spitzengewächse längst jenseits aller Nachvollziehbarkeit rangieren.

Reifen über Jahrzehnte

Portwein hingegen ist, wohl auch weil Chinesen und Russen seinem opulenten Charme bislang noch nicht erlegen sind, zu fairen Preisen erhältlich und kann eine beachtliche Wertsteigerung hinlegen. Das gilt weniger für den schlichten Ruby Port, der jung in den Handel kommt und auch jung getrunken werden sollte. Spitzenjahrgänge hingegen offenbaren ihre wahre Größe erst nach vielen, mitunter sehr vielen Jahren.

Die edelsten Portweine, sogenannte Vintage Ports, müssen Jahrzehnte reifen, ehe sie ihr Potenzial ausgeschöpft haben. Mancher Port überlebt seinen Besitzer gar – und das in trinkbarem Zustand. Nur wenige Jahrgänge (zumeist zwei bis drei pro Dekade) werden als eine solche Spitzenqualität ausgebaut. Vintage Ports aus Spitzenhäusern wie Taylor’s, Niepoort oder Graham kosten mitunter ein paar Hundert Euro, wenn sie 40 oder 50 Jahre gereift sind. Jung sind sie für einen Bruchteil solcher Summen erhältlich. Wer Gewinn anstrebt, braucht also vor allem eins: sehr viel Geduld.

Preziose und (noch) Nischenkind

Ist ein guter Vintage Port erst einmal trinkreif, muss es hingegen schnell gehen: Binnen 24 Stunden sollte ein Spitzenportwein nach dem Öffnen und Dekantieren getrunken werden, denn durch Oxidation büßt er relativ schnell sein komplexes Aromenspiel ein. Der schlichte Ruby sowie fassgelagerte Sorten wie Colheita, Late Bottled Vintage und Tawny vertragen Sauerstoffkontakt dagegen weit besser.

In Deutschland ist Portwein weiterhin ein Nischenkind. Obwohl das edle Getränk prominente Fürsprecher wie die Barkeeper-Legende Charles Schumann hat. Seine wertvolle Sammlung bester Vintage Ports musste der Inhaber des Münchner Schumann’s 2004 wegen eines finanziellen Engpasses für 50 000 Euro verkaufen. Als er wieder flüssig war, kaufte er die Kollektion zum selben Preis zurück – und beschloss, die edlen Tropfen aus dem Douro fortan nicht mehr nur wie die Preziosen in einer Wunderkammer aufzubewahren, sondern sie nach und nach auszutrinken. Eine weise Entscheidung. Denn letztlich hat jeder Wein, der ungetrunken bleibt, seine Bestimmung verfehlt. Egal, wie teuer er ist.

Von Daniel Behrendt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Genuss & Leben