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Die totale Lesezeit

Im Minutentakt mit Imre Grimm Die totale Lesezeit

Lohnt der Aufstand, beziehungsweise der Aufschlag? Gut, dass allerlei Medien heutzutage auf Basis höchstwissenschaftlicher Studien genau vorhersagen können, wie viel Lebenszeit potenziellen Lesern durchs Lesen verloren geht.

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Was lesen Sie so? Und vor allem: wie lange noch?

Quelle: Fotolia

Hannover. Herzlich willkommen in dieser Kolumne. Die Lesezeit beträgt je nach Aufnahmekapazität zwei bis sechs Minuten, in Einzelfällen (kognitive Verkantungen, geistige Maladität) bis zu 16 Minuten. Dieser Service ist für Sie kostenlos. Ich schreibe das nur, weil publizistische Servicekräfte jetzt überall die voraussichtliche Lesezeit eines Textes angeben. Auf dem Boardmagazin von British Airways steht “Total Reading Time: 58 Minutes“. Nicht 59 Minuten. Nicht 61 Minuten. Exakt 58 Minuten.

Das lässt natürlich Fragen offen. Mit Impressum oder ohne? Zählt die Werbung mit? Darf ich Vokabeln nachschlagen? Ich stelle mir vor, wie British Airways 1400 Menschen verschiedener Ethnien, Religionen und Bildung das Boardmagazin “High Life“ lesen lässt und aus dem kumulierten Zeitaufwand die durchschnittliche Lesezeit errechnet. Nicht, dass man da verklagt wird! Ein einziger Schadensersatzprozess wegen Überziehung der Lesezeit kann ein Unternehmen ja heute in die Pleite treiben.

Pseudonutzwertiger Unfug

“J’ACCUSE! Das Lesen des Bordmagazins von British Airways hat sieben Minuten länger gedauert als angegeben! Die konnte ich nicht nutzen, um das nächste Facebook zu erfinden. Ich verklage British Airways auf Schadensersatz in Höhe von 6,8 Milliarden Euro. BLEED, YOU BLOODY BASTARDS!“

Die Angabe der Lesezeit ist schon deshalb pseudonutzwertiger Unfug, weil der Hinweis da, wo es wirklich darauf ankommt, fehlt: auf Romantiteln nämlich. Im Falle von “Ulysses“ zum Beispiel müsste es heißen: “Die Lesezeit beträgt ihr ganzes Leben, und ihr Hirn wird sich hinterher explosiv anfühlen wie ein überladener Akku.“

Frequent-Flyer-Kunst

Inhaltlich will ich über das Bordmagazin nicht urteilen. Man soll da Uhren kaufen und Ringe von schlecht gelaunten Models. Und die Fotografin Ellen von Unwerth hat vier Frauen mit Badehaube auf einer Schwimmbanane fotografiert. Das ist Frequent-Flyer-Kunst, das enthebt sich der Beurteilung von Normalreisenden.

Was mich interessiert hat: In Buenos Aires kann man jetzt wohl ganz gut essen. Ist ein kulinarischer “Hotspot“. Gut, der Flug dauert 15 Stunden und kostet 1400 Euro. Aber für so’n Happen Lachs mit toter Tomate lohnt sich das doch! Dafür kann man unterwegs endlich in Ruhe “Ulysses“ lesen. Schönes Wochenende!

Von Imre Grimm

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