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Dorf der tausend Seen

Ortsmarketing mit Uwe Janssen Dorf der tausend Seen

Was bei Ländern und Städten längst üblich ist, steckt bei Dörfern noch in den Kinderschuhen: Das Anlocken von Touristen durch strahlkräftige Kosenamen.

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Urlaubsziele III: Städte

Nicht jeder Ort hat etwas zu bieten, doch offenbar braucht jeder Ort einen Kosenamen.

Quelle: RND

Hannover. Es ist gut, das Land der aufgehenden Sonne zu sein. Oder das Land der tausend Seen. Oder das Land der Götter. Stimmt immer irgendwie, verleiht einem als Landsmann einen gewissen Stolz und lockt Besucher, die das mit der aufgehenden Sonne doch mal mit eigenen Augen überprüfen wollen.

Bei Städten ist es ähnlich. Spitznamen machen in den meisten Fällen sympathisch, ob man nun die Stadt der Liebe, die Stadt der Könige, die heilige, ewige oder goldene Stadt ist. Motorcity ist zwar eher sachlich, aber immer noch nett gemeint. Bezeichnungen wie Stadt der tausend Besoffenen oder Stadt des stinkenden Hafens oder auch Stadt der ekligen Sanitäranlagen sind unüblich, obwohl es durchaus Kandidaten dafür gäbe.

Vorsicht beim Um-die-Ecke-denken

Man ist sich in Stadtmarketingkreisen weitgehend einig, dass solche Titel keine unmittelbare Touristenschwemme auslösen. Um die Ecke gedachte Spitznamen sind mit Vorsicht zu genießen, eine Metropole mit mangelhaftem Klärsystem als Stadt der tausend Seen zu bezeichnen, erfordert einen speziellen Humor, und Finnland wäre auch sauer.

Bei Dörfern steckt die Sache mit den international strahlkräftigen Kosenamen noch in den Kinderschuhen. Einen 1000-Seelen-Ort Motorvillage oder Modorf zu nennen, nur weil der Gebrauchtwagenhändler am Ortseingang schon in der dritten Generation erfolgreich alte Passat-Kombis verhökert, ist vielleicht etwas dicke.

Kaff der Angst

Dorf der tausend Straßenlöcher hätte immerhin einen Informationsgehalt, ähnlich wie Dorf des ewigen Gülledüngens. Kaff der Angst klingt fluffig, aber ob drei gut erzogene Rottweiler im Ortskern diesen Titel rechtfertigen, muss der Bürgermeister entscheiden.

Man kann natürlich versuchen, ein bisschen auf dicke Hose zu machen: Dorf der Doppelgaragen oder Dorf der überdurchschnittlichen Nettoeinkünfte könnte aber auch falsche Klientel anlocken, Diebe mit Jahresurlaub zum Beispiel.

Dann doch lieber Dorf der aufgehenden Sonne. Wenn es eine Ostseite gibt, ist das zumindest nicht falscher als beim Original. Souvenirstand nicht vergessen.

Von Uwe Janssen

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