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Einsam beim ESC

Strategische Bestellungen mit Imre Grimm Einsam beim ESC

Wie gehen Sie denn so mit Momenten der Einsamkeit um? Manch einer lenkt sich ja mit überdrehten Glitzershows ab, andere finden innere Ruhe beim Verfolgen etwas handfesterer Sendungen.

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Wind der Savanne

Lässt Sie in Phasen der Einsamkeit an allen seinen Lebensstationen teilhaben: Das Paket will Ihr bester Freund sein.

Quelle: Shutterstock

Hannover. Ich weiß, was Einsamkeit bedeutet. Ich berichte seit Jahren als heterosexueller Journalist vom Eurovision Song Contest (ESC). Es sind die gottverlassensten Tage meines Jahres. Wenn die entrückte LGTB-Community hier in Kiew umweht von Sternenstaub durch die Flure tanzt, fühle ich mich einsamer als Frauke Petry in Kreuzberg.

LGBT ist kein Mobilfunkstandard. Es ist die Abkürzung für “Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender“. Manche benutzen auch das Kürzel LSBTTIQ. Das ist politisch noch einen Schuss korrekter, aber da müssen Sie jetzt bitte mal selber googeln, was das bedeutet, wir haben ja nicht ewig Zeit.

Wie im Dornröschenschloss

Man ist als Journalist gehalten, zum Gegenstand seiner Betrachtung einen gesunden Abstand zu wahren, um für jede Art von Vereinnahmung unempfänglich zu sein. Ich nehme jedoch mit Irritation zur Kenntnis, dass dies nur wenigen “Fanjournalisten“ beim ESC gelingt. Im Gegenteil: Noch weniger gesunde Distanz zum Sujet als die dauereskalierte “Absolutely marvellous!“-Meute im ESC-Pressezentrum haben nur achtjährige Mädchen im Dornröschenschloss in Disneyland. Wobei sich beide Soziotope in vielerlei Hinsicht ähneln.

Inzwischen habe ich aber eine sichere Strategie zur Überwindung von Einsamkeit: Ich bestelle einfach etwas im Internet. Es ist egal, was – Hauptsache, Paket. Die Folge ist, dass es auf meinem Handy andauernd macht und ich frische Mails zu Status, Aufenthaltsort, Zustand, Temperatur, Farbe, Größe und Fluggeschwindigkeit meiner Sendung erhalte.

Mein Freund, der Paketdienst

So viel Post gibt’s sonst nur, wenn der Dispo im Minus ist. Der Paketdienst will mein Freund sein! Das ist schön! Ich möchte die Namen aller Verteilzentrumsmitarbeiter und ihrer Familien kennen! Ich möchte wissen, wie ihr aktueller Blutdruck ist! Ich möchte, dass eine Drohne hinter meinem Paket herfliegt und seine Auslieferung live ins Internet streamt!

Ich wette, dass der Film spannender wäre als der Beitrag der aserbaidschanischen ESC-Kandidatin. Und dass mir trotzdem gleich irgendein ekstatischer Kulturgrenzgänger ungefragt erzählen wird, warum er dieses lahme Unglück von einem Song liebt und wer heute Abend unbedingt ... Es ist derselbe Statusterror wie bei dem Paket. Wird Zeit, dass das ankommt. Sind Ohrstöpsel drin. Schönes Wochenende!

Von Imre Grimm

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