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Ruhige Rocker

Musikgeschichte mit Imre Grimm Ruhige Rocker

Früher war alles besser. Na gut, vielleicht nicht alles, aber zumindest waren die Protagonisten der internationalen Rockmusikszene irgendwie wilder und aufregender. Ein Blick in die Geschichte der Star-Eskapaden, von Anarchie bis Zen.

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Wann haben Sie das letzte Mal davon gehört, dass ein richtiger Rockstar sich so richtig danebenbenommen hat? Eben – früher war ganz eindeutig mehr Rock 'n' Roll.

Quelle: iStock

Zu den ungelösten Rätseln der Menschheit gehört die Frage, warum sich Menschen für die Umtriebe ihrer prominenten Zeitgenossen interessieren. Dabei tut die Prominenz doch nichts lieber, als weithin zu verkünden, dass sie ein ganz normales Leben führe samt Babydurchfall, Laufmaschen und Zeitungholen in Jogginghose – mal abgesehen von den sechs Nannys, drei Privatjets und zwölf Gästetoiletten.

Neulich war in der Fachpresse zu lesen, dass Jan Hofer mit seinem Kind am liebsten "Hoppe, hoppe Reiter" spielt, dass DJ BoBo jeden Tag Bäume küsst, dass Ralph Siegel sich den großen Zeh gebrochen hat, dass Kim Gloss schon mal ungeschminkt vor die Tür gegangen ist und dass Adel Tawil für eine traumatisierte Giraffe im Serengeti-Park gesungen habe.

Illegales Blumenpflücken

Ja, Donnerschlag. Menschen wie du und ich! Interessanter wäre zu lesen, dass DJ BoBo jeden Tag Kim Gloss küsst, dass Adel Tawil für einen von DJ BoBo traumatisierten Baum gesungen hat und dass Jan Hofer am liebsten mit ungeschminkten Giraffen "Hoppe, hoppe Reiter" spielt. Aber es ist ja nichts mehr los mit der Prominenz. Früher dagegen!

Tom Jones wurde 1972 verhaftet, weil er ein Polizeipferd gebissen hat. Keith Richards schlief jahrelang nur zwei Nächte pro Woche. Johnny Cash hat mal eine Nacht im Gefängnis verbracht, weil er beim Blumenpflücken erwischt wurde. ILLEGALES BLUMENPFLÜCKEN! Das waren noch echte Kerle. Einer von der Rockband Muse hat mal auf einer einzigen Tour 140 Gitarren zerdeppert. Aber das machen die heute nicht mehr.

Vanilletee und Gleitsichtbrille

Die Rocker trinken heute Vanilletee und suchen die Gleitsichtbrille. Der letzte Rockzausel, der Anfang der Neunzigerjahre noch mal ordnungsgemäß ein Hotelzimmer zerlegt hat, grabbelt heute in der Sofaritze nach der Fernbedienung und lässt sich seine Liedtexte in 80-Punkt-Schrift auf den Bühnenboden kleben. Und das Einzige, das er zerdeppert, ist die Nachttischlampe im Hotel, weil er die Gleitsichtbrille nicht gefunden hat.

Aber was soll's. Die Welt ist unruhig genug. Schön, wenn sich wenigstens die beruhigt haben, von denen man es am wenigsten erwartet: Rockmusiker. "Der Maler hat seine Leinwand", hat Keith Richards mal gesagt. "Der Autor hat weißes Papier. Und der Musiker hat die Stille." Insofern: Ruhiges, neues Jahr.

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