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Windowing in Peking

Fragen zum Wording von Uwe Janssen Windowing in Peking

Ob Coaching, Screening, Mobbing oder Happening: Kaum etwas hat der Alltagssprache so viele neue Begriffe eingebrockt wie das scheinbar harmlose Derivationssuffix “ing“.

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Braucht kein extra Marketing: Ein angehängtes “ing“ macht jeden Blödsinn zur Trendaktivität.

Quelle: RND

Hannover. Doping im Bodybuilding? Kennen wir. Casting fürs Shooting? Kennen wir. Marketing für Recy- cling? Kennen wir. Aber auch Multitasking im Meeting oder Bowling, Rafting, Walking und Stalking, wobei Letzteres keine Sportart im engeren Sinne ist. Genau wie Mobbing, das sich, wie der Kenner weiß, in Bossing und Staffing aufteilt, je nachdem, ob nach oben oder unten gemobbt wird, und in Bullying bei Minderjährigen.

Alles ing, alles so weit bekannt, ing-Wörter, in der Alltagssprache Derivationssuffixe genannt, haben es sich im Deutschen bequem gemacht, die Stars wurden bruchlos in die Sprache eingepflegt.

Aber es geht weiter mit Neuigkeiten aus der ing-Dynastie. Ob Screening, Scanning, Bonding oder Ghosting, zum Coaching kommt das Mentoring, und wenn das gerade nachrichtenaktuelle Zusammenprallen zwischen Fahrrad und Autotür jetzt auch noch Dooring genannt werden muss, dann ist es Zeit für das Windowing, eine süddeutsche Klettertechnik im männlichen Balzverhalten vor Eigenheimen mit Obergeschoss. Aber: Pech gehabt, Windowing gibt es natürlich schon, in unterschiedlichen Begrifflichkeiten, Fassadenhangling ist aber nicht dabei, die Bayern können sich wieder hinlegen.

Alte und neue Ingismen

Die Sache ist nicht ganz einfach, denn im Sprachgebrauch begegnen sich alte und neue Ingismen und bringen einiges durcheinander. Peking ist nicht das Verkommenlassen einer Wohneinheit, obwohl die Sprachvercooler es gern einkaufen würden, aber China verkauft nicht.

Und nachdem der Wüstling den Schwächling mit dem Schlagring anging, aber an der Reling festhing, weil der Würmling gut im Training war, ging der Rohling home, wie der Seemann sagt. Wie soll man da noch durchblicken?

Einzig in der Fischbranche gibt es einen Gewinner. Den Hering. Bislang einfach nur ein Name, den er sich auch noch mit der Zeltbefestigungsszene teilen musste. Doch mittlerweile ist das Englisching so weit in das Braining der Deutschen eingedrungen, dass der Brathering einfach mal als “Bressering“ durchgeht und plötzlich unglaublich lässig daherkommt. Da es das Brathern gar nicht gibt, macht man einfach einen Brother draus, und schon ist aus dem fettigen Bratfisch eine ganz flossige Verbrüderung geworden. Schmeckt dann auch gleich ganz anders.

Von Uwe Janssen

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