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Die Dandys von Erbil

Gentleman-Mode im Irak Die Dandys von Erbil

40 kurdische Gentlemen sorgen derzeit für Furore in der Modewelt. Mit selbst entworfenen Anzügen und hinreißend inszenierten Fotos setzen sie starke Statements für einen weltläufigen Irak.

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Stoffe und Statements

Stylishe Maßanzüge mit kurdischen Akzenten vor märchenhafter Altstadtkulisse: Die Gentlemen von Mr. Erbil wollen das Image des Irak verbessern.

Quelle: Mr. Erbil

Erbil. Schwere Ledersessel, Whiskey und Zigarren, Oscar Wild und britische Upper Class: Bilder, die aufkommen, wenn es um einen Gentlemen’s Club geht. Das mondäne Ambiente dieser exklusiven Gesellschaften lässt die Assoziationen in das England des 19. Jahrhunderts reisen. An den Irak des 21. Jahrhunderts dürften nur die wenigsten dabei denken. Dabei wurde dort vor Kurzem ein Club für modebewusste Gentlemen gegründet: Mr. Erbil.

Der Norden Iraks ist in kurdischer Hand. Die autonome Region ist noch immer eine Frontlinie im Kampf gegen den IS. Der gemeine Europäer stellt sich, wenn er an diese Region denkt, zertrümmerte Häuser und Straßen, verschleierte Frauen und ungepflegte Männer in Haremshosen und Peschmergaschal vor. Doch die Hauptstadt Erbil ist mehr als Krieg und Vertreibung. Sie ist auch die Heimat junger, hoffnungsvoller Menschen, in der es eine lebendige Kultur aus Bars, Kinos und öffentlichem Leben gibt. Dieses Bild von ihrer Heimat wollen die „Mr. Erbil“-Mitglieder nach außen tragen. Und das mit Stil.

Fernab des Laufstegs

Fernab des Laufstegs: Die Männer von „Mr. Erbil“ demonstrieren ihr Stilgefühl in der authentischen Kulisse ihrer Heimatstadt.

Quelle: Mr. Erbil

Einer der Gründer des Clubs ist Ahmed Nauzad. Der 26-Jährige kam als Kind mit seiner Familie nach Deutschland und lebte 14 Jahre in Ludwigshafen. 2014 zog er zurück nach Erbil und gründete dort im Februar 2016 zusammen mit zwei anderen “Mr. Erbil, Kurdistans ersten Gentlemen’s Club“. Das Ziel der mittlerweile 40 Mitglieder zählenden Herrenvereinigung ist es, das Image des Iraks im Ausland zu verbessern und vor Ort Frauenrechte zu fördern. Die kurdischen Dandys wollen ihrer Heimat mit ihrem Stil und der Aufmerksamkeit helfen, die sie erzeugen. 78 000 Abonnenten hat ihr Instagram-Account mittlerweile, Tendenz steigend.

In den sozialen Netzwerken präsentieren sie sich mal einzeln, mal als perfekt aufeinander abgestimmte und synchron agierende Gruppe – mit makellos getrimmten Bärten, maßgeschneiderten Anzügen, Westen, seidenen Einstecktüchern. Was den Zauber der “Mr. Erbil“-Fotografien ausmacht, ist nicht bloß der Mann und nicht nur die Mode. Es ist die Gesamtkomposition.

Maßanzüge vor Weltkulturerbe

Ihre Kraft beziehen die Bilder auch aus den ungewöhnlichen Locations. Die Männer posieren eben nicht in den Einkaufszentren und Kinos, die für die Modernität der Stadt stehen sollen. Sie posieren in der historischen Altstadt Erbils, gegen die so manche Altstadt Europas beinahe wie moderne Architektur erscheint. Die Zitadelle von Erbil, Unesco-Weltkulturerbe, ist über 8000 Jahre alt und gilt als die älteste durchgehend bewohnte Siedlung der Welt. Vor den Mauern dieser Festung, in der zuvor Assyrer, Akkadier, Babylonier und Griechen lebten, stehen junge kurdische Männer in europäischen Maßanzügen mit kurdisch-traditionellen Akzenten.

Etwas seltsam Entrücktes geht von diesen Fotografien aus: Moderne Elemente in einem Tausende Jahre alten Setting, das mal malerisch-märchenhaft, mal karg und staubig wirkt. Modemagazine wie “Vogue“ oder “Harper’s Bazaar“ nehmen für solche Locations Hunderte Kilometer und Unsummen in Kauf – und bekommen die Atmosphäre am Ende doch nicht so selbstverständlich und lässig ins Bild wie die Gentlemen aus Erbil.

78 000 Instagram-Fans sind verrückt nach stilbewussten Männern aus Erbil, Tendenz steigend

78 000 Instagram-Fans sind verrückt nach stilbewussten Männern aus Erbil, Tendenz steigend.

Quelle: Mr. Erbil

Neben ästhetischen Statements geht es dem Club auch darum, die Produktion in der Region zu fördern. Deswegen lassen sie ihre Outfits vor Ort schneidern, nach eigenen Entwürfen und aus Stoffen aus der Gegend. Aufsehen erregten die Mitglieder etwa mit Krawatten aus reinem Ziegenhaar. Was ein Inbegriff von Nachhaltigkeit sein dürfte, wird das Haar der Ziegen nach der Schur dort doch üblicherweise entsorgt. Mittlerweile kommen Anfragen nach den edlen Bindern sogar aus Italien.

Frauen gibt es in dem Club keine. So weit sei die irakisch-kurdische Gesellschaft noch nicht, meinen die Gentlemen. Trotzdem nutze der Club seine Popularität, um auch Frauen ins Rampenlicht zu rücken. Jeden Donnerstag postet “Mr. Erbil“ eine “Girls Inspiration“ – Fotos von besonderen Frauen, die für ihre Gesellschaft Außergewöhnliches leisten und zugleich, das versteht sich von selbst, ein Händchen für Mode haben.

Von Alev Doğan

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