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“Es gibt zu viele Bars für Angeber“

Charles Schumann im Interview “Es gibt zu viele Bars für Angeber“

Er ist der wohl berühmteste Barkeeper der Welt. Sein “Schumann’s“ in München ist Legende. Der Privatmann Charles Schumann aber liebt die Einsamkeit. Uns hat er erzählt, warum er nur die Bars von Freunden besucht.

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Weltreise mit Drink in der Hand: Charles Schumann hat für den Dokumentarfilm “Bargespräche“ auch versteckte Bars in Tokio besucht.

Quelle: ABOOTALEBI NIV

München. Das “Dead Rabbit“ in New York, die “American Bar“ in London, das “High Five“ in Tokyo – es gibt viele legendäre Bars. Aber den berühmtesten Barkeeper gibt es in Deutschland: Charles Schumann. Seit über 30 Jahren leitet er das “Schumanns“ in München. Außerdem hat er das Buch “American Bar“ veröffentlicht, das als Klassiker der internationalen Barszene gilt.

Er modelt, spricht mehrere Sprachen, boxt und hat nebenbei einen Film gemacht. Am 12. Oktober kommen “Schumanns Bargespräche“ ins Kino. Darin trifft der 76-Jährige Barkeeper aus aller Welt und spricht mit ihnen über die besten Drinks, Erfahrungen mit Gästen und darüber, was eine Bar so einzigartig macht.

Unter Kollegen

Unter Kollegen: Charles Schumann plaudert an der Bar des New Yorker “Employees Only“ mit jungen amerikanischen Profis.

Quelle: ABOOTALEBI NIV

Herr Schumann, wie ist es, Mittelpunkt eines Films zu sein?

Das war nicht einfach. Ich bin ja kein Profischauspieler. Und da kommt man sich schon manchmal komisch vor. Wenn von mir Fotos gemacht werden, dann pose ich. Ich habe hunderttausend Fotos gemacht. Also, da habe ich jetzt kein Problem. Aber wenn man innerhalb eines Dokumentarfilms mit der Filmkamera verfolgt wird, dann ist das ein riesiger Unterschied.

Im Film besuchen Sie Kollegen auf der ganzen Welt. Bestand dieses Netzwerk schon vorher?

Es kennen mich mehr Leute, als ich sie kenne. Und ich habe in den letzten Jahren angefangen, mit anderen Bars Kontakt aufzunehmen. Das habe ich früher nicht gemacht. Da habe ich in meinem Schneckenhaus gewohnt. Aber bei mir arbeiten junge Leute, die sich der neuen Medien bedienen, Fotos verschicken und weltweit Kontakte halten. Finde ich nicht immer gut, hat uns aber geholfen. Und außerdem hat die Regisseurin Marieke Schroeder zusätzliche Kontakte geknüpft.

Können Sie als Privatmann noch in einer Bar abschalten? Oder schauen Sie immer, ob die anderen einen guten Job machen?

Ich gehe ganz wenig aus, weil ich ja immer in meiner eigenen Bar bin. In München gehe ich in zwei Bars, die ehemalige Mitarbeiter von mir betreiben. Aber in der Regel bin ich nach der Arbeit so müde, dass ich nicht mehr in der Lage bin, wegzugehen. Und wenn ich im Ausland bin, dann gehe ich nur in die Bars von Freunden, sei es in Paris, New York oder Tokyo. Da weiß ich, was die machen und dass es gut ist. Und wenn ich doch mal in eine ganz fremde Bar gehe, dann merke ich schnell, ob es eine gute Bar ist oder nicht. Da brauch‘ ich nicht mal einen Drink zu probieren.

Was macht eine gute Bar denn aus?

Eine gute Bar zeichnet aus, wie sie sich präsentiert. Es gibt viel zu viele Angeber-Bars, in denen jeder wichtiger ist als der Gast selbst. Das siehst du sofort. Man redet immer über Gastfreundschaft oder Hospitality. Es sollte ganz normal sein, dass man in einer guten Bar gastfreundlich ist. Das heißt nicht immer, dass ich – Charles Schumann – gastfreundlich bin, im Gegenteil. Ich arbeite so viel, dass ich Leute oftmals nicht ertragen kann.

Gesundheit und Fitness werden gerade großgeschrieben. Hat diese Welle Auswirkungen auf Ihren Beruf?

Nein. Ich selbst bin absolut gegen Fitnesstrends. Ich sage immer: Es geht alles. Aber alles in Maßen. Das ist eben, wie die Menschen aktuell ticken. Einen Tag haben sie die eine Vorstellung, wie sie ihr Leben verändern können, am nächsten Tag eine andere. Die fallen von einem Extrem ins andere. Ich mache alles. Ich esse alles. Ich trinke alles. Aber in Maßen. Und das seit Jahren. Ich hatte nie ein Problem. Aber Trends kann ich nicht ab – weder in unserer Arbeit noch im Privaten.

Im Film sprechen Sie mit einer Kollegin auch über die Arbeit von Barkeeperinnen. Und dass Sie Frauen nur ungern nachts arbeiten lassen. Warum?

Das ist ein ganz harter Job. In einer kleinen Bar, in der jeder auf den anderen Acht gibt, ist das kein Problem. Aber bei uns arbeiten im Sommer oft 20 Leute. Ganz schwierig. Und nach Mitternacht wird das noch schwieriger – sei es mit Kunden oder mit anderen Mitarbeitern. Mir wird oft unterstellt, dass ich keine Frauen in der Bar mag. Das stimmt nicht. Die können zu gewissen Zeiten arbeiten. In meiner Tagesbar arbeiten fast nur Frauen. Aber nach Mitternacht, wenn die Gäste immer betrunkener werden, möchte ich Männer hinter der Bar stehen haben.

Sie sind immer in der Rolle des Gastgebers: Ist das nicht anstrengend?

Wenn ich mit jemandem nicht reden will, dann rede ich nicht mit dem. Das ist der Vorteil an einer großen Bar. Da kann man sich gut entziehen. Ich bin eben kein großer Menschenfreund. Ich habe auch sehr wenige Freunde, denn Freundschaften müssen ja bekanntlich gepflegt werden. Ich bin sehr gerne alleine. Das ist für mich vermutlich leicht, weil ich ja ständig von Menschen umgeben bin. Und dann fahre ich gerne mal alleine in den Urlaub. Das finde ich wunderbar. So viele Menschen haben keine Privatsphäre mehr, weil sie jeden Mist posten. Jede Kleinigkeit wird fotografiert, kommentiert und ins Netz gestellt. Das braucht man doch nicht.

Ihr Film kommt am 12. Oktober in die Kinos. Sind Sie aufgeregt?

Aufgeregt bin ich nicht. Ich habe “Schumanns Bargespräche“ schon ein paar Mal vorab gesehen. Zum Beispiel in Berlin auf den Filmfestspielen. Das war super. Tolle Stimmung. Später in einem sehr großen Kino hatte ich meine Probleme. Der Film braucht eine gewisse Nähe und Intimität. Auf alle Fälle feiern wir nach dem Start. Und natürlich muss ich mich damit auseinandersetzen, dass den Film einige nicht mögen.

Vom Bauernhof an die Bartheke

Charles Schumann kommt 1941 als Bauernsohn Karl Georg Schuhmann zur Welt. Den Hof der Eltern will er nicht übernehmen, stattdessen verpflichtet er sich beim Bundesgrenzschutz. Nach einigen Jahren bricht er mit dem Staatsdienst und zieht nach Italien. Dort leitet er einen Biergarten und entdeckt seine Liebe zur Gastronomie. In Frankreich verbringt er die Tage als Gasthörer an Universitäten und die Nächte als Clubchef.

Zurück in München holt er mit 31 Jahren das Abitur nach, studiert Politik und Publizistik. Nach dem Magister eröffnet er 1982 “Schumann’s American Bar“, die zum Treffpunkt von Künstlern und Prominenten aus aller Welt avanciert. 2001 eröffnet das Cocktailgenie noch eine Tagesbar und zieht mit dem “Schumann’s“ an den Odeonsplatz, wo er bis heute täglich für seine Gäste da ist.

Von Andrea Mayer-Halm

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