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Hautsache bedeckt

Kleidungsstück des Jahres: Der Burkini Hautsache bedeckt

Das umstrittenste Kleidungsstück 2016 war der Burkini. Vor mehr als zehn Jahren wurde er von Aheda Zanetti erfunden, um muslimischen Frauen ein Stück mehr Freiheit zu verschaffen.

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Schon 2004 erfand Aheda Zanetti den Burkini als praktische, multifunktionale Sportbekleidung für muslimische Frauen und Mädchen. 2016 erregte das Kleidungsstück die Gemüter wie kein anderes.

Quelle: Fotolia

Gummierter Taft, Seidenapplikationen und jede Menge Volants – derartig aufgerüscht gingen um 1900 Damen in englischen Seebädern ins Wasser. Der vorsintflutliche Badedress mag für heutige Verhältnisse höchst unbequem erscheinen. Doch im Vergleich zur Strandmode zu Beginn des 19. Jahrhunderts lud er förmlich zum Freischwimmen ein: Zuvor gab es Baderöcke mit Gewichten am Saum, die ein Hochbauschen vermeiden sollten. Mit Badespaß hatte das wenig bis gar nichts zu tun.

Bis nach dem Zweiten Weltkrieg der Bikini aufkam, war öffentliches Planschen und Schwimmen für Frauen angesichts stoffreicher und kompliziert geschnittener Obertrikotagen eher eine krampfhafte Angelegenheit. Umso mehr wird heute schief beäugt, was früher schicklich war: das Bedecken weiblicher Körper in Schwimmbädern und an Badestränden.

Wer am Mittelmeer einen eher züchtig geschnittenen Einteiler trägt, fällt bereits auf. Die Masse der Urlauberinnen zeigt sich bevorzugt im Bikini – egal, ob er der Figur schmeichelt oder eher nicht. Sich in dieser freizügigen Gesellschaft mit einem vom Scheitel bis zum Knöchel den Körper verhüllenden Burkini – der Begriff ist eine Wortkreuzung aus Burka und Bikini – in die Fluten zu stürzen, zieht längst nicht nur mitleidige oder spöttische Blicke auf sich, wie die Vorfälle diesen Sommer in Frankreich gezeigt haben.

Bedeckung als Blickfang: Burkini-Trägerinnen müssen oft mehr als nur Blicke aushalten.

Die Masse der Urlauberinnen an Mittelmeerstränden zeigt sich im Bikini – egal, ob er der Figur nun schmeichelt oder nicht. Wer sich bedeckter hält, fällt auf – und wer Burkini trägt, erst recht.

Quelle: iStock

Das Schwimm-Outfit muslimischer Frauen ist in diesem Sommer zum ideologisch aufgeladenen Politikum geworden, nachdem der Bürgermeister von Cannes ein Burkini-Verbot verhängt hatte, weil das Textil seiner Ansicht nach "auf ostentative Weise auf eine Zugehörigkeit zu terroristischen Bewegungen hinweist" und damit die öffentliche Ordnung störe. Andere Badeorte zogen mit entsprechenden Kleidervorschriften nach. Das höchste französische Verwaltungsgericht hat das Burkini-Verbot schließlich gekippt, weil es "eine ernsthafte und illegale Verletzung von Grundfreiheiten" darstelle. Doch ist der Ganzkörperbadeanzug damit rehabilitiert?

"Für mich bleibt der Burkini nach den Vorfällen in Frankreich negativ besetzt – auch wenn das Verbot aufgehoben wurde", sagt Gabriele Boos-Niazy vom Aktionsbündnis muslimischer Frauen (AmF). Die Vorsitzende des 2009 vom Bundesfamilienministerium mitbegründeten Vereins ist gebürtige Deutsche und vor 30 Jahren zum Islam konvertiert. Sie trägt nicht nur Kopftuch, sondern folgt auch beim Baden einer eher strengen Auslegung des Islam, nach der der Körper einer Frau bedeckt sein und sich ihre Rundungen nicht abzeichnen sollten.

Obwohl die Sozialwissenschaftlerin gern schwimmt, scheut sie sich, einen Burkini zu tragen: "An einem vollen Strand würde ich mich gerade nach den Ereignissen in Cannes unwohl darin fühlen", sagt sie. Sie fürchte die Blicke und möglicherweise negative Reaktionen. Der Burkini unterscheide sich nun mal deutlich von der Bekleidung anderer, und man falle auf.

Pflichtfach Schwimmen als Aufreger

Nicht zuletzt deshalb betrachte sie auch das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur nunmehr verpflichtenden Teilnahme am Schwimmunterricht in der Schule mit gemischten Gefühlen. Die Karlsruher Richter hatten die Verfassungsbeschwerde einer Elfjährigen, die sich unter Verweis auf ihre Religion vom Schwimmunterricht befreien lassen wollte, unter anderem mit der Begründung abgelehnt, dass mit dem Burkini Schwimmen möglich sei, ohne gegen islamische Bekleidungsvorschriften zu verstoßen.

Boos-Niazy plädiert für getrennten Schwimmunterricht für Mädchen und Jungen. Dann wäre auch ein Burkini nicht nötig, sagt sie. Viele Frauen und Mädchen fühlten sich nun mal nicht wohl im Ganzkörperbadeanzug. Auch ihrer Tochter gehe es so: "Dabei ist ihr liebstes Hobby Schwimmen. Schon als Schülerin hat sie den Burkini mit der Begründung abgelehnt, sie wolle sich nicht vor ihrer Schulklasse zum Kasper machen. Heute ist sie Mitte zwanzig und Schwimmtrainerin in einem Bonner Schwimmverein, der für Frauen und Männer unterschiedliche Hallenzeiten anbietet. Einen Burkini trägt sie dabei immer noch nicht, sondern eine Eigenkreation aus Badeanzug und Radlerhose."

Genau diesen zum Teil eher unpraktischen Eigenkreationen wollte Aheda Zanetti ein Ende setzen, als sie 2004 ihren ersten Burkini nähte. Die Idee für bequeme und gleichzeitig bedeckende Sportkleidung kam der libanesischstämmigen Australierin, nachdem sie ihre Nichte beim Ballspielen in Shorts und Leggings schwitzen sah. Alternativen gab es nicht, also setzte sich Zanetti selbst an die Nähmaschine und kreierte einen multifunktionalen Zweiteiler für Sport und Schwimmen.

Verhüllt: Mecca Laalaa, Australiens erste muslimische Lebensretterin.

Verhüllt im Einsatz: Mecca Laalaa, Australiens erste muslimische Lebensretterin.

Quelle: Getty

Beim Burkini bedecken eine lange Hose und ein eher weit geschnittenes Oberteil Arme und Beine. Kopf und Hals bekleidet ein abnehmbarer "Hijood", eine Mischung aus "Hidschab" (Kopftuch) und "Hood" (Kapuze). Bei Freunden und Familienmitgliedern fand der Prototyp so großen Anklang, dass Zanetti bald ihr eigenes Label "Ahiida" gründete. Ihre weltweit gefragten Entwürfe bestehen aus hochleistungsfähigem Elastan.

Zu den Kunden der ersten Stunde zählt der australische Rettungsschwimmerverband, der viele Migranten muslimischen Glaubens aus dem nahöstlichen Kulturkreis beschäftigt. Im Burkini werden mittlerweile also auch Leben gerettet. Die hitzige Debatte in Frankreich um das Burkini-Verbot kommentierte Zanetti in den Medien mit Unverständnis. Sie habe mit dem Burkini dazu beitragen wollen, dass sich Muslima leichter integrieren können.

Zanettis Absatzzahlen hat der Streit im Sommer jedoch angekurbelt: Firmenangaben zufolge stieg der Verkauf von Burkinis über den Onlinehandel um bis zu vierzig Prozent. Auch Nicht-Musliminnen gehörten mittlerweile zu ihrem Kundenstamm, etwa Hautkrebspatientinnen, die die Sonne meiden müssten, berichtete Zanetti. Konkurrenz hat sie kaum. Die großen Sportmarken geben sich in Sachen Burkini bislang bedeckt und haben nur vereinzelt Modelle im Angebot.

Von Kerstin Hergt

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