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Modetrend Uniform Schön angepasst

Uniformen machen Mode: Für Soldaten entworfene Modelle wie die derzeit angesagte Bomberjacke erobern regelmäßig zivile Kleiderschränke. Modisch gesehen ist das eine sichere Sache.

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Ob in dezenten Farbtönen oder mit Aufnähern: die Bomberjacke für Männer und Frauen ist vom Laufsteg nicht wegzudenken.

Quelle: GETTY

Hannover. Die Invasion der Bomberjacke hat diesen Herbst ihren Höhepunkt erreicht. In Samt, Satin und Nylon dominiert sie sowohl in der Damen- als auch in der Herren- und Kindermode. Vom Luxuslabel bis zum Textildiscounter ist das Kleidungsstück in mal sportlicher, mal eleganter Ausführung zu haben.

Dabei ist der taillenkurze Blouson mit Reißverschluss, der mit seiner Aufgeplustertheit ein breites Kreuz und starke Arme vorgaukelt, keineswegs eine brandneue Schöpfung der Modeszene, sondern hat seinen Ursprung in der Ausstattung von Soldaten. Wie kaum ein zweites Relikt aus der Geschichte der Militäruniform ist die Bomberjacke jedoch negativ besetzt – als Markenzeichen von Skinheads und Neonazis. Dass es ihr dennoch gelungen ist, Millionen von Kleiderschränken zu erobern, liegt vor allem an Raf Simons. Seit fast zwei Jahrzehnten interpretiert er die Bomberjacke immer wieder neu.

Der belgische Designer, der im vergangenen Jahr als Kreativdirektor von Dior zu Calvin Klein wechselte, wählt für seine Schauen gern junge Leute von der Straße als Models aus und bedient sich für seine Entwürfe häufig bei Subkulturen. Der Bomberjacke verhalf er zur Jahrtausendwende mit seinem von der Hardcore-Techno-Szene “Gabber“ inspirierten Modell “The Pyramid“ zu Kultstatus. Das “Gabber“-Outfit wiederum orientiert sich stark an Skinhead-Attributen.

1958 wurde daher die Bomberjacke aus leichtem Nylon bei der US Air Force eingeführt – und inspiriert bis heute die Modedesigner

1958 wurde daher die Bomberjacke aus leichtem Nylon bei der US Air Force eingeführt – und inspiriert bis heute die Modedesigner.

Quelle: GETTY

Britische Skins machten die Bomberjacke Ende der Sechzigerjahre zu ihrem Markenzeichen. Später entdeckte die Neonazi-Bewegung das Kleidungsstück für sich. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet die USA leiteten die Geburtsstunde der Bomberjacke ein. Die Piloten der amerikanischen Luftwaffe sollten nicht länger unbequeme Lederblousons mit Fellkragen tragen müssen, in denen sie schwitzten und die ihre Bewegungsfreiheit einschränkten. 1958 wurde daher die Bomberjacke aus leichtem Nylon bei der Air Force eingeführt – der Prototyp heutiger Modelle.

Dies ist nur ein Beispiel von vielen für den Einfluss, den Uniformen auf die Mode haben. Dabei scheint der Graben zwischen Exerzierplatz und Laufsteg auf den ersten Blick unüberwindbar: Die Uniform ist in der Regel unbequeme Kleidung, die ihrem Träger aufgezwungen wird. Sie steht für Angepasstheit, Strenge, Vereinheitlichung und Identitätslosigkeit. Die Mode dagegen beansprucht für sich, Ausdruck der eigenen Persönlichkeit zu sein. Sie verspricht Freiheit, Frohsinn, Luxus, Leichtigkeit – und Ästhetik.

Ästhetik und Funktionalität

Letzteres ist jedoch auch der Uniform eigen: Ob als historischer Ableger mit Tressen, Kordeln und Knebelverschlüssen oder in der moderneren minimalistischen Version – der strenge, körperbetonte Schnitt verleiht der Militäruniform Eleganz. Immer wieder haben sich Modeschöpfer davon inspirieren lassen. So auch Coco Chanel. In ihren Entwürfen finden sich etliche Versatzstücke von Uniformen. Für ihr berühmtes “Little Black Jacket“ beispielsweise soll die Jacke eines Tiroler Liftboys Pate gestanden haben.

Ihr “Kleines Schwarzes“, von Chanel selbst als Uniform der modernen Frau gedacht, sowie ihre weißen Blusen mit Bubikragen gehen ebenfalls auf Einheitskleidung zurück: die Nonnentracht. Chanel, aufgewachsen in einem Zisterzienserkloster, war zeitlebens fasziniert von der schwarz-weißen Schlichtheit und klaren Formensprache der frommen Frauen und ihrer Zöglinge im Waisenhaus.

Doch nicht nur die Ästhetik, sondern auch die Funktionalität von Uniformen fasziniert Modeschöpfer immer wieder. Erst jüngst entdeckte Österreichs Stardesignerin Marina Hoermanseder, wie “urspannend“ es sein kann, neben modischer Raffinesse vor allem auf Alltagstauglichkeit zu achten. Ein Aspekt, der mit ihrer bisherigen Design-DNA eher unvereinbar schien. Doch jetzt durfte Hoermanseder das Outfit der österreichischen Post neu entwerfen. Die Briefträger tragen jetzt sportliche schwarz-gelbe Anoraks oder Funktionsjacken, die weiblichen Postangestellten hinter den Schaltern Seidentücher und gelbe Hemdblusenkleider. Praktisch und modisch – das schließt sich keineswegs aus.

Uniformen strahlen Autorität aus, wie die von Flugbegleitungen

Uniformen strahlen Autorität aus, wie die von Flugbegleitungen.

Quelle: Getty

Allianzen zwischen Dienstleistern und Designstars sind keine Seltenheit. Vor allem im Flugverkehr. So hat Hoermanseder 2015 auch die neuen Uniformen für Austrian Airlines kreiert. Viele ihrer Berufskollegen wurden in den Sechzigern angeheuert, Stewardessen und Piloten so einzukleiden, dass sie Autorität, Sicherheit und Zuverlässigkeit ausstrahlten. Emilio Pucci entwarf fürs Personal an Bord der texanischen Fluggesellschaft Braniff International, Scandinavian Airlines beauftragte den jungen Christian Dior, Air France Balenciaga. Nicht immer sorgte das modisch aufgepeppte Outfit der weiblichen Besatzung jedoch für Respekt. Ende der Siebziger setzte Ralph Lauren wieder strengere Akzente, was sich auf die Rocklänge auswirkte.

Die Uniform ist ein Machtinstrument. Als sich in den Neunzigern die Zahl der Zwischenfälle mit gewalttätigen Passagieren im internationalen Flugverkehr mehr als verdreifachte, versahen viele Fluggesellschaften die Kostümjacken ihrer Stewardessen mit goldenen Ärmelstreifen. Solche Respekt verschaffenden Elemente hatten sich in Militärkreisen schon immer als hilfreich gegenüber Angriffen erwiesen.

Von Kerstin Hergt

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