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Gelten für Filmemacher noch Grenzen?

Luc Besson im Interview Gelten für Filmemacher noch Grenzen?

Der Regisseur kommt entspannt, aber viel zu spät. Luc Besson hat sein Werk “Valerian“ ja auch schon vollbracht – einen 200 Millionen Euro teuren Blockbuster, der nicht aus Hollywood stammt. Mit Stefan Stosch sprach der Franzose in Berlin über Erfolgsdruck, Comics und den Türöffner James Cameron.

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Regisseur für die großen Kracher: Luc Besson über Popcorn-Kino, zuviel Zynismus und seinen neuen Blockbuster “Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“.

Quelle: Newscom

Berlin.  

Monsieur Besson, in den Sechzigern haben manche Eltern in Deutschland ihre Kinder vor Comics gewarnt – die Hefte seien kulturell verwerflich. Wie war das in Ihrer Familie?

In Frankreich war das ganz anders: Da gab es zum Beispiel das Jugendmagazin “Pilote“, viele später berühmte Comicautoren haben zuerst da veröffentlicht. Auch “Asterix“ ist in diesem Heft erschienen. Das war eine große kulturelle Sache. Mein Vater hat mir das Magazin sogar in die Hand gedrückt. Und da bin ich auch auf das Weltraum-Abenteuer “Valerian und Veronique“ gestoßen, das ich jetzt verfilmt habe. Ich würde sogar behaupten, dass mir mein Vater in meinem ganzen Leben nie ein Buch angeboten hat, sondern immer Comicmagazine. Dazu gehörten auch “Tintin“ und “Spirou“.

Was hat Sie an “Valerian und Veronique“ fasziniert?

Ich war hin und weg. Junge Leute können sich das heute nicht mehr vorstellen: Es gab damals genau einen schwarz-weißen Fernsehkanal, aber kein Internet, kein Smartphone, nicht einmal ein Videospiel. Alles war unendlich langsam: Ich hatte eine Brieffreundin in Australien. Es dauerte sechs Wochen, bis ich eine Antwort von ihr bekam. Und dann halten Sie plötzlich eine bunte Geschichte in Händen, in der zwei Cops durch Raum und Zeit reisen. Das hat mich damals umgehauen. Comics waren für mich auch eine Flucht.

Vor was sind Sie geflüchtet?

In gewisser Weise vor meinem Leben. Meine Eltern hatten sich früh getrennt und neue Familien gegründet. Sie waren beide glücklich, und ich war die böse Erinnerung an die Zeit davor. Sie schickten mich auf ein Internat. Nicht, dass sie etwas gegen mich gehabt hätten, sie wollten mich auch nicht verletzen. Aber ich erinnerte sie an etwas, das nicht funktioniert hatte. Ich wusste nicht mehr so recht, wo ich hingehörte. Auch das Tauchen war damals eine Fluchtmöglichkeit. Ich habe mich im Wasser viel wohler gefühlt als an Land.

Und wann kam Ihnen die Idee, “Valerian und Veronique“ in Kino zu verwandeln?

Erst viel später. Genauer: vor 20 Jahren, als ich “Das fünfte Element“ drehte. Da sagte mir mein Filmdesigner Jean-Claude Mézières: Warum machst du diesen dummen Film und nicht “Valerian“, wenn du den Comic so liebst? Er hat “Valerian“ übrigens gezeichnet.

Und dann?

Dann habe ich noch mal in den Comic reingeschaut, bin zu Jean-Claude gegangen und habe geantwortet: Weil es unmöglich ist! Und zwar in technischer Hinsicht: In dieser Geschichte gibt es schließlich nur ein paar Menschen, dafür aber haufenweise Aliens.

Wann haben Sie gewusst, dass die Technik so weit ist?

Ich habe mir die Rechte gesichert, aber noch viel Geduld aufbringen müssen. Dann kam James Camerons “Avatar“. Als ich diesen Film gesehen habe, wusste ich: Jetzt ist alles möglich. Die einzige Grenze, die noch existiert, ist die der menschlichen Fantasie. James Cameron hat die Tür geöffnet. Inzwischen ist die Technik noch besser als bei seinem ersten “Avatar“-Film. Die Evolution geht immer weiter.

Und wenn der nächste “Avatar“-Film kommt, sieht Ihrer schon wieder alt aus ...

So ist das Leben. Das ist wie bei einem Sportler: Er schlägt seinen eigenen Rekord um ein paar Sekunden, freut sich ein paar Minuten – und dann will er schon wieder einen neuen Rekord aufstellen.

Wir werden überschwemmt mit “Star Wars“-Filmen, warten auf den nächsten “Avatar“, “Blade Runner“ kommt wieder, genauso “Alien“. Wozu brauchen wir jetzt auch noch Ihre Comic-Cops?

Wir brauchen sie gar nicht. Aber wenn Sie ins Kino gehen, ist es schön, eine große Bandbreite zu haben – sozusagen von Godard bis “Avatar“.

Was denn: Ihr 200-Millionen-Euro-Knaller “Valerian“ ist ein Film unter vielen anderen?

Für mich natürlich nicht. Und einiges an dem Film gefällt mir besonders gut: zum Beispiel die Naivität der Geschichte. Naivität ist das Gegenteil von Zynismus. Und davon haben wir schon genug in unserer Gesellschaft. Es kann deshalb nicht schaden, mit einem ordentlichen Schuss Naivität zu erzählen. Gerade wenn es um die Zukunft geht. Wir können heute erfinden, was wir wollen, und fest daran glauben. Zum Beispiel: Ich glaube, dass im ganzen Universum Frieden herrschen wird. Niemand kann das Gegenteil beweisen, nicht einmal der größte Zyniker.

Und trotzdem sind die Menschen in Ihrem Film die Bösen.

Nicht alle. Und ganz nebenbei: Sogar die Lügner glauben, das Richtige für ihre Leute zu tun. Das ist so wie im Irak-Krieg: Irgendwann war allen klar, dass im Irak keine Massenvernichtungswaffen verbuddelt sind. Die Amerikaner waren trotzdem glücklich, und Präsident Bush wurde wiedergewählt. Denn für ein paar Jahre war Benzin billig. Darum geht es auch im Film: Ein Befehlshaber weigert sich, einen Fehler einzugestehen, um den Profit nicht zu gefährden.

Ist Ihr Film die europäische Antwort auf all die Weltraumtrips aus Hollywood?

Das ist eine ziemlich journalistische Betrachtungsweise. Ich habe mit einem globalen Team gearbeitet, so wie wir Künstler das immer tun. Sie finden darin Leute aus China, Neuseeland, Frankreich, den USA. Auch aus Deutschland waren ein paar dabei. Wir treten ja nicht als Nationen gegeneinander an.

Vor ein paar Jahren haben Sie gesagt, Sie wollten mit dem Filmemachen aufhören. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?

Da haben Sie es: Glauben Sie bitte nie, was ein Regisseur Ihnen sagt! Damals war ich aber tatsächlich davon überzeugt, dass Schluss ist. Nach mehr als zehn Filmen fühlte ich mich wie ausgewrungen.

Sie sagten auch, Sie wollten sich für die Jugendlichen in den Pariser Banlieues engagieren. Was ist daraus geworden?

Darüber rede ich nicht so gern. Sonst heißt es womöglich, ich würde das nur für mein Image tun.

Verraten Sie doch wenigstens ein bisschen.

Ich habe eine kostenlose Filmschule in Paris gegründet. So was eben.

Können Sie vor dem Kinostart eines sündhaft teuren Blockbusters noch schlafen?

Der Druck entsteht nicht durch das Geld. Das Belastende bei den Dreharbeiten eines Blockbusters liegt darin, mit einer Szene zu beginnen, die vielleicht erst drei Jahre später mit den Spezialeffekten zu Ende gebracht wird. Über diese Marathondistanz muss aber alles zusammen passen: die Spannung, die Logik, das Gefühl.

Sie wollen tatsächlich behaupten, dass Sie keinen besonderen Druck spüren?

Als ich meinen ersten Film gemacht habe, konnte ich nicht einmal die Schauspieler bezahlen. Heute kann ich das. “Valerian“ war schon in knapp 100 Länder verkauft, bevor ich ihn gedreht hatte.

Haben Sie früher, etwa bei “Im Rausch der Tiefe“, mehr Freiheit verspürt?

Ganz und gar nicht. Damals habe ich einen Film gedreht, der zu 40 Prozent unter Wasser spielt – dabei waren die Kameras damals noch gar nicht so weit. Geht es dann aber erst mal los, fühlt man sich wie ein Fußballspieler: Wenn der auf dem Feld steht, ist es egal, wie viele Millionen er gekostet hat. Er will Tore schießen und sein Publikum nicht enttäuschen.

Zur Person: Luc Besson

In jungen Jahren galt Luc Bessons große Leidenschaft dem Tauchen. Verwunderlich war das nicht, schließlich arbeiteten seine Eltern als Tauchlehrer. Er wuchs in Italien, Jugoslawien und Griechenland auf – und immer ganz nah am Meer. Der kleine Luc brauchte damals auch gar keinen Fernseher, er hatte ja den großen, bunten Ozean. Dann passierte dieser Unfall, als er 17 war: Trotz einer Erkältung begab er sich ins Wasser, ein klarer Fall von jugendlichem Leichtsinn, wie er später reumütig befand. Von da an war ihm aus gesundheitlichen Gründen die erhoffte Zukunft als Meeresbiologe verwehrt.

Vom Ozean kam der 1959 geborene Regisseur, Drehbuchautor und Produzent trotzdem nicht los: Sein erster durchschlagender Erfolg war 1988 “Le Grand Bleu – Im Rausch der Tiefe“, ein maritimes Abenteuer, das sich vage an den Biografien der Apnoe-Tauchrekordler Jacques Mayol und Enzo Maiorca orientierte. Schon damals dabei: Bessons Lieblingsschauspieler Jean Reno. Bei der Premiere in Cannes wurde der Film wegen seiner Märchenhaftigkeit von den französischen Kritikern grandios verrissen, feierte aber Erfolge an der Kinokasse und gilt heute als Kult. Der Autodidakt Besson suchte sein Heil erst einmal in den USA. Und dann begann er zu filmen, als sei er gebürtiger Hollywoodianer.

Spektakelfilme sind Bessons Ding geblieben, je teurer, desto lieber. In den Neunzigerjahren reihte sich ein Leinwanderfolg an den anderen: In “Nikita“ (1990) spielte Anne Parillaud – Bessons erste Ehefrau – eine Punkfrau, die zum professionellen Killer ausgebildet wird. In “Léon, der Profi“ (1994) stellt sich ein rächenden Killer (wiederum Reno) in den Dienst eines Mädchens, dessen Familie ermordet wurde. Im Science-Fiction-Thriller “Das fünfte Element“ (1997) kämpfen Bruce Willis und Milla Jovovich – Bessons zweite Ehefrau – im Namen der Liebe für das Überleben der Menschheit. Seine “Johanna von Orleans“ (1999), abermals gespielt von Jovovich, war eine echte Soldatin mit Kämpferherz.

Bessons aktuelle, dritte Ehefrau heißt Virginie Silla. Mit ihr hat er drei Kinder – insgesamt hat der Regisseur fünf Kinder aus verschiedenen Beziehungen. Nach “Johanna“ verlegte sich Besson zunächst aufs Drehbuchschreiben und die Produktion von Filmen (“Transporter“). Dann aber lockte ihn doch wieder die Arbeit als Regisseur. Im Animationsfilm “Arthur und die Minimoys“ erzählt er vom zwölfjährigen Arthur, der in die Welt der Elfen eintaucht. Besson stieß auf so großes Zuschauerinteresse, dass er gleich noch zwei Filme aus der Reihe folgen ließ. Kommerz und Kunst weiß er in seinen besten Filmen aufs Schönste zu verbinden.

In “The Lady“ (2011) näherte er sich dann erstaunlich nahe der Wirklichkeit: In diesem Drama setzte er der birmanischen Politikern Aung San Suu Kyi und ihrem unbezwingbaren Engagement für die Demokratisierung Myanmars ein Denkmal. In “Lucy“ (2014) machte er Hollywoodstar Scarlett Johansson zur Superkämpferin auf Drogen.

Nun hat sich Besson einen Traum verwirklicht und eine in den Sechzigern erstmals veröffentlichte Science-Fiction-Comicserie verfilmt, die in Frankreich alle kennen: “Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ handelt von einem Spezialagentenpärchen im 28. Jahrhundert, das im Weltraum für Ruhe und Ordnung sorgen soll. Sieben Jahre hat er an dem Werk gearbeitet. Gespielt werden die Helden Valerian und Laureline von Dane DeHaan und Cara Delevingne. Die Superproduktion, die am kommenden Donnerstag in unseren Kinos startet, hat rund 200 Millionen Euro gekostet. Großes Popcorn-Kino also, so wie Luc Besson es mag.

Von Stefan Stosch

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