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Haben Sie eine Pistole im Schlafzimmer?

Jessica Chastain im Interview Haben Sie eine Pistole im Schlafzimmer?

Jessica Chastain wirkt aufgeräumt, locker, zugewandt in ihrem Hotel in Paris. Die 40-Jährige weiß aber auch genau, was sie will. Mit Stefan Stosch sprach die US-Schauspielerin über Waffen im Schlafzimmer, unerschrockene Frauen und rote Haare.

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Die Hartnäckige: Jessica Chastain spielt in der A-Liga Hollywoods die toughen Rollen – und musste lange auf den großen Durchbruch warten.

Quelle: GETTY

Paris.  

Mrs. Chastain, wissen Sie, wie man eine Waffe bedient?

Als Kind habe ich gelernt, mit dem Luftgewehr zu schießen. Dann bin ich allerdings erst wieder in meinen Kinorollen mit Waffen in Berührung gekommen – zum Beispiel als CIA-Agentin Maya, die in “Zero Dark Thirty“ Osama Bin Laden aufspürt.

In Ihrem neuen Film “Die Erfindung der Wahrheit“ spielen Sie nun eine toughe Washingtoner Lobbyistin, die für die Waffenindustrie eine Kampagne organisieren soll: Verstehen Sie, dass viele Amerikaner nur mit einer Pistole auf dem Nachttisch schlafen gehen?

Ich denke, das ist eine persönliche Entscheidung. Jeder muss wissen, was er tut. Ich habe jedenfalls keine Waffe neben dem Bett – oder im Haus.

Wird sich je ein Gesetz in den USA durchsetzen, das den Zugang zu Waffen erschwert?

Nach dem zweiten Verfassungszusatz ist jedem das Tragen von Waffen erlaubt. Barack Obama wollte erreichen, dass zumindest Menschen mit psychischen Erkrankungen der Waffenkauf erschwert wird; es gab einen Hintergrundcheck beim Kauf. Diese Einschränkung wird nun schon wieder abgeräumt, die Republikaner wollen die Regelung kippen. Und sie dürften kaum neue Erschwernisse für Waffenkäufer auf den Weg bringen.

Wie viel wussten Sie über Lobbyismus in Washington D.C., bevor Sie das Drehbuch für auf den Tisch bekommen haben?

Ich wusste gar nichts darüber! Auch nicht, wie politische Kampagnen finanziert werden. Also habe ich zum Telefon gegriffen und Lobbyisten angerufen, vorzugsweise weibliche. Und dann bin ich in die Hauptstadt gefahren. Mit rund einem Dutzend Frauen habe ich dort gesprochen.

Diese Leute waren sofort bereit, Sie zu treffen?

Ja, ohne sie hätte ich meine Figur einer Frau, die unbedingt gewinnen will, egal was sie tut, auch kaum entwickeln können. Ich habe viele Fragen gestellt: Wie viel Geld würde ich mit dieser oder jener Kampagne verdienen? Oder auch: Wie sieht es bei so hohem beruflichem Druck mit dem Drogenkonsum aus?

Und: Wie sieht es mit Drogen aus?

Da ist schon einiges in Umlauf. Es ging beispielsweise um ein Präparat, mit dem sich Epilepsie bekämpfen lässt – aber das als Droge gleichzeitig auch viel Energie freisetzt. Die kann man in dem Job brauchen.

Wie würden Sie die hervorstechenden Charaktereigenschaften eines Lobbyisten – oder einer Lobbyistin – beschreiben?

Hängt davon ab, wofür sich dieser Lobbyist einsetzt. Man muss ziemlich abgebrüht sein, um in diesem Feld zu bestehen. Es erwarten einen ziemliche Herausforderungen. Übrigens sind nur 10 Prozent der Lobbyisten Frauen.

Hätten Sie sich vorstellen können, sich mit einigen Ihrer Gesprächspartnerinnen anzufreunden?

Ja, kein Problem. Man darf sich nicht so sehr von dem schlechten Ruf täuschen lassen, der Lobbyisten vorausgeht. Daran sind einige korrupte Leute wie Jack Abramoff schuld, eine der schillerndsten Figuren in Washington, der in einige Skandale verstrickt war und schließlich im Gefängnis landete. Sein Buch habe ich sehr genau bei der Vorbereitung auf meine Rolle gelesen. Es gibt aber genauso Lobbyisten, die sich beispielsweise für Wohltätigkeitsorganisationen einsetzen.

Würden Sie auch Ihre mit allen Wassern gewaschene Kinofigur Miss Sloane für einen guten Zweck engagieren – sagen wir, um Hollywood endlich dazu zu bewegen, Frauen ebenso viel Geld wie Männern zu zahlen?

Ja, auf jeden Fall. Ich stelle mir immer die Frage: Was ist das Beste für alle Beteiligten? Und Lohngleichheit ist wichtig, wir reden schon lange darüber. Ich würde Miss Sloane anstellen, auch wenn ich ausgerechnet diese Person nicht unbedingt als Freundin haben möchte.

Muss ein guter Lobbyist auch ein guter Schauspieler sein?

Das sind schon zwei sehr verschiedene Paar Schuhe. Wenn Sie damit meinen, dass ein Lobbyist nicht unbedingt an die Sache glaubt, die er verficht, dann gilt das ebenso für andere Berufe. Denken Sie an einen Anwalt – oder meinetwegen auch an einen Kellner, der Ihnen etwas empfiehlt, was er selbst gar nicht mag. Bei der Schauspielerei ist das anders: Wenn ich vor der Kamera spiele, fühlt sich das in diesem Moment nie so an, als würde ich lügen.

Haben Sie durch diesen gut recherchierten Politthriller das Vertrauen in die Art und Weise verloren, wie politische Entscheidungen in Demokratien fallen?

Mein Vertrauen habe ich nicht verloren. Aber es war schon traurig zu sehen, welche immense Rolle Geld in der Politik spielt. Ich glaube, dass dieses ganze Kampagnensystem reformiert werden muss, in dem so viele Dollar notwendig sind, um Entscheidungen voranzutreiben. Es geht ja nicht nur um Wahlen, genauso lassen sich Politiker von Konzernen finanzieren. Millionen Dollar wechseln jeden Tag von einer Hand in die andere.

Wird das noch schlimmer mit dem US-Präsidenten Donald Trump?

Es ist jetzt schon schlimm genug. Ich befürchte aber, dass es noch schlimmer wird. Besser wird es jedenfalls bestimmt nicht.

Glauben Sie, dass Präsident Trump Ihre Miss Sloane mögen würde?

Ja, er würde Elizabeth Sloane respektieren. Er schätzt Gewinner wie sie.

Haben Sie in Hollywood Mächtige getroffen, die genauso vom Erfolg besessen sind wie Ihre Kinofigur?

Die gibt es vermutlich in jeder Industrie, sogar unter Journalisten. Mag sein, dass dieser Zwang zum Gewinnen für die großen Studios eine besondere Rolle spielt. Aber von denen fühle ich mich als Schauspielerin ziemlich weit entfernt. Ich muss keine Spielchen spielen.

Wie viel würden Sie persönlich denn für eine gute Rolle riskieren?

Nicht besonders viel. Sogar zu Beginn meiner Karriere habe ich meine Grenzen gekannt, als ich reihenweise bei wirklich frustrierenden Bewerbungsgesprächen antreten musste.

Warum war der Beginn so hart? Sie hatten eine exzellente Ausbildung an der Juilliard School in New York vorzuweisen.

Den Leuten in der Filmindustrie war die Juilliard School egal, oder sie kannten diese nicht einmal. So etwas interessiert in Hollywood niemanden.

Was war denn das Verrückteste, was Sie je für eine Rolle getan haben?

Wenn Sie etwas irgendwie Unmoralisches meinen: So etwas habe ich nie auch nur in Erwägung gezogen. Ich hätte nie etwas getan, was mich selbst oder andere gedemütigt hätte. Warten Sie: Ich bin bestenfalls gleich in den Klamotten jener Figur aufgekreuzt, die ich verkörpern sollte. Etwas Verwegeneres kann ich Ihnen leider nicht bieten.

Haben Sie sich je Ihre roten Haare umgefärbt, um einen Job zu bekommen?

Nein, aber ich habe oft darüber nachgedacht, es zu tun. Bei den Castings wurde niemals erwähnt, dass es sich um eine Frau mit roten Haaren handelt. Da stand: Sie ist blond, gebräunt, athletisch gebaut, so was in der Art ... Ich hatte immer das Gefühl, erst einmal die Vorstellungen meines Gegenübers ändern zu müssen, um überhaupt eine Chance zu haben. Letztlich aber wollte ich schon damals die bleiben, die ich bin. Inzwischen ist das glücklicherweise anders: Wenn ich heute ein Skript zugeschickt bekomme, dann habe ich die Rolle schon.

Zur Person: Jessica Chastain

Es war ein langer und harter Weg für Jessica Chastain bis an die Spitze Hollywoods. Zu Hause in einer nordkalifornischen Kleinstadt hatte die 1977 geborene Schauspielerin kaum Zugang zur Kunst. Ihre Mutter war Köchin, ihr leiblicher Vater Schlagzeuger. Sie wuchs mit Mutter und Stiefvater auf, einem Feuerwehrmann. Doch zumindest Chastains Oma hatte einst selbst künstlerische Ambitionen gehegt. Die Großmutter brachte die Enkelin denn auch mit dem Theater in Berührung und finanzierte die Ballettstunden.

Jessica Chastains Ehrgeiz für die Schauspielerei war bald schon unwiderruflich geweckt: Sie bewarb sich an der renommierten Juiillard School in New York – und bekam auch prompt ein Stipendium, das der inzwischen verstorbene Robin Williams initiiert hatte.

In Hollywood half ihr die Ausbildung wenig. Jahrelang kämpfte Chastain um jede Rolle, die zu haben war. Sie bewarb sich für diverse Fernsehserien und erhielt bei zermürbenden Castings immer wieder Abfuhren. Hollywood hatte keine Verwendung für eine Rothaarige mit beinahe durchsichtigem Teint und feinen Sommersprossen, die so gar nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprach. Chastain hangelte sich von einem kleinen Theaterengagement zum nächsten. Um überhaupt finanziell über die Runden zu kommen, verkleidete sie sich sogar als Micky Maus bei der Eröffnung von Shoppingmalls oder gab im Fernsehen eine adrette Leiche.

Ihr Glückstag kam, als die Ex-Freundin von Al Pacino sie auf einer kleinen Bühne entdeckte und dem Schauspieler und Regisseur einen Tipp gab. Pacino suchte dringend eine Schauspielerin für die Titelrolle in Oscar Wildes Stück “Salome“ in Los Angeles – und nun hatte er sie gefunden. Plötzlich öffneten sich für Jessica Chastain die Türen zu den wichtigen Casting-Agenturen.

Dann dauerte es noch einmal eine ganze Weile, bis sie endlich in die A-Liga der Charakterdarstellerinnen einzog. Regielegende Terrence Malick etwa verschwand drei Jahre lang im Schneideraum für sein spirituelles Drama “The Tree of Life“, seinem späteren Cannes-Sieger, in dem Chastain an der Seite Brad Pitts eine madonnenhafte Ehefrau spielt. Jeff Nichols hatte größte Mühen, sein apokalyptisches Drama “Take Shelter“ zu finanzieren. Und auch Ralph Fiennes kriegte seine Shakespeare-Adaption “Coriolanus“ lange nicht auf die Beine gestellt. Dann aber fügten sich unverhofft alle Teile wie in einem komplizierten Puzzle zusammen: Allein 2011 starteten sechs Filme mit Jessica Chastain in den Kinos. Ein Jahr später wählte sie das Magazin “Time“ zu den 100 einflussreichsten Personen auf diesem Planeten.

Mit zwei Rollen machte die Schauspielerin besonders Furore: In Kathryn Bigelows Thriller “Zero Dark Thirty“ verkörperte sie die unerbittliche CIA-Analytikerin Maya, die Osama Bin Laden in Pakistan aufstöbert – diese Vorstellung brachte ihr einen Golden Globe und eine Oscar-Nominierung ein. In “The Help“ spielte sie eine Südstaaten-Ehefrau in den Sechzigern, die sich mit einer schwarzen Haushaltshilfe anfreundet – die zweite Oscar-Nominierung. Weitere Karrierestationen: Christopher Nolans Science-Fiction-Film “Interstellar“, das Drama “A Most Violent Year“ von J. C. Chandor und “Der Marsianer“ von Ridley Scott. Zuletzt sah man sie als JurymMitglied bei den Filmfestspielen in Cannes.

Und nun ist Chastain in eine weitere Glanzrolle geschlüpft. Natürlich gibt sie wieder eine ziemlich toughe Frau: In “Die Erfindung der Wahrheit“ (Kinostart: 6. Juli) ist sie als begnadete Lobbyistin in Washington D. C. zu sehen, die an diversen Strippen zieht und immer einen Schritt weiter vorausdenkt, als ihre zahlreichen Gegner ahnen.

Von Stefan Stosch

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