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Haben Sie einen Zufluchtsort?

Interview mit Sarah Kuttner Haben Sie einen Zufluchtsort?

Sie ist Moderatorin, Buchautorin und Kolumnistin – gerade ist Sarah Kuttners dritter Roman "180° Meer" erschienen, ein Road-Trip auf der Suche nach den eigenen Wurzeln. Nora Lysk sprach mit Kuttner über ihre Familie, elterliche Ratschläge – und die Frage, ob Hunde die besseren Menschen sind.

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Keine Angst vor dem Shitstorm: Sarah Kuttner hat keine Lust, sich zu verbiegen.

Quelle: Erik Weiss

Frau Kuttner, stimmt es, dass Sie angefangen haben zu schreiben, weil Ihr Vater Ihnen gesagt hat, "Kind, schreib doch mal einen Roman"?
Nachdem meine Kolumnen erschienen waren, haben das eigentlich alle ständig gesagt. Irgendwann kam jemand vom Verlag zu mir und sagte: "Frau Kuttner, Sie schreiben so schön, schreiben Sie doch mal einen Roman." Damals sagte ich noch: "Auf keinen Fall, ich weiß doch gar nicht wie man das macht". Also wurden – eher aus Verzweiflung, damit es überhaupt etwas Gedrucktes gibt – die Kolumnen einfach zu einem Buch zusammengebunden.

Warum haben Sie sich nicht an einen Roman getraut?
Ich habe gedacht, das wäre eine Nummer zu groß für mich. Und weil ich ehrlich gesagt nie so wirklich mutig, beziehungsweise überzeugt von mir war, habe ich immer gesagt, "das sollen mal die anderen Kinder machen". Das ist auch der Grund, warum ich meinen ersten Roman tendenziell eher heimlich geschrieben habe.

Schwingt da die Angst vor Reaktionen mit, die möglicherweise nicht immer freundlich sind?
Die wird es auf jeden Fall geben. Bei mir ist das immer Hälfte, Hälfte. Die eine Hälfte findet es gut, die andere doof. Frauenzeitschriften finden es meist gelungen und das Feuilleton scheiße. Da habe ich schon gar keine großen Hoffnungen oder Erwartungen mehr. Das ist auch okay so. Ich lese das nicht mehr, weil ich einfach kein so dickes Fell habe. Leider kommen dann in der Regel Journalisten, die mir sagen, was wo über mich zu lesen war. Und dann muss ich  es mir trotzdem anhören. So wie Sie mir eben gesagt haben, dass beispielsweise die "Neue Züricher Zeitung" geschrieben hat, ich sei komplett inhaltslos.

Sarah Kuttner

Heimlich geschrieben: Sarah Kuttner 2009 auf der Leipziger Buchmesse zur Präsentation ihres ersten Romans "Mängelexemplar".

Quelle: AndreZehetbauer / CC BY-SA 2.0

Mich würde dennoch interessieren, wie sich das für Sie anfühlt, wenn nach Ihrer Sendung "Kuttner plus Zwei" geschrieben wird, Sie würden sich ständig in den Vordergrund spielen.
Das Problem dieses Vorwurfs ist, dass damit das Konzept der Sendung infrage gestellt beziehungsweise einfach nicht verstanden wurde. Die Leute öffnen sich mir nur deshalb, weil ich im Gegenzug etwas von mir preisgebe. Das ist der Unterschied zwischen einem Interview und einem Gespräch. Wenn ich frage, "Wurdet ihr als Kinder mal geschlagen?", so ist das eine sehr intime Frage, wenn ich aber selbst erzähle, dass ich das ein oder andere Mal eine Backpfeife von meiner Mutter bekommen habe, beantworte ich diese intime Frage zuerst und versichere meinen Gästen damit, dass sie nicht alleine nackig dastehen.

Die heftigen Reaktionen, wie beispielsweise, als Sie sagten, dass Sie auf keinen Fall eigene Kinder wollen, sind einkalkuliert?
Ach ja, der große Kinder-Shitstorm. Das ist aber auch das Internet. Die Leute recherchieren einfach nicht mehr, sondern sie glauben der frustrierten Mutti. Ich hab ja nicht gesagt, dass Kinder kleine Arschlöcher sind, die ins Gefängnis gehören. Ich habe einfach nur gesagt, dass ich sie doof finde und mit ihnen nichts anfangen kann. Natürlich müssen die existieren, ich möchte nur vorerst nicht für sie zuständig sein.

Eine sehr individuelle Entscheidung …
Richtig, aber eine, die man durchaus kundtun dürfen muss.

Haben Sie schon mal etwas bereut?
Da gibt es bestimmt etwas, aber nichts, was mir aktuell einfallen würde. Und wenn ich etwas bereut habe, dann nur, weil ich möglicherweise die Reaktionen unterschätzt habe. Grundsätzlich bin ich schon ein Fan davon, zu sagen, was man denkt. Auch weil ich einfach nicht anders kann. Warum sollte ich mir auf die Zunge beißen? Wenn ich etwas fühle, dann muss ich das doch auch sagen dürfen! Warum sollte ich britisch lächeln?

Ihre Protagonistin Jule lächelt zuweilen britisch. Wie geht das genau?
So wie die Queen lächelt. So, dass man es einem nicht richtig abnimmt.

So amerikanisch?
Nein, das Ami-Lächeln ist ja immer groß und strahlend. Das sagt "Hey, you’re awesome". Britisch ist mehr so nach dem Motto, "ich finde die Situation jetzt zwar nicht so gut, aber es schickt sich eben, tapfer weiterzulächeln."

In Ihrem neuen Buch "180° Meer" beschreiben Sie eine zerrüttete Vater-Tochter-Beziehung. Wie wichtig ist Ihnen die Beziehung zu Ihrem Vater?
Im Grunde hat ja jeder eine Beziehung zu seinen Eltern. Leider ist diese in den seltensten Fällen tippitoppi in Ordnung. Generell ist das Verhältnis von Kindern zu ihren Eltern interessant, weil es eben nie so ist wie im Film. Eltern sind nicht die erwachsenen Vögel, die einen im Nest behalten und füttern. Die können auch mit oder ohne Absicht ganz viel kaputt machen. Unterm Strich sind wir das Ergebnis unserer Gene und Erziehung.

Ist Blut dicker als Wasser?
Ich denke nicht. Man sollte auch mit seinen Eltern Schluss machen dürfen. Eine Blutsverbindung ist ja keine Garantie fürs Guttun. Nur aus Prinzip sollte man nirgendwo bleiben, sondern immer dorthin gehen, wo es einem gut geht.

Brauchen Sie Ihren Vater als Ratgeber?
Nein. Oder nur sehr, sehr selten. Generell habe ich fast nie das Gefühl, Rat zu brauchen. Ich kenne meistens alle Optionen, ich muss mich nur zwischen ihnen entscheiden.

Und wenn der sagen würde, das mit dem Buch war nichts?
Das würde er nicht sagen, weil man das nicht einfach so dahinsagt. Und selbst wenn, wäre es nur eine von vielen Meinungen, die ich eben akzeptieren müsste. Ich glaube aber, er wünscht sich manchmal, ich würde Rat brauchen. Weil er eben ein Vater ist. Ich wusste aber schon immer – sicher auch aufgrund der Erziehung meiner Eltern – was ich für richtig und falsch und für geschmackvoll und nicht geschmackvoll halte. Anfangs hat er noch versucht, Rat ungebeten anzubieten. Ich habe ihm irgendwann gesagt, "Papa, ich weiß, du willst nur helfen, aber lass mich selbst auf die Herdplatte fassen."

Wird Familie wichtiger, je älter man wird?
Das kann schon sein. Aber in meiner Familie sind wir gar nicht so. Wir haben sehr lockeren, unregelmäßigen Kontakt miteinander. Ich kenne Leute, die tatsächlich einmal die Woche mit ihren Eltern telefonieren. Und wenn das ausnahmsweise mal ausfällt, werden die ganz hibbelig.

Vielleicht ist das wie einmal die Woche zum Sport gehen. Wenn man es ausfallen lässt, setzt das schlechte Gewissen ein.
Siehste, das mach ich auch nicht. Und ich will nicht von einem schlechten Gewissen geleitet werden. Als ich klein war, hieß es immer: "Du musst die Oma anrufen, die ist sonst sauer." Dann rief man die Oma endlich an und schon war die Oma ein bisschen eingeschnappt und sagte: "Du hast dich aber auch schon lange nicht gemeldet." Schon macht das keinen Spaß mehr mit der Oma. Ein schlechtes Gewissen ist einfach kein guter Treibstoff, schon gar nicht für die Liebe.

Das mit der Liebe fällt Ihrer Protagonistin auch nicht leicht. Schon in Ihren vorherigen Romanen scheiterten die Beziehungen der Reihe nach.
Ich schreibe ja auch keine Liebesbücher. Weil – und da dürfen wir uns nichts vormachen – am Ende wird es eben nicht immer gut. Das Leben ist anstrengend. Bei den meisten Liebesbüchern läuft das ja in der Regel so, dass egal wie viele Steine der hochhackigen Protagonistin in den Weg gelegt werden, am Ende kriegt sie ihn doch. Bei mir weiß man nie, ob es gut wird. Und das finde ich schön, denn das macht es realistischer.

Möglicherweise ein Problem der Generation um die 30 …
Jetzt ist das böse G-Wort gefallen! Ich sags gleich, ich wurde mein ganzes Leben so viel über Generationen gefragt, dass das fast wie ein rotes Tuch für mich ist. Ich bin keine Generation, ich kenne diese, meine Generation nicht, ich bin nur Sarah. Ich kann dazu nichts sagen.

Jule flüchtet ans Meer, um mit sich und ihren Problemen klarzukommen. Welche Zufluchtsorte haben Sie?
Der Ort ist mir nicht so wichtig. Ich reise zum Beispiel eher ungern. Wenn es Momente gibt, in denen ich meine Ruhe brauche, dann finde ich die in meiner Wohnung. Und wenn da gerade jemand ist, dann geh ich einfach woanders hin, oder miete mich in ein Hotel hier in Berlin für eine Nacht ein. Manchmal reicht auch einfach die Badewanne. Manche brauchen einen Monat alleine in Afrika, andere eben nur ein Bad.

Sie haben seit Kurzem einen Garten. Findet man dort keine Ruhe?
Richtig, den habe ich seit drei Jahren. Seitdem weiß ich, dass Gartenarbeit wirklich fetzt. Allerdings gibt es einen Deal zwischen mir und den Pflanzen: Wer es mit meiner Art von Liebe schafft, die längst nicht so groß ist wie die der Vorbesitzerin, der überlebt. Alles andere wird eingestampft.

Darwin wäre stolz auf Sie.
Das ist das, was ich kann. Ich gebe mir schon ein bisschen Mühe und habe mir Dinge angelesen. Zum Beispiel hab ich jetzt im Herbst relativ stark den Rhododendron geschnitten. Und ich bin wirklich aufgeregt, ob der jetzt tot ist, oder ob der im Frühjahr – wie im Internet versprochen – wiederkommt. Das sind Dinge, die mich mittlerweile stark berühren.

Mit Nutzpflanzen haben Sie es nicht so?
Wir haben es mal mit einem Gemüsebeet probiert, was aber überhaupt nicht geklappt hat, weil wir einfach nicht immer da sind. In dem Jahr gab es eine einzige ganz kleine Mohrrübe. Die hat der Hund ausgegraben und gefressen.

Jule haben Sie auch einen Hund mit auf ihre Reise gegeben. Ist es so, dass Hunde die besseren Menschen sind?
Katzen sind auf jeden Fall ehrlicher. Hunde sind viel zu devot. Wer sie füttert, ist der König, so einfach ist das.

Sarah Kuttner: "180° Meer". Fischer Verlag, 18,99 Euro, 272 Seiten.

Sarah Kuttner: "180° Meer". Fischer Verlag, 18,99 Euro, 272 Seiten.

Quelle: Fischer Verlag
Zur Person

Sarah Kuttner – „ein fucking Event“ und ständig im Auge des Shitstorms

Bekennende Schnellsprecherin, Raucherin und sehr wahrscheinlich twittersüchtig: Das ist Sarah Kuttner. Die Tochter des Ost-Berliner Radiomoderators und Künstlers Jürgen Kuttner polarisiert wie kaum eine andere. In ihrer Sendung "Kuttner Plus Zwei" (die dritte Staffel läuft ab 3. Februar auf ZDFneo) trinkt sie mit Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin Eierlikör mit Fanta, beim Küchen-Talk mit Hannelore Elsner gibt sie offen zu: "Ganz ehrlich: Ich finde Kinder einfach doof."

Der Shitstorm war vorprogrammiert. Doch auch damit kennt Kuttner sich mittlerweile aus.  Als sie 2012 auf einer Lesung in Hamburg aus ihrem Buch "Wachstumsschmerz" den Begriff "Negerpuppe" – ein Zitat aus ihrem Buch – fallen lässt, zeigt ein Besucher die Autorin an. Hasskommentare legen anschließend Kuttners Facebook-Seite lahm.

Nach der Lesung fasst Kuttner den Abend folgendermaßen zusammen: "Achduliebeslieschen Hamburg! Habe eine professionelle Aussage gemacht und werde jetzt wohl Ehrenmitglied der Hamburger Polizei. Danke für einen irren Abend!" Doch der Fall macht weiter Schlagzeilen und Kuttner sieht sich genötigt, öffentlich Stellung zu beziehen.

Ihre Karriere startet die heute 36-Jährige 2001, als sie bei einem Casting des Musiksenders Viva als Moderatorin ausgewählt wird. Bis 2004 moderierte sie im Wechsel mit Gülcan Kamps die Nachmittagssendung "Interaktiv". Es folgte "Sarah Kuttner – die Show" (Viva), die nach ihrem Wechsel zu MTV nur noch kurz "Kuttner" hieß.

"Kuttners Kleinanzeigen" (ARD), "Frau Kuttner & Herr Kavka" (3Sat) und "Kuttner plus Zwei" (ZDFneo) und nicht zu vergessen "Kuttner und Kuttner" auf Radioeins, eine wöchentliche Talkshow im Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb), die Sarah Kuttner gemeinsam mit ihrem Vater moderierte – wo Kuttner draufsteht, ist auch Kuttner drin. Dabei gibt es fast nichts, was sie noch nicht gemacht hat: Selbst für den "Playboy" ließ sie sich 2003 ablichten – als "Miss-Wett-T-Shirt" auf dem Titel des Herrenmagazins.

Dreharbeiten zu "Mängelexemplar"

Bei den Dreharbeiten zu "Mängelexemplar": Barbara Schöne als Oma Bille (l-r), Katja Riemann als Mutter Luzy, Autorin Sarah Kuttner, Claudia Eisinger als Karo und Regisseurin Laura Lackmann.

Quelle: Britta Pedersen / dpa

Ihr erstes Buch "Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens" war eine Sammlung ihrer Kolumnen, die sie für die "Süddeutsche Zeitung" und den "Musikexpress" geschrieben hatte. 2009 erschien ihr erster Roman "Mängelexemplar", in dem sie – wie sie selbst erklärte – das Thema Depressionen, wie sie es in ihrem Bekanntenkreis beobachtet hatte, verarbeitete. "Eine Depression", lässt Kuttner ihre Protagonistin feststellen, "ist ein fucking Event".

Wochenlang stand das Buch auf den Bestsellerlisten, und Kuttner musste immer wieder betonten, dass die Geschichte nicht ihre eigene sei. 2016 soll "Mängelexemplar" in die Kinos kommen. Kuttners zweiter Roman "Wachstumsschmerz" (2011) beschäftigte sich mit "der Sehnsucht und der Angst, ein richtiges, erwachsenes Leben zu haben".

In Kuttners neuem Roman, "180° Meer" flüchte die Protagonistin Jule nach England – eine Flucht vor der eigenen Courage, der depressiven Mutter und dem ungeliebten Vater. Auf halber Strecke scheitert auch noch die Beziehung zu ihrem Freund Tim.

Von Nora Lysk

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