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Wie viel Kommissar Faber steckt in Ihnen?

Jörg Hartmann im Interview Wie viel Kommissar Faber steckt in Ihnen?

Seit seinen Rollen als Stasi-Major in "Weissensee" und als abgründiger "Tatort"-Kommissar ist der Schauspieler Jörg Hartmann dem großen Fernsehpublikum bekannt. Eine Tatsache, die der Potsdamer noch nicht so recht glauben kann. Wir haben mit dem 46-Jährigen gesprochen.

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Schaupieler Jörg Hartmann sagt über sich, er sei schon "als Kind aus der Art geschlagen".

Quelle: Imago

Er kommt mit dem Fahrrad. Sein Blick ist sperrig, sein Händedruck fest, aber irgendwie auch misstrauisch. Seit der Schauspieler Jörg Hartmann den "Tatort"-Kommissar Faber spielt, ist er ein TV-Star – mit all den schönen, aber auch unschönen Erfahrungen, die damit verbunden sein können.

Und so richtig scheint er noch immer nicht in dieser neuen Welt angekommen zu sein, so wie er gerade in seinem Cappuccino rührt – fast ein wenig verlegen. Bis er sich dann plötzlich doch zu der Frage durchringt, die ihm wohl die ganze Zeit auf der Zunge lag: "Warum ausgerechnet ich? Was ist so interessant an meiner Person?"

"Vielleicht, weil ich einmal sehen will, wie viel von dem durchgeknallten Kommissar Faber in dem Menschen Jörg Hartmann steckt", sage ich. Zum ersten Mal schleicht sich ein leichtes Lächeln in sein Gesicht. "Die Figur des Fabers hat mir von Anfang an gefallen – besessen und immer am Abgrund balancierend. Ähnlich wie der englische Ermittler Luther in der gleichnamigen Erfolgsserie der BBC. Faber ist eben ein ganz anderer Typus von Kommissar, und zum ersten Mal wird in einem 'Tatort' horizontal zur jeweiligen Fallgeschichte Folge für Folge auch die persönliche Geschichte eines Kommissars erzählt."
 
Waren Sie eigentlich in die Entwicklung der Figur Faber miteingebunden?
Jürgen Werner, der Autor, die Produzentin Sonja Goslicki und ich – wir haben uns von Anfang an gut verstanden. Beide hatten natürlich die Geschichte des Faber schon zu Beginn im Kopf. Aber mit jeder Folge haben wir den Faden dann gemeinsam enger gesponnen, und ich konnte da durchaus meine eigenen Facetten miteinbringen.

 Haben Sie keine Angst, dass der Schauspieler Jörg Hartmann irgendwann nur noch mit der Figur aus dem "Tatort" gleichgesetzt wird?
Also das ist nun wirklich ein Luxusproblem. Erst einmal bin ich immer noch sehr dankbar, dass man mir die Rolle gegeben hat. Auch wenn ich mich nach wie vor daran gewöhnen muss, plötzlich auf der Straße erkannt und angesprochen zu werden.

Wie auf Stichwort tritt eine kleine ältere Frau an den Tisch: "Entschuldigung, wenn ick ma störe", berlinert sie. "Aber könnte ich vielleicht ein Autogramm haben?" Autogrammkarten hat Jörg Hartmann nicht bei sich. Suchend schaut er sich um. "Die Serviette vielleicht? Oder hier auf die Speisekarte. Und für wen darf ich unterschreiben?" Die Frau entscheidet sich für die Karte des Cafés. Jörg Hartmann nimmt einen Schluck von seinem Cappuccino. "Um noch einmal auf den Faber zurückzukommen", sagt er, "Götz George hat es ja auch geschafft, nicht nur auf den Schimanski  reduziert zu werden."

Faber ermittelt in Dortmund. Sie selbst sind ganz in der Nähe aufgewachsen, in Herdecke. Da stellt sich die Ruhrpott-Gewissensfrage: Was wird man da als kleiner Junge? Fan von Schalke 04 oder Fan von Borussia Dortmund?
Ehrlich gesagt war ich nie ein großer Fußballfan. Auch wenn ich mir so manche Spiele von Dortmund gern angeschaut habe. Mein Vater war Handballer, und irgendwann habe ich auch damit angefangen, bin aber nie über die B2-Reserve unserer Jugend hinausgekommen – bis auf dieses eine Spiel in Stuttgart …

Hört sich spannend an …
Das war es auch. Hals über Kopf wurde ich eines Morgens in die erste A-Jugend-Mannschaft abkommandiert, ohne gefrühstückt zu haben – und dann habe ich das Spiel meines Lebens gemacht: Ich habe fünf Tore geworfen, darunter einen Siebenmeter, den ich heute noch vor Augen habe, ein Billard-Tor, von einem Pfosten zum anderen und dann rein.

 Und was hat der junge Jörg Hartmann sonst noch gemacht? Welche Musik haben Sie gehört?
Auch da muss ich passen. Offensichtlich bin ich schon als Kind etwas aus der Art geschlagen. Ich habe als Kind lieber gezeichnet und gelesen als Musik gehört und eine Band angehimmelt.

Was sind Ihre Lieblingsbücher von damals?
"Was ist was?" – diese bunten Erklär-mir-die-Welt-Bücher. Wie funktioniert ein Automotor? Wie wurden die Pyramiden gebaut? Ich hatte ganze Regale voll davon.

Und was lesen Sie zurzeit?
"Stoner" von John Williams, einer der großen vergessenen Romane der amerikanischen Literatur, der erst jetzt, 50 Jahre später, zu Recht wiederentdeckt wurde. Eigentlich ist die Geschichte eines armen Farmerssohnes, der seine Liebe zur Poesie und Literatur entdeckt, gar nicht so spektakulär. Aber sie ist unglaublich intensiv und einfühlsam geschrieben. Parallel dazu lese ich "Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten" von Neil MacGregor, dem Direktor des Britischen Museums in London, der demnächst in Berlin sein Amt als Gründungsintendant des Humboldtforums antreten wird. Vom afrikanischen Faustkeil bis zur chinesischen Solarlampe – wie es MacGregor schafft, an einzelnen Exponaten des Museums die Entwicklungsgeschichte der Menschheit zu erzählen, ist spannender als mancher Krimi.

Da ist sie wieder: die Leidenschaft des jungen Jörg Hartmann für Wissen. Genauso wie seine heutige Leidenschaft für Architektur und Städtebau. Und da kann er sich so richtig in Rage reden: "Schauen Sie sich doch diese Geldkassetten-Architektur von heute an. Oder diesen grünen Ökowahn mit der Wärmedämmung. Blinder Aktionismus, der alle Hausbesitzer zwingt, ihre Häuser mit Styroporchemie zu verpacken. Unglaublich ökologisch in der Herstellung und Entsorgung! Toll!  Dass kein Mensch so viel lüften kann, wie die Dämmpappe es erfordert, ist auch nicht wichtig. Dass der Schimmel sich munter ausbreitet, dass ein Haus atmen muss, dass es rein ästhetisch und baukünstlerisch eine Katastrophe ist, dass wir alle bald todkrank sein werden, egal!" In Potsdam, wo der Schauspieler heute lebt, engagiert sich Jörg Hartmann inzwischen in einer Bürgerinitiative, die gegen Bausünden kämpft.

Warum dieser Furor, Herr Hartmann?
Weil ich vielleicht schon als Kind gesehen und gelitten habe, wie der schöne Obstgarten hinter unserem Haus einer Umgehungsstraße zum Opfer fiel. Und weil mich gute Architektur und guter Städtebau richtig glücklich machen können. Ich brauche schöne Städte, ich nehme sie auf wie schöne, unberührte Natur oder ein gutes Essen. Hässliche Städte machen mich dagegen traurig, wütend und aggressiv. Darüber kann ich mich mehr aufregen als über schlechte Schauspielerei. Wenn ich ein schlechtes Theaterstück sehe oder einen grauenvollen Film, kann ich einfach aus der Vorstellung abhauen. Bei gebautem Schrott habe ich diese Wahl aber nicht. Abhauen bringt da nichts. Der umgibt mich nämlich überall. Fast überall. Und wenn ich Geld hätte, richtig viel Geld, würde ich damit die Städte aufräumen.

Wenn Sie eine Zeitreise machen könnten: In welche Stadt würde Sie die führen?
Das ist schwer zu sagen. Aber auf jeden Fall würde ich nach Dresden reisen, in die Zeit des Barocks. Aber auch die Zwanzigerjahre in Berlin fände ich spannend.

Zum Abschluss unseres Gesprächs habe ich noch eine Frage zu Ihrem Privatleben. Sie sind gerade noch einmal Vater geworden. Wie kurz sind zurzeit die Nächte?
Ach, unsere kleine Tochter nimmt eigentlich schon sehr viel Rücksicht auf ihre Eltern. Vor Kurzem haben wir uns sogar schon getraut, sie für ein paar Stunden der Oma anzuvertrauen, um wieder einmal ins Kino gehen zu können.

In welchen Film sind Sie gegangen?
In "Die zweite Chance", einen Film von Susanne Bier, einer dänischen Regisseurin, die ich eigentlich sehr schätze. Aber nach einer halben Stunde hielten wir es nicht mehr aus und haben fluchtartig das Kino verlassen.

Warum?
Was wir nicht wussten: In dem Film geht es um einen Polizisten, dessen lang ersehntes Kind kurz nach der Geburt den plötzlichen Kindstod stirbt. Fast zur gleichen Zeit stößt er bei Ermittlungen auf den völlig verwahrlosten Säugling eines Junkiepaares. Den Behörden sind die Hände gebunden. Da beschließt er, die beiden Babys auszutauschen. Das war nicht gerade der richtige Film für ein junges Elternpaar …

Zur Person

Hart, härter, Hartmann: Im Film mal böse, mal bissig – aber privat ganz anders

Wahrscheinlich war es der Drehort im Ruhrgebiet, der ihm das Zitat nahelegte. "Kein Schwanz ist so hart wie Peter Faber", scherzte Schauspieler Jörg Hartmann unlängst im Interview mit der "Bild"-Zeitung. Faber, das ist die ruppige Ermittlerfigur im Dortmunder "Tatort", die Hartmann verkörpert – recht ähnlich jenem rauen Ruhrpott-Kommissar Schimanski, den einst Götz George spielte und der sich in vergleichbar zotiger Weise über seine Filmfigur äußerte.

Für Hartmann sind die Drehtage in Dortmund gewissermaßen ein Heimspiel. Geboren wurde er am 8. Juni 1969 im westfälischen Hagen. Von 1990 bis 1994 absolvierte er eine Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart und arbeitete dann bis 1996 am Südthüringischen Staatstheater Meiningen. Es folgten drei Jahre am Nationaltheater Mannheim; von 1999 bis 2009 war Hartmann festes Ensemblemitglied an der Berliner Schaubühne, für die er auch heute noch zuweilen als Gast auf der Bühne steht.

Vorliebe für vielschichtige Figuren

Große öffentliche Bekanntheit erlangte der Mann mit der markanten Stirn durch diverse Fernsehproduktionen, in denen er oft vielschichtige Figuren mit negativer Ausstrahlung verkörpert – wie etwa den Spießer und Bankmitarbeiter Torvald Helmer in der Fernsehinszenierung des Theaterstücks "Nora" von Henrik Ibsen oder den verschlagenen Stasioffizier Falk Kupfer in der ARD-Serie "Weissensee". Auch in der Krimiserie "Bella Block" gibt Hartmann in der Rolle des Vorgesetzten das Ekel.

Was Drehbuchvorlage und was Persönlichkeit ist, bleibt bei Hartmann unklar. Im ersten Dortmunder "Tatort" zertrümmert er mit einem Baseballschläger ein Auto – und lächelt über sein Werk. Aber auch privat kann er hart austeilen. Das konkurrierende "Tatort"-Team Nora Tschirner und Christian Ulmen verhöhnte er im Interview mit der Illustrierten "In" als Verschnitt der US-amerikanischen Slapstick-Komödie "Die nackte Kanone".

Privat soll er ganz nett sein

Hartmann hat Erfolg mit der demonstrativ zur Schau gestellten Härte: Sein Part in der Erfolgsserie "Weissensee" als unsympathischer Stasi-Major Falk Kupfer brachte ihm immerhin zwei Filmpreise ein. Und privat, so wurde von seinem Abitreffen im Jahr 2013 kolportiert, soll er eigentlich auch ganz nett sein. "Sag mal, warum spielst du eigentlich immer solche Leute? Du bist doch ganz anders", sollen ihn frühere Mitschüler gefragt haben.

Ansonsten ist über Hartmanns Privatleben nicht viel bekannt; er ist in dieser Hinsicht zurückhaltend. Im November 2013 räumte er ein, sich nach 20 Jahren Ehe von seiner Frau getrennt zu haben, mit der er eine Tochter hat. Neue Partnerin wurde seine zwölf Jahre jüngere Schauspielkollegin Silvia Medina.

Im Juli dieses Jahres schließlich gab seine Managerin bekannt, dass das Paar ein Kind bekommen hat. Auch diese Information aus seinem Privatleben hielt Hartmann lange zurück; das Kind war bereits im Januar zur Welt gekommen. Für die Beziehung zwischen Medina und Hartmann gab es übrigens tatsächlich ein Drehbuch: Gefunkt hat es nämlich in der ZDF-Reihe "Letzte Spur Berlin"– und da spielten die beiden ein Ehepaar.

Interview: Udo Röbel

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