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Machen Frauen alles besser?

Richard Gere im Interview Machen Frauen alles besser?

Jeans, sanftblaues Hemd, ein ironisches Lächeln spielt um seine Mundwinkel: Richard Gere verkörpert den Typ Elder Statesman. Man kann ihn alles fragen und bekommt stets eine ordentliche Antwort. Sogar dann, wenn der 67-jährige US-Schauspieler gar keine weiß. Stefan Stosch hat’s ausprobiert.

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Sex-Appeal und Politik: Richard Gere ist ein Freund des Dalai-Lama und setzt sich für indigene Völker ein. Ein Gespräch über Donald Trump, Erziehung und seinen neuen Film “The Dinner“.

Quelle: Invision/AP Invision

Berlin.  

Herr Gere, Sie nutzen Ihre Bekanntheit immer wieder, um politisch Aufmerksamkeit zu erzielen, etwa beim Thema Tibet: Erklären Sie der Welt nun auch, was gegen Präsident Trump getan werden muss?

Nein, ich halte es für wichtiger, dass schon etwas passiert. Denken Sie an die vielen Demonstranten, die sich Trumps dunklen, narzisstischen, eigennützigen Ideen entgegenstellen. Besonders die Frauen ziehen in so großer Zahl und mit so viel Freude los gegen ihn. Das ist eine optimistische Bewegung. Das ist wichtiger als jeder Schauspieler, der sich hervortut.

Und doch: Könnte es heute womöglich wichtiger sein, über Politik als über Kino zu reden?

Wir leben nun mal in einer verrückten Welt. Wenn Daddy nicht länger Daddy ist, will sagen: Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika keine vertrauenswürdige Person mehr ist, dann versinkt die Welt im Chaos. Donald Trump ist eine Belastung sogar für seine eigene Partei, die nicht weiß, was sie mit ihm anfangen soll. Der Mann ist eine nationale Peinlichkeit. Zum Glück gibt es auch andere Entwicklungen: Ihr Deutschland ist heute der Fokus der Welt, wenn es um Stabilität geht – zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg. Deutschland ist der fortschrittliche, moralische, weise Staat auf diesem Planeten. Erstaunlich!

Malen Sie Deutschland jetzt nicht ein bisschen zu positiv aus?

Europa steht ganz ähnlich wie Amerika unter dem Druck von extrem rechten Kräften. Auch Deutschland muss sich jeder Menge Herausforderungen stellen. Aber man geht hier zum Beispiel mit Flüchtlingen korrekt um, trotz aller Diskussionen. Hier gibt es besonnene Anführer, die uns durch das politische Minenfeld bringen.

Ist Frau Merkel errötet, als Sie sie bei Ihrem Treffen während der Berlinale so gelobt haben?

So viel kann ich sagen: Sie ist eine gute Zuhörerin. Sie ist an allem interessiert und hat einen klaren Kopf. Ich habe sie schon bewundert, als ich sie noch gar nicht kannte. Umso mehr bewundere ich sie jetzt.

Apropos Rechtstrend: Lernt die Menschheit wirklich aus Fehlern?

Ich glaube schon, dass es Fortschritt gibt. Ich habe darüber mit dem Dalai-Lama gesprochen, auch mit Blick auf das blutige 20. Jahrhundert. Er glaubt an eine Entwicklung zum Besseren. Aber wie bei jeder Bewegung gibt es Rückschläge. So ein Moment lässt sich als Korrektiv verstehen, um Leute wieder einzubeziehen. Trump konnte nur gewählt werden, weil es vielen egal war. Gerade erleben wir eine Redemokratisierung: Jeder fühlt sich angesprochen. Allerdings scheinen Lehren aus der Geschichte nicht überall auf der Welt beherzigt zu werden.

Wo nicht?

Nehmen Sie die Kommunistische Partei Chinas. Die Geschichte zeigt, dass keine kommunistische Herrschaft ewig währt. Aber die kommunistische Führung in China unternimmt keine Schritte, um sich so weit zu verändern, dass sie die Kontrolle behalten kann. Sie bewegt sich in Richtung einer schärferen Konfrontation mit dem Volk, weshalb sie von der Geschichte hinweggefegt werden könnte. Ich verstehe nicht, wie man so töricht sein kann.

Sie haben also die Hoffnung, dass die Geschichte auch den Fehler Trump korrigieren wird?

Ja, hoffentlich schon bei den Zwischenwahlen Ende kommenden Jahres. Wenn wir da zusammenstehen und moderate Leute wählen, wird Trump seine Macht verlieren.

Was könnte die Menschen noch voranbringen?

Heute geht es in der Politik nur um Trennendes. Stets heißt es: wir gegen die anderen. Im Hinduismus, Buddhismus, auch im frühen Christentum wird diese Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt gar nicht gemacht. Das müssen wir wieder lernen. Diese Lehre lässt sich gegen Faschismus und all die dunklen Bewegungen auf diesem Planeten wenden. Unser Einfühlungsvermögen und unser Verantwortungsbewusstsein müssen wachsen.

Sie haben einen Teenagersohn, in Ihrem aktuellen Film “The Dinner“ werden zwei Teenager zu Mördern: Wie viel Einfluss haben Eltern auf ihre Kinder?

Ich hoffe, dass ich welchen habe. Eltern tragen nun mal die Verantwortung. Ich kann mich auch noch genau erinnern, wie ich mich als Teenager gefühlt habe. Eine herausfordernde Etappe war das. Alle möglichen Kräfte stürmen auf einen ein. Das ist eine Zeit für Abenteuer, für Experimente. In dem Alter entscheidet sich, wie man zur Welt steht. Jeder Teenager muss herausfinden, wo das Kliff endet, ohne herabzustürzen.

Nicht ganz ungefährlich, das herauszufinden.

Ja, denn die Struktur des Gehirns ändert sich bei Teenagern, es wird regelrecht umgebaut. Als Eltern müssen wir diesen Weg in einer liebenden Weise mitgehen, aber auch mit dem Ziel, das Bewusstsein der Kinder zu stärken.

Waren Sie erfolgreich bei Ihrem Sohn?

Vom Kliff ist er nicht gefallen. Aber er war nahe dran – ohne dass ich darauf näher eingehen möchte. Ich mag seinen Abenteuergeist, aber glücklicherweise wächst auch sein Verantwortungsbewusstsein. Gerade hat er seinen Führerschein gemacht, ich mache mir keine Sorgen über sein Fahrverhalten. Er wird das gut hinkriegen.

Auf dem roten Teppich der Berlinale haben Sie Ihre Freundin im Blitzlichtgewitter geküsst: Können Sie in so einem Moment wirklich ausblenden, dass die ganze Welt zuschaut?

Eine Million Leute mit Handys hat da vor dem Berlinale-Palast gestanden! Aber ich kann das im Kopf ausbalancieren. So ein Moment der Zuneigung hat etwas Reales. Die Gefühle von Menschen, die um mich herum sind, sind mir wichtiger als all die medialen Projektionen, die hinaus in die Welt gehen.

Da wir gerade beim Thema Frauen sind: Wäre unsere Welt eine bessere, wenn Frauen mehr Macht hätten?

Die Griechen haben es jedenfalls so gesehen. Da fällt mir die Komödie “Lysistrata“ des griechischen Dichters Aristophanes ein, in dem die Männer Kriege führen und Leid über die Welt bringen, bis die Frauen sagen: Das ist krank. Jetzt ist Schluss mit Sex, bis diese Kriege beendet sind. Sie treten in Sexstreik.

Wirklich geholfen hat das aber auch nicht.

Ich weiß ja nicht, wie das bei Ihnen ist, aber bei mir spielen Frauen eine große Rolle. Wenn wir Frieden wollen, müssen wir dafür sorgen, dass sich die Frauen wohlfühlen. Das könnte ein Ansatz für eine friedlichere Welt sein. Generell kümmern sich Frauen mehr um andere, sie sind vernünftiger, realistischer. Weibliche Energie wäre so wichtig. Das sagt auch der Dalai-Lama: Er würde sich wünschen, dass es mehr weibliche Anführer gäbe. Sie hören zu, was andere sagen.

Was raten Sie als Frauenversteher im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht?

Da fällt mir nur ein Witz ein, den ich kürzlich aufgeschnappt habe: Ein depressiver Typ spaziert am Strand. Jemand tippt ihm auf die Schulter, er dreht sich um. Gott steht vor ihm und sagt: Ich sehe, wie du leidest. Du darfst Dir etwas wünschen, was immer du willst. Der Typ sagt: Ich wollte schon immer nach Hawaii, aber ich habe Flugangst und mag keine Schiffe. Könntest du eine Brücke bauen? Gott antwortet: Ich könnte, aber das würde so viele Umweltprobleme nach sich ziehen. Hast du noch einen leichter zu erfüllenden Wunsch? Der Typ sagt: Gut, sagen Sie mir bitte, was die Frauen von uns Männern wollen. Darauf Gott: Okay, wie viele Fahrspuren soll deine Brücke nach Hawaii haben? Sie sehen: Ich habe auch keine Ahnung von den Frauen.

Zur Person: Richard Gere

Können Männer auch zu schön sein? Wenn ja, dann gehört Richard Gere unbedingt zu jenen (gar nicht so) Beklagenswerten. Er war im Kino der “American Gigolo“, ein Mann für gewisse Stunden, und er war auch der “Pretty Man“ an der Seite von “Pretty Woman“ (1990), gespielt von Julia Roberts. Diese Auftritte haben sein Bild in der Öffentlichkeit geprägt – in den Neunzigern wurde er gleich zweimal zum “Sexiest Man Alive“ gewählt. Von diesem Image kommt er auch im nicht mehr ganz so zarten Alter von inzwischen 67 Jahren nicht los. Richard Gere ist und bleibt ein Sexsymbol aus Hollywood.

Dabei hat Gere, der Sohn eines Versicherungsvertreters und einer Hausfrau aus Philadelphia, von Anfang an viel Ehrgeiz an den Tag gelegt, um andere Ziele zu erreichen. Als Kind erlernte er gleich vier Musikinstrumente – Klavier, Gitarre, Trompete und Schlagzeug. Später konnte er dank eines Sportstipendiums Philosophie studieren, hielt an der Uni allerdings nicht bis zum Ende durch. Schon in dieser Zeit sammelte er schauspielerische Erfahrungen – zum Beispiel in zwei Sam-Shepard-Stücken an New Yorker Theatern. 1980 wurde er berühmt als eben jener Edel-Callboy in “American Gigolo“, der Opfer einer Intrige wird und darüber sein Äußeres immer mehr vernachlässigt. Wenn man aber mal ehrlich ist: Zu einer porentiefen Hässlichkeit bringt er es auch in diesem Film nicht.

Zwischenzeitlich hat Richard Gere noch eine ganze Reihe anderer Jobs in Hollywood übernommen. Nur mal einige Beispiele: In “Internal Affairs“ (1990) gab er einen kriminellen Polizisten. Mit seiner Rolle als tanzender Anwalt im Musical “Chicago“ (2002) verdiente er sich einen Golden Globe. In Todd Haynes’ ungewöhnlicher Bob-Dylan-Biografie “I’m Not There“ (2007) spielte er neben Christian Bale, Cate Blanchett, Charlotte Gainsbourg und anderen den Musiker höchstselbst.

Und nun ist Gere in dem Kinodrama “The Dinner“ (Kinostart: 8. Juni) als erfolgreicher Politiker und nicht ganz so erfolgreicher Vater auf der Leinwand zu sehen, dessen Teenagersohn zusammen mit einem Freund ein monströses Verbrechen begangen hat. Zwei Elternpaare beraten bei sanftem Kerzenschein im Edelrestaurant, wie sie sich zu der Tat ihrer Kinder verhalten sollen. Mit dabei in dem hochkarätig besetzten Film, der weit übers Familiäre hinausgeht und ins dunkle Herz Amerikas zielt: Steve Coogan, Laura Linney sowie Rebecca Hall.

Gere hat aber auch ein Leben außerhalb Hollywoods – was sich ja nicht von jedem Star seines Kalibers sagen lässt: Bei einer Nepal-Reise Ende der Siebzigerjahre ließ er sich vom Buddhismus beeindrucken und entschied sich später für diesen Glauben. Heute nennt er den Dalai-Lama seinen Freund. Einige Zeit lebte Gere sogar im nordindischen Dharamsala, wo Tausende von Exiltibetanern eine Heimat gefunden haben. 1987 gründete der Schauspieler in New York das Tibet-Haus. In China gilt er wegen seiner Parteinahme für Tibet als unerwünschte Person, seit er bei einer Oscar-Verleihung die Chance genutzt hat, die chinesische Politik anzuprangern.

Ebenso engagiert sich Gere für indigene Völker. In Gesprächen mit Geschäftsleuten, Künstlern und Politikern hat er für eine politische Annäherung in Nahost geworben. Und wenn man Richard Gere so gegenübersitzt, dann kann man sich vorstellen, dass die Rolle des sanften Friedenstifters die wichtigste für ihn ist.

Von Stefan Stosch

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