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Sehen Sie Gespenster?

Alice Cooper im Interview Sehen Sie Gespenster?

Mit Alice Cooper wurden Rockkonzerte zu Shows. Der “King of Shock Rock“ brachte in den Siebzigerjahren Horror, Broadway und Rock’n’Roll zusammen. Kommenden Freitag erscheint sein neues Album “Paranormal“. Matthias Halbig traf in Berlin einen Musiker, der keinen Gedanken ans Aufhören verschwendet.

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Stock und Hut steh’n ihm gut – Alice Cooper lehrt das Fürchten, trinkt nicht und golft vortrefflich.

Quelle: asd

Berlin.  

Mr. Cooper, Ihr neues Album “Paranormal“ ist ein akustisches Comicheft voller schräger und spukiger Geschichten. Woher nehmen Sie die Inspiration für Ihre bösen Short Storys?

Wenn ich einen Song schreibe, suche ich zuerst nach dem Titel. Bei “Fallen in Love“, dem Lied über eine rabiate Liebhaberin, kam er über eine Werbesendung über medizinische Alarmsysteme für zu Hause. Da war eine alte, zerbrechliche Dame mit diesem Alarmknopf als Halsschmuck, die in die Kamera sagte (imitiert eine dünne, zitternde Altfrauenstimme): “Ich bin gefallen … und ich kam nicht mehr auf die Beine.“ Und – peng! – sofort wurde bei mir daraus “Ich bin in Liebe gefallen … und kam nicht mehr hoch“. (lacht) Der Song hat sich dann praktisch selbst geschrieben, und noch während ich alles notierte, wusste ich, dass Billy Gibbons von ZZ Top darauf Gitarre spielen musste. So geht das bei mir.

Hatten Sie selbst mal ein paranormales Erlebnis?

Oh ja. Joe Perry von Aerosmith und ich schrieben mal zusammen Songs in einem alten Ziegelsteinhaus in Upstate New York. Das Gebäude gehörte meinem Manager Shep Gordon, und wenn ich dort Dinge irgendwohin legte, lagen sie woanders, als ich wieder reinkam. 20-mal am Tag. Und Joe ging’s mit seinen Sachen genauso. Eines Nachts saßen wir beim Dinner, und da hörten wir aus dem Keller Geräusche. Das war kein bisschen Poltern sondern richtiger Krach (er imitiert Schleifgeräusche), als ob da zentnerschwere Schränke verschoben wurden.

Was war da los?

Keine Ahnung. Wir waren nicht so drauf wie die Leute in den Horrorfilmen, die dann zu ihrem eigenen Verderben nachschauen. Wir sagten uns: Nichts wie raus hier! Mein Manager erzählte dann, seine Mutter habe dort auch mal eine Dinnerparty gegeben, bei der der Tisch einen Fuß weit nach rechts gerutscht sei, während sie alle beim Essen saßen. Ich sagte zu ihm: “Hey, Shep, und wann wolltest du mir das erzählen?“ Also, ja, es passieren unerklärliche Dinge auf der Welt, und ich war damals mittendrin.

Haben Sie sich als Kind vor dem Monster im Schrank gefürchtet?

Ja, wie jedes Kind. Aber zugleich liebte ich es, in Horrorfilme zu gehen. Ich mochte es, in Angst versetzt zu werden, um dann zu erkennen, dass mir die Filme nichts anhaben konnten (lacht). Und dann entdeckte ich den Humor im Horror. Sich gruseln und dann ablachen – das ist es auch, was Alice Cooper dem Publikum bietet.

Sind die alten Horrorfilmfiguren von Boris Karloff, Bela Lugosi und Vincent Price quasi die Ahnen des Schockrockers Alice Cooper?

Sie tauchten alle auf, als ich die Bühnenfigur Alice erschuf. Ich wollte Bösewicht sein, kein Held: Ich wollte, dass Alice wie Moriarty ist, wie Darth Vader, Mr. Hyde. Und dass er am Ende kriegt, was er verdient. So kam Alice unter die Guillotine, wurde gehängt. Ein Stück mit Moral.

Hätten das mal unsere Altvorderen gewusst. Die hielten Ihre Shows nämlich für blutigen Ernst, für die waren Sie ein Abgesandter Luzifers. Seine Alice-Cooper-Platten musste man hinter den anderen verstecken.

Und das war unser Glück. Unsere größte Waffe war, dass eure Eltern uns hassten. Umso schärfer wart ihr auf unsere Platten. Die Eltern der nächsten Generation mochten unsere Musik dann schon, sahen, dass wir eine durchchoreografierte Broadwayshow mit Rock ’n’ Roll waren. Da war nicht nur so ein Idiot, der sich den Kopf abschnitt.

Die Songs der neuen Platte sind kurz wie zu Beatles-Zeiten.

Ich mag das. Ich bin verrückt nach Dreiminutensongs. Wir alle haben die Beatles angebetet. Die machten perfekte Platten. Schau dir die Bands an, die nach ihnen kamen – Alice Cooper, Aerosmith, Black Sabbath – wir alle denken beim Liederschreiben in Melodien.

“The Sound of A“ klingt nach Beatles, Pink Floyd, Doors und James Bond.

Dieses Lied hat die irrste Geschichte des Albums. Dennis Dunaway, der Originalbassist der Alice Cooper Band, brachte den Song aus unseren Anfangstagen mit – auf Kassette. Ich sagte “Kenn’ ich nicht. Den hast du 1968 geschrieben?“ Er sagte: “Der ist sogar von 1967 und geschrieben hast ihn du.“ Hier ist er also – mein allererster Song. Es geht um die Regierung, die mit der landesweiten Ausstrahlung des Tons “A“ das Volk zu Marionetten macht. Niemand hört den Ton, aber er lenkt sie alle.

U2-Schlagzeuger Larry Mullen gibt den Songs totale Power. Eigentlich spielt er sonst nie bei anderen mit.

Wir wollten einen neuen Sound. Am besten ändert man dazu den “Boden“ der Songs, den Rhythmus. Produzent Bob Ezrin brachte Larry ins Spiel. Und der kam, und sagte: “Ich spiele zu den Lyrics. Ich muss das komplementieren, was du singst.“ Und dann spielte er Snare-Hi-Hat statt Hi-Hat-Tom. Kein Schlagzeuger sonst spielt so. Und schon gar nicht zum Gesang. Und da war er – dieser sinfonische Drumsound. Und alles, was wir draufpackten, funktionierte.

Könnte “Paranormal“ Ihr letztes Album sein?

Oh, nein. Als Künstler denkst du immer: Der nächste Song, den ich schreibe, wird mein bester sein. Das nächste Album wird mein bestes. So machst du weiter und weiter. Ich hab’ mal Paul McCartney gefragt, und der glaubt auch felsenfest, dass seine besten Songs noch in der Zukunft warten. Ich arbeite derzeit schon am nächsten Album der Hollywood Vampires (ein Nebenprojekt mit Johnny Depp) und denke schon ans nächste Alice-Album.

Haben Sie Angst vor dem Tod, der auf der Bühne als Teil der Show ja immer der engste Kumpel von Alice war?

Ich bin Christ. Es wäre nicht das Ende der Welt sondern der Anfang einer neuen Welt. Wenn ich mich jetzt auch nicht darauf freue, so ist mein Glaube doch stark. Aber niemand sitzt den ganzen Tag herum und denkt an den Tod. Mit Ausnahme von Jim Morrison (Sänger der Doors, der 1971 mit 27 Jahren starb). Der hat nur über den Tod geredet.

Gibt es eigentlich eine Art Warehouse 13 für all das Horrorzeug aus den Alice-Shows aus all den Jahrzehnten?

Wir haben unser Archiv in Los Angeles, da ist alles drin, da kommt auch das Zeug der nächsten Tour rein. Seit sechs Jahren wird das alles katalogisiert. Ein Full-Time-Job. Vielleicht wird mal ein Museum daraus. In jedem Fall ist es ein Haus (lacht), das du nach Einbruch der Dunkelheit besser nicht betrittst.

Der Präsident aus Ihrem Song “Elected“ ist offenbar aus diesem Warehouse entkommen und sitzt jetzt tatsächlich in Washington. Was halten Sie von Donald Trump?

Wer will Präsident der USA werden? Das ist doch der übelste Job, den du kriegen kannst. Jeder sagte damals: Bush ist der Schlimmste, dann war Obama der Schlimmste und jetzt ist es Trump. Bis zum Nächsten. Jeder hat Angst, dass Trump jetzt regiert wie ein König. Er hat diese Macht nicht, er wird nicht alles kaputt machen. Er ist direkt und sehr theatralisch, das zieht den Durchschnittsmenschen an, der endlich mal kein abstraktes Zeug von Berufspolitikern hört. Auf der einen Seite ist er erfrischend. Auf der anderen Seite fühlt sich, seit er Hillary geschlagen hat, alles so an, als lebe man in einem Science-Fiction-Film. Aber wenn Hillary gewonnen hätte, wäre sie jetzt die schlimmste Präsidentin.

Wenn heute der Dschinn aus der Wunderlampe zu Ihnen käme und Sie hätten drei Wünsche frei?

Gute Frage. Erstens: Die Kriege im Nahen und Mittleren Osten für immer beenden. Sie kämpfen dort seit gefühlt 6000 Jahren. Zweitens: Könnte bitte ein Alien runterkommen und uns erklären, wie Krebs funktioniert? Und drittens: Leute, die quasseln, während ein Film läuft, sollten hingerichtet werden.

Zur Person: Alice Cooper

Er lacht gern, ist zuvorkommend, und dennoch ist einem ein wenig unwohl in seiner Gegenwart. Man sitzt da im Berliner Hotel De Rome dem Mann gegenüber, vor dem die “Saturday Night Live“-Nichtsnutze Garth und Wayne im Kultfilm “Wayne’s World“ auf die Knie fielen und dem sie ein “We are not worthy (wir sind unwürdig)“ zuriefen. Irgendwie erwartet man, dass sein Lächeln erlischt, dass sich die Augen und der Mund mit schweren, schwarzen Schatten einfärben. Dass er sich verwandelt in einen Gruselkerl mit Zylinder und Knauf­stock, dass das Hotel plötzlich weg ist und er unter einer Straßenlaterne steht in mondloser Nacht – ein Rock-’n’-Roll-Ripper namens Alice.

Auf den Namen Vincent Damon Furnier wurde der “King of Shock Rock“ getauft, 1948 in Detroit geboren. Längst heißt er tatsächlich Alice Cooper, schon 1975, nach dem Ende der Originalband, hat er sich den Gruppennamen als den eigenen offiziell eintragen lassen. Jetzt, mit 69 Jahren, veröffentlicht er “Paranormal“ (28. Juli bei Edel), eines der besten, vitalsten Alben seiner Karriere. “Zwölf Episoden aus der Twilight-Zone“, umschreibt er den Inhalt – kompakte, stampfende und swingende Rock-’n’-Roll-Tracks, die gruselige Geschichten erzählen: Von losgelösten Meuchelschatten, dem Tag des großen, letzten Kometen, teuflischen Limousinenchauffeuren oder – auf der ersten Single “Paranoiac Personality“ – vom Verfolgungswahn, aus dem der Befallene kein Entkommen findet.

Alice Cooper hat hörbar Spaß am krachigen Spuk, er hat Gäste wie Roger Glover (Bassist bei Deep Purple) und Billy Gibbons (Gitarrist und Sänger bei ZZ Top) dabei. Größte Überraschung: Larry Mullen Jr. sitzt bei zehn der zwölf Songs am Schlagzeug. Der Drummer von U2 rockt die Felle und Becken, wie er es bei seiner irischen Stammband zuletzt bei deren Berliner Album “Achtung, Baby!“ (1991) durfte.

Golf statt Alkohol

Bei zwei Songs hat Cooper seine alte Band um sich geschart, mit der er 1968 bei Frank Zappa zu Hause auftauchte und einfach drauflosspielte mit der Maßgabe: “Hol die Polizei oder gib uns einen Plattenvertrag!“ Mit Gitarrist Michael Bruce, Bassist Dennis Dunaway (Bass) und Neal Smith (Schlagzeug) – Gitarrist Glenn Buxton starb 1977 – spielt er “You And All of Your Friends“ (ein anarchischer Albtraum) und “Genuine American Girl“ (Alice als Partymädchen).

Kostüme, Kulissen, Horror: Schon 1971 endeten die Cooper-Konzerte mit einer gespielten Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl, später kam eine Guillotine zum Einsatz: Cooper, der Godfather of Rock-’n’-Roll-Mummenschanz hat viele Musiker beeinflusst. David Bowie folgte 1972 mit seinem Sci-Fi-Alter-Ego Ziggy Stardust, und Kiss erfanden 1973 ihre Alien-Persönlichkeiten. Aus dem Konzert wurde die Show, der Rock ’n’ Roll machte jetzt nebenbei Theater. Und Alice Cooper schuf Meilensteine des harten Rock wie “School’s Out“ (1972), “Billion Dollar Babies“ (1973) und “Welcome to My Nightmare“ (1978).

Seit 41 Jahren ist Cooper mit Sheryl Goddard verheiratet, die Coopers haben drei Kinder: Calico (geboren 1981), Dashiell (1985) und Sonora (1993). Kurz nach ihrer Heirat stand Cooper am Abgrund. Die Ärzte gaben ihm bei fortgesetzter Trinkerei nur noch Monate, Sheryl reichte die Scheidung ein. Seit 35 Jahren ist Cooper trocken, seither ist er golfsüchtig. Und nach Auskunft seines Sport- und Musikerkollegen Pat Boone ist Cooper “keinen Millimeter“ von einem Golfprofi entfernt (Handicap zwei bis fünf).

Am 2. August spielt Alice Cooper live in Dresden, am 5. August in Wacken. Im November kehrt gibt er unter anderem Konzerte in Frankfurt (21.11., Jahrhunderthalle) und Berlin (23.11., Tempodrom).

Von Matthias Halbig

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