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Sind Männer die besseren Narzissten?

Interview mit Josef Hader Sind Männer die besseren Narzissten?

Der Kabarettist sitzt hinter einer Tasse Café im Berliner Literaturhaus und lächelt einladend. Sieht so aus, als würde sich Josef Hader wohlfühlen. Entspannt plaudert er mit Stefan Stosch über Alphamännchen, Komik in Zeiten des Smartphones und absurde Rachefeldzüge.

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Feinsinnig und trotzdem bitterböse: Kabarettist Josef Hader ist weit über die Grenzen Österreichs hinaus beliebt.

Quelle: Lukas Beck

Berlin.  

Herr Hader, in Ihrem Kinofilm “Wilde Maus“ unternimmt ein entlassener Wiener Musikkritiker einen skurrilen Rachefeldzug gegen seinen Chefredakteur: Sind Männer besser als Frauen darin, sich lächerlich zu machen?

Jedenfalls sind Männer für Narzissmus anfälliger als Frauen. Das gilt nach meinen Beobachtungen besonders fürs Berufliche. Einen großen Teil ihres Selbstwertgefühls verknüpfen Männer mit ihrer Arbeit. Bricht diese weg, bleibt oft nichts mehr von ihnen übrig.

Sind Sie selbst auch gefährdet?

Ja, sicher. Beruflicher Misserfolg bewegt mich viel mehr, als er mich bewegen sollte. Ich reagiere dünnhäutig, entwickele dann aber einen gesunden Trotz, den ich in eine Vorwärtsbewegung umsetzen kann – so, als hätte ich ein Getriebe wie ein Auto und könnte meinen Trotz auf die Räder übersetzen. Ich sage mir dann: Ich zeig’s euch schon noch. Das war übrigens bei meinem aktuellen Film “Wilde Maus“ genauso: Ein Projekt platzte, ich hatte plötzlich einen ganzen Sommer Zeit. Da habe ich mich gefragt: Wofür könnte das gut sein? Dann habe ich das Drehbuch geschrieben.

Sind heutzutage mehr Alphamännchen mit verletztem Stolz unterwegs?

Ich bewege mich seit 20 Jahren zwischen Künstlern und Journalisten. Aus dieser Erfahrung heraus würde ich sagen: Das war schon immer so. Allerdings scheint der Narzissmus inzwischen auf andere übergeschwappt zu sein: Früher gab es Preise für Schauspieler und Journalisten, also für klar narzisstische Gewerbe. Heute gibt’s Oscars auch für Tischler, Installateure, Gärtner – kein Gewerbe kommt mehr ohne Preisverleihungen aus.

Narzissten regieren heute die Welt.

Es ist auf alle Fälle gesellschaftsfähig geworden, Narzissmus offen zu zeigen. Früher hat man ihn versteckt. Da war Wladimir Putin vermutlich richtungsweisend. Der war der Wegbereiter für so etwas wie Donald Trump. Obwohl, der Gerhard Schröder hatte auch schon ein bisschen so was ...

Woher wissen Sie so genau, wie es im Journalistengeschäft zugeht?

Ich höre dauernd ähnliche Geschichten von Journalisten: Da bekommen Kollegen “mit Altvertrag“ einen goldenen Handschlag angeboten, werden vom Chefredakteur gewissermaßen entsorgt, weil sie zu teuer sind. Da muss man nicht groß recherchieren.

Sie haben schon in der Schule angefangen mit Kabarett. Wieso?

Harald Schmidt hat das schon einmal sehr richtig formuliert: Man kommt leichter an Mädchen ran, wenn man Witze über Lehrer macht. Ich war auf einer katholischen, aber sehr liberalen Schule. Die Kunst wurde stark gefördert. Als Kabarettist hatte ich damals Riesenerfolge: Eine Schule ist ein System, das irgendwo zwischen Demokratie und Diktatur angesiedelt ist. Und wir wissen ja, dass Kabarett in einer Diktatur eine größere Bedeutung entfalten kann.

Gibt es in Ihrem Kabarett Nummern, bei denen Sie vorab wissen: Jetzt lachen nur Männer? Oder nur Frauen?

Nein. Darüber denke ich beim Schreiben auch nicht nach. Ich

Wieso lachen nur Einzelne?

Der einsam Lachen de hat sich womöglich gerade bei etwas Unangenehmem wiedererkannt. Lachen ist ja nicht nur eine Reaktion der Sorglosigkeit. Entweder jemand amüsiert sich, oder er will sich in Sicherheit lachen.

Sehen Sie Ihr Publikum als Zielscheibe oder als Verbündete?

Beides. Der Zuschauer soll einen Spiegel vorgehalten bekommen. Aber ich kann nicht zwei Stunden auf der Bühne stehen, ohne mich mit dem Publikum zu verbünden. Ich will am Ende auch geliebt werden. Die Frage ist bloß: Ist diese Verbundenheit eine bedingungslose?

Wie lautet Ihre Antwort?

Bei manchen Kabarettvorstellungen herrscht eine Einigkeit wie in einem Bierzelt. Jeder weiß, wer die Bösen und wer die Guten sind. Das versuche ich zu vermeiden. Ich will kein populistisches Kabarett, bei dem sich alle gegen “die da oben“ verbünden und reines Politiker-Bashing betreiben. Man muss das Publikum irritieren. Das lernt man erst im Laufe der Jahre, so wie ein erfahrener Koch, der seine Gewürze zur richtigen Zeit in den Topf gibt.

Heißt das, Sie variieren Ihr Programm von Abend zu Abend?

Wenn ich das Gefühl habe, dass das Publikum zu sorglos ist, spiele ich kantiger. Wenn ich eine bestimmte Sensibilität herausspüre, bin ich feiner. Grundsätzlich finde ich, wenn man dauernd Witze macht, kann das ermüdend fürs Publikum sein. Deshalb arbeite ich stark mit theatralischen Szenen. Manchmal weiß der Zuschauer gar nicht: Gehört das jetzt dazu, oder ist das dem Hader eben nur passiert?

Sie hauen aber nie so drauf wie mancher Kollege.

Als ich jung war, habe ich mal ein sehr provokantes Programm gemacht. Danach hatte ich die Vorstufe eines Stimmbandknotens. Da wusste ich, dass ich eine Form finden muss, die meinem Wesen entspricht. Manche Kabarettisten werden stärker, wenn sie Widerstand im Publikum spüren. Ich verkrampfe. Das ist nicht gesund.

Aber müssen Kabarettisten heute nicht an Radikalität zulegen, um die Leute von ihren Smartphones hochzuschrecken?

So generell darf man das schon vermuten. Aber ich habe ja schon ein Publikum. In meinen Vorstellungen läuten selten Smartphones. Jeder hat das Publikum, das er verdient.

Das klingt aber nicht unbedingt zukunftsfähig.

Ich muss natürlich aufpassen, dass ich meine Kunst nicht in Aspik einlege und versülze. Ich versuche beständig, auf junge Menschen zuzugehen. Ich spiele an Universitäten, gebe Studenten Ermäßigung. Meine größte Angst ist es, dass im Saal nur noch Leute sitzen, die so alt sind wie ich. Da hilft mir das Kino. Aber grundsätzlich berechne ich beim Schreiben nicht das Zielpublikum. Ich schreibe das Programm, das ich für interessant halte, und schaue, ob es auch andere interessiert.

Wachsen gute Kabarettisten nach?

Die junge Generation unterscheidet nicht mehr so sehr zwischen Kabarett oder Comedy. Das ist gut so. Comedy muss nicht banal sein. Es ist wie beim Essen: Es gibt alles auch in gut. Ich habe mich auch schon von amerikanischer Comedy inspirieren lassen – das fing an, als ich als junger Mann in einem Wiener Plattenladen ein Doppelalbum mit Stand-up-Comedy von Woody Allens Auftritten in Las Vegas ergatterte. Die jüngeren Kollegen und Kolleginnen kennen heute über Youtube die großen amerikanischen und englischen Comedians. Eine neue Generation findet eine neue Sprache. Man muss sich keine Sorgen machen.

Gibt es Dinge, über die Sie sich gar nicht lustig machen?

Keine Witze über Minderheiten oder über Leute, die wehrlos sind.

Waren Sie schon mal so wie Ihre Filmfigur in “Wilde Maus“ versucht, auf Rachefeldzug zu gehen?

Überhaupt nicht! Für Rache wäre ich mir zu fein. Das würde dem Feind ja zeigen, wie wichtig er mir ist. Ich schlucke meinen Zorn runter und sage mir, er soll gar nicht merken, was er mir bedeutet. Dann ist der Feind in ein paar Tagen vergessen. Der ist praktisch gestorben für mich. Das funktioniert wunderbar.

Zur Person: Josef Hader

Schwer vorstellbar, aber aus dem Kabarettisten und Schauspieler Josef Hader hätte genauso gut ein Landwirt werden können. Seine Eltern hatten einen Bauernhof in Waldhausen im oberösterreichischen Strudengau, dort wird Josef Hader am 14. Februar 1962 geboren. Die Eltern haben alle Hände voll im Stall und auf dem Feld zu tun, deshalb zieht Haders Großmutter den Enkel auf. Im Rückblick beschreibt er sich selbst als Außenseiter.

Erst auf dem Stiftsgymnasium in Melk, geführt von Benediktinern, lässt Hader die bäuerliche Welt der Eltern hinter sich. In Melk lernt er das Theater lieben und bekommt Musikunterricht, singt im Chor und macht sich auch mit der Orgel vertraut. Für seine Mitschüler erprobt er sich bereits in ersten kabarettistischen Einlagen – mit einigem Erfolg. Auch Haders bis heute anhaltende Hassliebe zur katholischen Kirche hat in Melk ihren Ursprung.

Nach der Schule absolviert der junge Mann seinen Zivildienst beim Roten Kreuz und beginnt ein Lehramtsstudium in den Fächern Deutsch und Geschichte, das er aber nicht abschließt. Seine Auftritte als Kabarettist haben ihn längst über Gaststätten und Fußgängerzonen hinaus bis nach Wien geführt. Heute gilt Josef Hader als der bekannteste Kabarettist der Alpenrepublik, beliebt weit über die Grenzen Österreichs hinaus.

Nicht die Großkopferten stehen im Mittelpunkt seiner Kabarettprogramme, sondern Menschen wie du und ich. Für Hader liegt das Politische im Privaten. Er unternimmt Ausflüge in Seelenabgründe – und das gern mit einem naiven Lächeln im Gesicht, dem die Zuschauer auch dann kaum widerstehen können, wenn sie längst erkannt haben, dass sie und niemand anders gemeint sind.

Und dann gibt es da noch den Schauspieler Josef Hader. Sein Debüt feierte er in der Verfilmung des mit Alfred Dorfer gemeinsam geschriebenen Theaterstücks “Indien“ (1993). In dem tragikomischen Roadmovie testen die beiden als Hygiene-Inspektoren Restaurants auf die Einhaltung der Gesundheitsvorschriften – und lassen sich im Zweifelsfall auch gern vom Gastwirt mit ein paar guten Flaschen Wein bestechen, wenn die Küche mal nicht ganz so blitzblank geputzt ist.

Wirklich populär wurde der Schauspieler Hader in der Rolle des Privatdetektivs Simon Brenner nach den Romanen von Wolf Haas. Der Dritte im Bunde bei nunmehr bereits vier erfolgreichen Verfilmungen (“Komm, süßer Tod“, “Silentium“, “Der Knochenmann“, “Das ewige Leben“) ist Regisseur Wolfgang Murnberger. Die Drehbücher schrieben alle drei zusammen.

Furore machte Hader im vorigen Jahr in dem Drama “Vor der Morgenröte“ von Regisseurin Maria Schrader. Er spielt den Wiener Schriftsteller Stefan Zweig in dessen letzten Lebensjahren im Exil – bis zum Selbstmord 1942 zusammen mit Frau Lotte in Brasilien.

Bei so viel Lob war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis Hader sich selbst hinter die Kamera wagen würde. Jetzt ist es so weit – und auch bei seinem Regiedebüt blieb ihm das Glück hold: “Wilde Maus“ (deutscher Kinostart: 9. März) schaffte es direkt in den Wettbewerb der gerade zu Ende gegangenen Berlinale.

Die Hauptrolle hat Hader gleich selbst übernommen: Er gibt den altgedienten Musikredakteur einer Wiener Tageszeitung, den sein Chefredakteur unverhofft wegspart. Schwer in seinem Stolz getroffen, begibt sich der Entlassene auf einen Rachefeldzug, der ihm nach und nach entgleitet. Irgendwann findet sich der Rächer halb nackt in verschneiten österreichischen Bergen wieder. Ach ja, es handelt sich um eine Tragikomödie.

Von Stefan Stosch

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