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Sind wir allein im Universum?

Interview mit Marteria Sind wir allein im Universum?

Er war Fotomodel, auf dem Weg zum Profifußballer und kennt das Leben auf Hartz IV. Als Rapper stürmt Marteria, bürgerlich Marten Laciny, mit seinem siebten Album “Roswell“ abermals an die Chartsspitze. Mit Michael Meyer sprach er über Musik mit Meinung, das Fremdsein und sein Faible für Außerirdische.

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Gelten für Filmemacher noch Grenzen?

Ein Rapper mit Manieren: Marteria ist bodenständig und macht Schwiegermütter schwach.

Quelle: dpa

Berlin.  

Weißt du, was mich bei Hip-Hop stört?

Nein, sag’s mir.

Die Musik. Und meist die Texte.

Das wird ja ein geiles Interview.

Aber dein neues Album hat starke Texte, gute Musik. Sehr rockig, manchmal psychedelisch. Erinnert an Emerson, Lake and Palmer oder Pink Floyd.

Echt, du bist der Erste, der das sagt.

Liege ich falsch?

Man liegt nie falsch. Es gibt kein falsch oder richtig bei Musik.

Aber oft ist Hip-Hop doch wirklich sehr einfach.

Kommt darauf an, wie weit man drin ist. Hip-Hop hat ja viele Facetten.

Welche?

Alle! Deshalb ist es die Jugendmusik Nummer eins. Man kann es sich einfach machen, aber wir machen es uns nicht einfach.

Einfach wäre Gangster-Rap?

Nö, Gangster-Rap ist auch schwer, wenn er gut sein soll. Aber es gibt halt ganz viel schlechten Gangster-Rap, aber auch guten.

Aber nicht in Deutschland!

Doch auch. Ich finde Musik immer gut, wenn sie ehrlich ist. Ob das Rock ist oder Rap. Wenn einer aus ’ner Hood ist, wo das Leben schlecht läuft, kann er Gangster-Rap machen. Doof wird’s nur, wenn du aus ’nem Vorort kommst, bei Mama wohnst und auf so einen Film aufspringst. Hip-Hop kommt von der Straße und zieht eben richtig gute Musik und richtig schlechte Musik an.

Warum bist du kein Gangster-Rapper?

Weil ich kein Gangster bin.

Wo ordnest du deine Musik ein?

Schwierig. Ich mache das nicht gern, weil es das auch nur in Deutschland gibt, dass man Musik unterscheidet. In keinem anderen Land gibt es diese Diskussionen ...

... diese Schubladen.

Genau. Es gibt gute Musik und es gibt Scheißmusik. Ich mag Musik mit Message. Wenn du mein Album hörst, bist du in meinem Kopf drin. Das, was ich die letzten drei Jahre erlebt habe. Ein Film funktioniert doch auch nicht, indem alles schön läuft. Das funktioniert nur bei “Bibi Blocksberg“. Wenn was mies läuft, wird’s weggehext. Hex, hex! So kann Musik nicht sein.

Du erzählst Geschichten aus dem Leben?

Geschichten, die auf Reisen entstehen – in Amerika, Südafrika, an der Autobahn von Rostock nach Berlin oder in unserem Gespräch – da kann überall der nächste Albumtitel entstehen. Da gibt es so einen Sensor im Hirn, der dafür zuständig ist, dass ich Spaß habe, Texte zu schreiben und Musik zu machen. Musik muss auch mal wehtun. Ich mag Musik nicht, die versucht, die ganzen Meinungen, die ich habe, zu umgehen, damit man ja nichts angreift, aus Angst, Fans zu verlieren. Wenn du Radio hörst: Überall diese Belanglosigkeit, die so nervt. Du kannst auch einen guten Song machen, der total abgeht, bei dem die Leute abfeiern und der trotzdem Message hat.

Ist das politisch?

Das ist doch alles ganz schön suspekt, das Politische. Ein 17-Jähriger hört mir doch eher zu als einem Typen im Bundestag.

Die Songs schaffen Bilder. Der Hörer ist in Berlin bei „Scotty, beam mich hoch“, in Rostock bei “Große Brüder“, in New York bei “Skyline mit zwei Türmen“.

Das ist es, was ich möchte. Mit Aliens und diesem mystischen Ort Roswell bediene ich mich ja nur an der Sprache. Es hat ja nichts mit Aliens zu tun. Das ist wie ein Baum mit vielen Wörtern dran. Im Deutschen gibt es kaum gut klingende Wörter. Du holst dir noch eine andere Ebene, einen Extrabaum dazu mit neuen wohlklingenden Wörtern.

Aber der Wahnsinn in Berlin, New York oder Rostock nervt auch.

Ja, der nervt extrem, aber wir sind alle ein Teil vom Guten wie vom Bösen. Man gehört dazu, die Menschen machen einfach viel Scheiße und wir sind ein Teil davon. Wir sind alle verrückt, aber es ist gut, ein Teil vom Verrückten zu sein.

Lebst du deswegen in Berlin?

Nö, ich lebe wieder an der Ostsee.

In Rostock?

Ich sag’s nicht, weil sonst wieder die Hütte voll ist. Ich lebe an der Ostsee.

Bist du ein Alien?

Auf jeden Fall! “I’m an Alien in New York“ – einer der größten Pop-Songs ...

Sting ...

Genau, Sting. Alien ist stellvertretend für das Außenseitertum. Natürlich bin ich kein Außenseiter. Aber die Sachen, die ich gemacht habe. Die Hip-Hop-Szene in Rostock Anfang der Neunziger, das waren 300 Leute. Ganz klein. Wir haben uns organisiert, haben Partys gemacht, gerappt. Aber man musste aufpassen mit den Glatzen, dass man nicht aufs Maul bekommt. Das war eine Alienszene. Dann New York. Du kommst als 17-Jähriger in die krasseste Stadt der Welt und bist ein Alien, bist fremd. Was ja in „Skyline mit zwei Türmen“ vorkommt. Mein Ziel war es, einfach ein Teil dieser Stadt zu sein. Heute bin ich zu 50 Prozent des Jahres Ausländer, weil ich irgendwo anders bin, mich integrieren muss.

Eine Perspektive der Unsicherheit?

Sich wie ein Alien zu fühlen kennt doch jeder. Jeder Mensch hat das, sich mal fremd zu fühlen. Und wenn es Kleinigkeiten sind, wie beim Bäcker Brötchen zu holen. Manchmal ist man komisch drauf, dass man einfachste Dinge kompliziert macht, so wie ein Alien.

In “Skyline mit zwei Türmen“ erzählst du, wie du in New York ins Modelbusiness eintauchst, das dir schnell zu doof war.

In New York zu sein, das war krass gut. Aber dieser Job, nein, der war mir zu banal. Du bist eine Puppe. Das ist nichts besonderes. Außerdem ist das eine völlig verrückte Szene. Zu sehen, wie diese Szene funktioniert, das ist für mich unfassbar wichtig gewesen, sodass ich materielle Dinge heute als nicht so wichtig ansehe. Ich kenne halt diese Zustände von gar kein Geld, also Hartz IV, bis richtig viel Kohle. Damals als Model dachte ich: So willst du nicht werden.

Fußballprofi, Model, Schauspieler, Hip-Hopper. Den meisten Kids würde eines genügen. Du hängst einfach eine Fußballprofikarriere an den Nagel. War dir das zu doof?

Nee, das war mir nicht zu doof. Aber ich hatte das Angebot einer Modelagentur aus New York. Damals hatte ich bei Hansa Rostock einen guten Freund, der einen Kreuzbandriss hatte. Im Verein wird immer von der großen Familie gesprochen, aber mit so einem Kreuzbandriss bist du raus aus der Fußballfamilie. Ich hatte dieses Bild im Kopf, wie ich im Fußball scheitere und mit 150 Kilo und ’ner Pizza auf dem Bauch in meiner Einraumwohnung sitze und ein Leben lang dieser vertanen Chance hinterherheule.

Was reizt dich an Aliens?

Mal ehrlich, jemand, der sagt, es gibt keine Außerirdischen, der gehört eher in die Klapse als jemand der sagt, es gibt Außerirdische.

Du glaubst an Aliens?

Klar! Es gibt ja gar keine andere Lösung! Oder?

Keine Ahnung.

Es ist engstirnig, in so einem riesigen Universum zu denken, dass man allein ist. Das ist unmöglich.

Aber wir würden sie doch gar nicht erkennen ?

Natürlich nicht. Zum Beispiel Udo Lindenberg. Der ist klar ein Alien. Udo ist ein Superalien. Das geht ja gar nicht anders. Merkt nur keiner.

Zur Person: Marteria

Der Mann ist wirklich eine Erscheinung. Pünktlich auf die Minute erscheint Marten Laciny (34) im Hotel in Berlin-Mitte. 1,88 Meter groß, stechend blaue Augen, sportliche Figur, Kapuzenshirt, beugt er sich zum Interviewpartner herunter, lockere Umarmung, als würde man sich ewig kennen. “Jo, Mann. Alles gut?“ Wer bei Hip-Hoppern an unsympathische Gangsterrapper denkt, die gern “fuck“ sagen, wird bei diesem Bild von einem Mann geläutert. Marteria ist wahnsinnig attraktiv und ebenso sympathisch. Typ Schwiegersohn mit Sternchen, verheiratet, ein neunjähriger Sohn.

Marten Laciny wird am 4. Dezember 1982 in Rostock geboren. Er wächst im Stadtteil mit dem lustigen Namen Groß Klein auf. Neben den Nachbarvierteln Lütten Klein und Lichtenhagen, das 1992 wegen rechter Pogrome zu trauriger Berühmtheit gelangte, ist Groß Klein eines der Problemviertel der Hansestadt. Marten Laciny sucht Auswege im Sport und in der Musik. Er tritt in Clubs wie dem Zwischenbau oder auf dem Musikschiff MS “Stubnitz“ auf. Mit 16 Jahren gehört er der Hip-Hop-Truppe Underdog Cru an, veröffentlicht sein erstes Album „Maximum“ und erhält einen Plattenvertrag.

Zur gleichen Zeit kickt er in der Jugend von FC Hansa Rostock und schafft es in die U17-Nationalmannschaft. Als seine Schwester 1999 für ein Jahr als Au-pair nach New York geht, besucht er sie und wird auf der Straße von Modelscouts angesprochen. Marten schmeißt die Profifußballerkarriere und modelt in New York ein Jahr lang. Über den Profifußball hat er mal gesagt, dass es nicht seine Vorstellung vom Leben sei, zu trainieren, zu kicken, auf der Playstation zu daddeln und zwischendurch mal einen Maserati zu kaufen. Das Modelbusiness langweilt ihn nach einem Tag.

Zurück in Deutschland, geht er 2000 mit der Underdog Cru auf Europatournee, absolviert die Schauspielschule Reduta Berlin. Er geht mit Jan Delay auf Tour, arbeitet mit Stefan Raab beim Eurovision Song Contest, veröffentlicht von 2006 bis 2015 unter seinen Pseudonymen Marteria und Marsimoto sieben Alben und erhält 2016 den Deutschen Musikautorenpreis.

Jüngst ist “Roswell“ erschienen, Marterias achtes Album. Roswell ist der Ort in New Mexico, USA. wo 1947 ein Ufo abgestürzt sein soll. Seit den Achtzigerjahren hält sich die Verschwörungstheorie, dass US-Militärs dort Außerirdische gefangen gehalten und für Forschungszwecke missbraucht haben sollen. Marteria nutzt diese Legende als Basis für zwölf zum Teil persönliche Songs, die über sein Leben, seine Kindheit in Groß Klein (“Große Brüder“), seine Zeit in Berlin (“Aliens“, “Scotty, beam mich hoch“), seine New Yorker Erfahrungen (“Skyline mit zwei Türmen“) oder seine Abkehr von Alkohol und Drogen (“Tauchstation“) erzählen.

Bis September ist Marteria auf Festivals (Splash! vom 6. bis 9. 7. in Gräfenheinichen oder Lollapalooza am 9. 9. in Berlin) zu erleben. Am 30. 11. startet er in Hamburg seine Tour mit elf Konzerten unter anderem am 13. 12. in Dresden (Messe), am 15. 12. in Hannover (Swiss Life Hall“), am 16. 12. in Schwerin (Kongresshalle) und am 19. 12. in Rostock (Stadthalle).

Von Michael Meyer

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