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Warum muss es New York sein?

Interview mit Ute Lemper Warum muss es New York sein?

Die weltweit gefeierte Sängerin Ute Lemper ist in Metropolen von New York bis Berlin zu Hause. Im Interview mit Nina May erzählt sie vom Großstadtleben, von kleinen Fluchten aufs Land und den Auswirkungen des Jetlags aufs Familienleben.

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Was haben Sie gegen Goethe?

Marlene Dietrichs Erbin: Ute Lemper verkörpert den Inbegriff der deutschen Chansonnière.

Quelle: dpa

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Ihr aktuelles Bühnenprogramm ist dem Stadtleben gewidmet. Inwiefern sind Sie selbst ein Stadtkind?

Ich bin eine Weltbürgerin, denn ich habe über die Jahrzehnte in so vielen großen Städten gelebt. Ich kenne Berlin, im Kalten Krieg und danach, vor dem Fall der Mauer und danach. Ich habe in den Achtziger- und Neunzigerjahren in Paris gelebt und auch in London. Mein Zuhause war lange in den europäischen Großstädten. Und nun, seit knapp 20 Jahren, ist New York meine Heimat. Großstädtischer geht es nicht. Meine Tourneen führen mich in viele andere Städte, große wie kleine. Dabei sehe ich, wie sich Gesellschaften verändern, die Demografie von Städten und einzelne Viertel sich entwickeln. Ich bin ein Stadtkind, ganz ohne verträumte Provinzialität, sondern radikal realistisch, im Angesicht auch all der bedauerlichen Veränderungen.

Können Sie da ein Beispiel nennen?

Die Upper West Side, das New Yorker Stadtviertel, in dem ich lebe, hat sich in den letzten 20 Jahren unglaublich verändert. Von den kleinen Händlern ist keiner übrig geblieben, es gibt leider Gottes nur noch die großen Ketten. Die kleinen, süßen griechischen Tavernen haben zugemacht und sind von den schicken Restaurants verdrängt worden. Natürlich hat sich auch in Deutschland unglaublich viel getan, seit ich dort in den Siebzigerjahren Stadtkind war. Das Land hat sich Amerika immer weiter angeglichen, durch Zuwanderung sind multikulturelle und multireligiöse Gemeinschaften entstanden. Die Lieder, die ich singe, reflektieren diese vielfältigen Entwicklungen. Édith Piaf, Jacques Brel, Bertolt Brecht und Kurt Weill erzählen Geschichten aus den kleinen Gassen und Hinterhäusern. Das Leben wird mit all seinen Härten beschrieben.

Was schätzen Sie persönlich am meisten am Stadtleben?

Ich schätze es gar nicht immer. Wir haben ja ein kleines, bescheidenes Landhaus Upstate New York. Da zieht es uns immer wieder hin, um dem Krach zu entkommen und der ständigen Aktivität. Aber da fällt mir dann nach ein, zwei Wochen auch wieder die Decke auf den Kopf. Ich bin schon sehr an das geschäftige Leben in New York gewöhnt: Ich liebe es, dass man hier zu jeder Uhrzeit überall hingehen kann, auch zu Fuß. Man ist nicht isoliert, sondern immer mittendrin. Meine Kinder lieben das übrigens auch, sie sind ja hier als kleine New Yorker aufgewachsen. Hier sind wir ständig an der Ader des Zeitgeistes. Es gibt bei all den Extremen keine Normalität und deshalb auch keine Provinzialität. Es herrschen Toleranz und Mitgefühl.

Auf welche Aspekte des Stadtlebens würden Sie dennoch lieber verzichten?

Auf die Menschenmassen und den Lärm der Großstadt. Ansonsten auf gar nichts. Ich gehe allerdings selten an die Touristenorte wie den Times Square, sondern bleibe in meinem kleinen Viertel, in dem ich die Kinder zu Fuß zu ihren Aktivitäten bringen kann. Hier fühle ich mich sehr sicher, habe viele Restaurants vor der Haustür und bin umgeben von viel positiver Lebensenergie.

Ihr neues Programm wird als Spaziergang durch Berlin, Paris, New York und Buenos Aires angekündigt, alles Städte, die in Ihrer Karriere eine Rolle spielen. Was verbinden Sie jeweils mit den Städten?

New York ist für mich Jazz, Broadway, Abenteuer. Den französischen Chansons aus Paris gehört eins der größten Kapitel der Musikgeschichte, das ich über alle Maßen liebe. Buenos Aires verbinde ich mit dem Großstadtpoeten Astor Piazzolla. Er ist in seinem Herzen angelehnt an französische Existenzialisten, diese Zerrissenheit spiegelt sich auch in seinen Liedern. Sie reflektieren das Nachtleben von Buenos Aires, die Verlorenheit der Stadt, aber auch die Suche nach Sinn und die Sehnsucht.

Und haben Sie noch einen Koffer in Berlin?

Auf jeden Fall. Als ich den Achtzigerjahren in diese Stadt zog, nach meinem Studium, war das ein Aufwachen, der Beginn eines Dialogs mit meiner deutschen Identität und der krassen deutschen Geschichte. Das Erleben von West-Berlin im Kalten Krieg hat mich auch als Künstlerin inspiriert. Es ist atemberaubend, wie schnell sich das Rad der Geschichte gedreht hat. Diese Zeit des Kalten Krieges, die für meine Generation doch noch so präsent ist, ist größtenteils fast vergessen. Das ist ein Zeichen dafür, wie radikaler Fortschritt die Mentalitäten der Menschen formt. Berlin ist heute eine schillernde Hauptstadt, die aber immer noch die Vergangenheit in sich trägt: Berlin ist ganz klar eine Nachkriegsstadt mit ihren Funktionsbauten. Ost- und West-Berlin sind immer noch zwei Herzen, die in einer Brust schlagen. Diese Geschichten von damals und heute möchte ich gerne auf der Bühne erzählen.

Sie spielten direkt nach dem Fall der Mauer Ihre erste große Revue im Palast der Republik. Der wurde inzwischen abgerissen, an seiner Stelle wird jetzt das alte Berliner Stadtschloss restauriert. Was halten Sie davon?

Ich hätte gegen die Restaurierung des alten Schlosses gestimmt. Wozu mit einem zeitgenössischen Gebäude ein Kaiserschloss imitieren? Ich bin nun wirklich keine Monarchistin, und die Mittel dafür wären an anderer Stelle besser eingesetzt gewesen, für Schulen oder Flüchtlingshilfsprojekte.

Sie leben in New York, sind aber auch oft in Berlin, außerdem haben Sie vier Kinder. Welche Auswirkung hat der ständige Jetlag auf das Familienleben?

Den Jetlag lasse ich nicht an mich herankommen. Wenn ich in Europa bin, bleibe ich in einer Art Zwischenzone. Die Konzerte sind abends, ich gehe spät ins Bett und in New York sehr früh, zusammen mit den Kindern. Insofern passt das ganz gut zusammen. Es sei denn, ich habe in Europa morgens eine Orchesterprobe, das ist dann doch sehr schwer zu schlucken. Wenn ich aber wie neulich für Auftritte nach China fahre, mit einem Zeitunterschied von zwölf Stunden und frühen Proben, das ist sehr hart. Aber der Körper muss da durch, das ist schließlich mein Beruf, und ich versuche mich bei guter Laune zu halten.

Welches Verhältnis haben Ihre Kinder zu Ihren deutschen Wurzeln?

Ein gutes und stolzes Verhältnis. Sie haben alle die doppelte Staatsangehörigkeit und tragen ihre europäischen Wurzeln in sich. Meine ersten beiden Kinder sind in Paris geboren und haben noch Erinnerung daran und an London. Die beiden sprechen gebrochen Deutsch. Es ist durchaus eine Option, dass sie einen Teil ihres Lebens einmal in Europa verbringen werden.

Sie haben einmal von der katholischen Enge Ihres Elternhauses berichtet. Wie haben Sie sich daraus befreit?

Seit meinem 13. Lebensjahr war ich ein ziemlicher Rebell und habe mich gegen all diese Formalitäten, Autoritäten und Regeln gewehrt. Ich war ein ziemlich schlimmer Teenager und nicht zu bändigen, meine Eltern hatten keine Kontrolle über mich.

Sie wurden schon in den Achtzigerjahren mit Marlene Dietrich verglichen. Hat dieses Erbe schwer auf Ihnen gelastet?

Überhaupt nicht, das war eine große Ehre! Sie war eine emanzipierte Frau und hat Weiblichkeit auf wunderbare Weise neu interpretiert. Eine faszinierende Persönlichkeit und beeindruckende Künstlerin. Also ganz im Gegenteil!

Wenn Sie auf dem Land leben müssten, wie wäre das für Sie?

Ruhig, viele Barbecues, ein kleiner Garten mit viel Gemüse, gute Bücher. Das kann ich mir auch gut vorstellen. Aber die Winter werden dann bestimmt sehr lang. Ich glaube, ich lebe mit dem Landhaus eine ganz gute Balance.

Zur Person: Ute Lemper

Die internationale Presse nennt sie liebevoll die “German Cabaret Legend“: Die Sängerin Ute Lemper wird auf der ganzen Welt als Star gefeiert. Bereits in den Achtzigerjahren wurde die 1963 in Münster geborene Künstlerin mit Marlene Dietrich verglichen. In Peter Zadeks Uraufführung der Revue “Der blaue Engel“ nach dem Roman von Heinrich Mann spielte sie 1992 die Lola. Dafür hagelte es jedoch vernichtende Kritiken (der “Spiegel“ schrieb: “Strapse von der AOK“), Lemper sprach einmal von Hexenverfolgung. Ob auch diese Erfahrung dazu beitrug, dass Lemper 1998 in die USA zog, munkelten damals die Medien. Heute schlüpft ihr auf hinreißende Weise mitunter ein amerikanisches “You know“ ins Gespräch auf Deutsch.

Die biografischen Stationen Berlin und New York hat die Frau mit dem langen blonden Haar mit dem Komponisten Kurt Weill (“Die sieben Todsünden“, “Die Dreigroschenoper“) gemeinsam, zu dessen bedeutendsten Interpreten sie seit ihrem Album “Ute Lemper singt Kurt Weill“ gezählt wird. Die Aufnahmen standen in den USA 50 Wochen auf Platz eins. Nach eigener Aussage habe sie damit auch zur Entstigmatisierung der deutschen Sprache nach dem Zweiten Weltkrieg beigetragen.

Mit ihrem regen Familienleben ist Lemper immer wieder auch Protagonistin in der Boulevardpresse. Die Sängerin hat „zwei Generationen von Kindern“ zwischen fünf und 22 Jahren, wie sie sagt. Sie spricht sehr liebevoll über die vier Kinder, freut sich etwa, dass ihr ältester Sohn noch einmal für eine Zeit im Dachgeschoss bei ihr wohnt. Die beiden erwachsenen Kinder kümmern sich Lemper zufolge rührend um die beiden jüngeren, deren Vater ein Musiker ist, der als Schlagzeuger mit Lemper auf Tour geht.

“Liebe“ und “Leidenschaft“ sind Lieblingsvokabeln von Lemper, “unglaublich“ eine weitere. Die begeisterungsfähige Künstlerin ist musikalisch sehr vielseitig. Sie war in Wien in der ersten deutschsprachigen Produktion von “Cats“ zu sehen, sang die Titelrolle in der deutschen Version des Disney-Films “Arielle, die Meerjungfrau“ (1989) und die Esmeralda in “Der Glöckner von Notre Dame“ (1996). Sie spielte im Musical “Cabaret“ in Paris, in “Chicago“ in London und am Broadway in “Starlight Express“.

In jüngster Zeit ist der Liederzyklus “Forever“ (2013) mit Vertonungen von Liebesgedichten des Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda hervorzuheben.

Lemper, die auf der ganzen Welt gebucht wird, hat immer mehr als ein Programm im Koffer. Mit “Last Tango in Berlin“ ist sie etwa Ende Juni in Hamburg zu hören. Und mit “Stadtkind“, einer von Städten wie Berlin und New York inspirierten Weltreise, ist sie am 7. Juli unter anderem bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern in Stolpe zu Gast. Gemeinsam mit der Kammerakademie Potsdam spürt sie mit Kurt Weill, Bertolt Brecht und Hanns Eisler den Zwanzigerjahren nach und folgt berühmten Chansonniers wie Jacques Brel mit ihren Liedern nach Paris.

Lemper erhielt schon in jungen Jahren Klavier- und Ballettunterricht. Sie studierte Tanz am Institut für Bühnentanz in Köln und Schauspiel am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. 1982 nahm sie am ersten Jahrgang der Ausbildung “Popkurs“ in Hamburg teil, aus der bis heute Absolventen wie Peter Fox und Bodo Wartke hervorgegangen sind. Lemper wurde allerdings schon nach der ersten Halbzeit als Musicaldarstellerin engagiert.

Im Gespräch wirkt Lemper unprätentiös, immer wieder betont sie, dass ihr Landhaus eher bescheiden als feudal sei. Die 53-Jährige, die am 4. Juli Geburtstag feiert, wirkt in sich ruhend und mit ihrem Stadtkindleben sehr zufrieden.

Von Nina May

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