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Warum sind Ihre Filme so traurig?

Interview mit Aki Kaurismäki Warum sind Ihre Filme so traurig?

Bis Aki Kaurismäki antwortet, dauert es. Der 59-Jährige spricht leise, sehr leise und manchmal auch in Rätseln. Stefan Stosch hat dem finnischen Regisseur zugehört, der so unglücklich wirkt wie seine Filme. Und trotzdem kommen die Zuschauer ein wenig glücklicher aus diesen Filmen wieder heraus.

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Hören Sie noch auf Ihre Eltern?

Trauriger Märchenerzähler aus Finnland: Der Regisseur Aki Kaurismäki im Gespräch über Politik, das Filmemachen und warum er trotz allem Optimist ist.

Quelle: imago

Berlin.  

Herr Kaurismäki, ich habe ein bisschen Angst, dass dieses Gespräch gleich wieder beendet ist.

Warum das denn?

Ich befürchte, dass Sie so wenig reden wie Ihre Filmfiguren. Dann sind meine Fragen ruck, zuck abgehakt.

Machen Sie sich mal keine Sorgen. Das kriegen wir schon hin. Und außerdem: Ich habe das Gemüt eines Kindes.

Stimmt, Sie sind ein echter Menschenfreund, jedenfalls nach Ihren Filmen zu urteilen.

Außer, dass ich Wölfe noch lieber mag.

Und Hunde.

Genau, Hunde. Alle Tiere.

Der Hund, der in Ihrem neuen Film “Auf der anderen Seite der Hoffnung“ mitspielt, gehört der Ihnen?

Ja, in meinen Filmen spielen immer meine Hunde mit. Sieben Generationen haben bei mir schon vor der Kamera gestanden, der Hund im neuen Film heißt Varpu. Er ist aber nicht hier in Berlin, sondern wartet zu Hause in Portugal.

Hat einer Ihrer Hunde nicht sogar mal die Goldene Hunde-Palme in Cannes gewonnen?

Das war meine Hündin Tähti in der Rolle als Hannibal in “Der Mann ohne Vergangenheit“. Deren Großmutter Laika wiederum spielte in “Das Leben der Bohème“, und Tähtis Mutter Piitu hatte eine Rolle in meinem Stummfilm “Juha“.

Sie haben jetzt schon zwei Filme über Flüchtlinge gedreht: Warum haben Sie bei der Berlinale nicht die Chance genutzt und eine Rede gegen Politiker gehalten, die Mauern ziehen, um Flüchtlinge draußen zu halten?

Wir haben die Regierungen, die wir verdienen. Wir haben sie gewählt.

Sehen Sie das wirklich so?

Na gut, ich könnte auch antworten, dass wir endlich begreifen müssen, dass wir alle Menschen sind. Jetzt sind andere auf der Flucht, morgen könnte es uns erwischen. Wenn wir uns nicht menschlich verhalten, wozu sind wir Menschen dann da?

Warum haben sechs Jahre zwischen Ihrem vorigen Film “Le Havre“ und Ihrem aktuellen gelegen?

Mein Lehrer war Jim Jarmusch, und der ist genauso langsam. Deshalb zieht sich das immer ein bisschen bei mir. Jim und ich haben übrigens auch denselben Humor.

Was haben Sie sich die Zeit dazwischen vertrieben?

Ich habe mich in der Nähe von Bars aufgehalten, bin aber nie reingegangen. Ich habe draußen gestanden und gefroren.

Jetzt sind Sie zurück und haben nach “Le Havre“ einen zweiten Film über einen Flüchtling gedreht: Haben Sie sich die Geschichte ausgesucht, oder hat die Geschichte Sie gefunden?

Beides. Ursprünglich wollte ich eine Geschichte über Einsamkeit inszenieren und diese in den Fünfzigerjahren spielen lassen. Ich hatte eine Idee, die mich an Arthur Miller erinnerte und auch ein bisschen an meinen Vater. Aber dann kamen die Flüchtlinge nach Finnland, und unsere Regierung begann, sich wie eine Diktatur zu verhalten. Wir nahmen die Hilfesuchenden auf und betrachten sie plötzlich als Feinde. Da musste ich reagieren.

Es gibt einen Satz in Ihrem Film, den ich nicht verstanden habe: “Melancholiker werden abgeschoben.“ Was soll das heißen?

Es handelt sich dabei um Poesie. Das müssen Sie selbst interpretieren.

Warum machen Sie nie eine Geschichte über einen Typen, der reich und glücklich ist? Da ließe sich doch viel einfacher ein Happy End finden.

Reich und glücklich wäre aber schrecklich langweilig. Nicht mit einer Million Kilo Make-up würde man solche Menschen traurig schminken können.

Wie schwer ist es für Sie heutzutage, eine Komödie und keine Tragödie zu schreiben?

Wir leben in Zeiten, die nicht unbedingt nach einer Komödie rufen. Andererseits: Warum sollte man keine drehen? Man kann auch dann noch ein Märchen erzählen, wenn das Dach über einem schon einstürzt.

Kommen Zuschauer ein wenig glücklicher aus Ihren Filmen?

Schön wäre das. Aber vielleicht bin ich ja gar nicht der Regisseur, vielleicht bin ich auch nur ein Roboter.

Aha. Sind Sie ein Pessimist oder ein Optimist?

Ein Optimist.

Tatsächlich? Kaum zu glauben.

Ja, an jedem Morgen, an dem ich einen Schmetterling sehe, bin ich glücklich. Solange Vögel fliegen, bin ich glücklich. Ein gut geschriebener Satz in einer Geschichte macht mich glücklich, ein Bild von Giuseppe Velasco. Ich freue mich auch darüber, dass es meinen Hunden und meiner Frau gut geht. Aber Glück lässt sich nicht beschreiben. Ich bin nur ein Atom im Universum. Es ist nicht wichtig, ob ich glücklich bin.

In Ihren Filmen hauen die Figuren immer noch in die Tastatur von Schreibmaschinen: Verfassen Sie Ihre Drehbücher ebenfalls auf so einem antiquierten Gerät?

“Die andere Seite der Hoffnung“ war der erste Film, den ich auf dem Computer geschrieben habe. Ich musste das Skript ans andere Ende des Internets schicken.

Sie haben also einen Internetanschluss zu Hause?

Ja, die Minimalversion. Das heißt aber nicht, dass Sie mir eine Nachricht schicken sollten.

Wie kann ich Sie denn am besten erreichen?

Rufen Sie in Finnland an, aber ich sage Ihnen gleich, dass ich nicht da bin.

Sie sind sowieso der Ansicht, dass die Menschen zu viel reden, oder?

Dann können wir ja jetzt mit dem Interview aufhören.

Ein paar Fragen hätte ich noch: Glauben Sie noch an Solidarität unter Menschen?

Ich glaube, dass sechs internationale kapitalistische Konzerne die Macht übernommen haben, und die Menschen haben verloren.

Fühlen Sie sich manchmal so müde, dass Sie mit dem Filmemachen aufhören wollen?

Sehe ich müde aus?

Ja.

Ich will mit dem Filmemachen schon seit 35 Jahren aufhören.

Sie machen also weiter?

Klar, wecken Sie mich einfach rechtzeitig.

Sie müssen ja auch noch Ihre Flüchtlingstrilogie mit dem dritten Teil abschließen.

Wieso das denn? Das ist doch mein letzter Witz: eine Trilogie, die nur aus zwei Teilen besteht.

Ich hoffe, Sie machen doch noch ein paar mehr Witze.

Hoffe ich ehrlich gesagt auch. Aber es könnte eine ganze Weile dauern.

Was tun Sie, wenn George Clooney anruft und Sie bittet, einen Film mit ihm zu drehen?

Ich sage ihm, dass er sich die Zähne putzen und dann kommen soll.

Und wenn Meryl Streep anruft?

Da würde ich noch hinzufügen: Keiner von euch beiden bekommt in meinem Film eine Gage.

Das wäre den beiden ja vielleicht egal. Sie verdienen ja mit anderen Filmen genug Geld.

Na gut, dann könnte es klappen. Rufen Sie die beiden an, ich schreibe das Drehbuch. Danke für den Tipp. Sagen Sie den beiden aber bitte auch gleich, dass es noch fünf Jahre dauern könnte.

Zur Person: Aki Kaurismäki

Als Aki Kaurismäki im Februar den Regie-Bären der Berlinale zugesprochen bekam, verharrte er einfach bei seinem Sitzplatz. So etwas war noch nie zuvor passiert. Es sah so aus, als würde sich der 59-Jährige nicht nach vorn auf die Bühne wagen, um die wohlverdiente Trophäe abzuholen – entweder weil er die Öffentlichkeit scheute oder weil er sich auf seinen Beinen nicht sicher fühlte.

Kaurismäki hat sich seit den Achtzigerjahren einen Ruf als melancholischer Meisterregisseur, Verteidiger von Außenseitern, großer Schweiger und eben auch als allzu trinkfreudiger Finne erarbeitet. Der Regisseur macht aus seiner Sucht kein Geheimnis. Man muss das erwähnen, auch wenn man es gar nicht möchte, wenn man eine Begegnung mit ihm schildert. Die Weißweinflasche steht meist neben dem Regisseur.

Kaurismäkis Helden sind Musiker mit hervorstechenden Haartollen (“Leningrad Cowboys“), Arbeiterinnen (“Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“), Selbstmörder („Vertrag mit meinem Killer“) oder Arbeitslose (“Wolken ziehen vorüber“) – und in seinem aktuellen Film “Die andere Seite der Hoffnung“ steht nun ein syrischer Flüchtling im Mittelpunkt, der es als blinder Passagier auf einem Kohlefrachter nach Helsinki geschafft hat.

Alle diese Figuren vom Rand der Gesellschaft haben etwas gemeinsam: Sie reden kaum, scheinen ihr Schicksal beinahe fatalistisch hinzunehmen – und am Ende geht von ihnen seltsamerweise doch ein wenig Trost aus. Sogar dann, wenn die Geschichte traurig endet.

Geboren wurde Aki Kaurismäki 1957 in Orimattila, im Süden Finnlands. Bevor er hinter die Filmkamera trat, schlug er sich mit diversen Aushilfsjobs durch. Er arbeitete als Kellner, Briefträger oder auch als Tellerwäscher. An der Universität in Tampere hat Kaurismäki Literatur- und Kommunikationswissenschaften studiert. Eigentlich wollte er Schriftsteller werden, schon bald verfasste er Kritiken für eine Uni-Filmzeitschrift und schrieb Drehbücher. Die internationale Kinowelt hat ihn wegen seiner lakonischen Erzählweise ins Herz geschlossen, in der stets seine unverbrüchliche Sympathie für die Filmfiguren zu spüren ist.

Kaurismäkis Filme verhandeln eine raue Realität, kommen aber oft wie Märchen daher, wenn dies denn der Rettung der traurigen Helden dienlich ist. Sogar einen Stummfilm in Schwarz-Weiß und mit Zwischentiteln hat der Regisseur schon gedreht: “Juha“ (1999) basiert auf einem finnischen Nationalepos.

Für Wirbel in seiner finnischen Heimat sorgte Kaurismäki, als er sich beharrlich weigerte, seinen Film „Lichter der Vorstadt“ (2006) als finnischen Beitrag ins Oscar-Rennen nach Hollywood zu schicken. Er begründete seine Ablehnung mit seiner kritischen Haltung gegen den Irak-Krieg der Vereinigten Staaten.

Kaurismäki versammelt stets einen festen Stamm von Mitarbeiten um sich herum. Er ist auf den internationalen Festivals zu Hause, in Cannes gewann er mit “Der Mann ohne Vergangenheit“ 2002 den Großen Preis der Jury. In seinem nun bei der Berlinale prämierten Film „Die andere Seite der Hoffnung“ (Kinostart: 30 März) wird der syrische Flüchtling auf dem Kohlefrachter von einem Restaurantbesitzer unter die Fittiche genommen und entkommt so zumindest vorläufig der Abschiebung, die nüchterne Bürokraten für ihn vorgesehen haben.

Zusammen mit seinem Bruder Mika gründete Aki Kaurismäki ein Mittsommernachts-Filmfestival in Lappland, ein Kino in Helsinki gehört den beiden genauso wie eine Kneipe. Seine Wahlheimat ist Portugal. Dorthin zieht er sich immer wieder mit seiner Frau, der Malerin Paula Oinonen, zurück.

Von Stefan Stosch

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