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Was haben Sie gegen Goethe?

Dominique Horwitz im Interview Was haben Sie gegen Goethe?

Schauspieler, Regisseur, Schriftsteller, Sänger – Dominique Horwitz beherrscht viele Disziplinen, Routine ist ihm verhasst. In der Kulturstadt Weimar hat er sein Glück und eine Heimat gefunden – auch wenn er bedauert, dass Goethe und nicht Schiller dort präsent ist. Matthias Halbig hat den Künstler zu Hause besucht.

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Haben Sie eine Pistole im Schlafzimmer?

Paris, Berlin, Hamburg – aber bloß nicht Hollywood: Der Ausnahmekünstler Dominique Horwitz.

Quelle: dpa

Weimar.  

Herr Horwitz, Sie machen mit dem Schlagzeuger Alexej Gerassimez einen Wilhelm-Busch-Abend. Da wird ein Mann im Schlaf zum Punkt und reist durch völlig surreale Länder. Was hat Sie an dem Text “Eduards Traum“ gereizt?

Erst einmal war ich fassungslos. Als ich das erste Mal las, dachte ich, das ist Wilhelm Busch auf LSD. Ich kann mich nicht gar nicht erinnern, dass ich aus dieser Zeit schon einmal etwas ähnlich Abgefahrenes gelesen hatte.

Musik ist bei vielen Ihrer Projekte wichtig.

Bei Literaturabenden werden Text und Musik meist getrennt. Es wird abwechselnd gelesen und musiziert. Aber Trennungen sind im Leben, wie auch in der Kunst, lange nicht so aufregend und beseelend wie das Zusammenführen und Verschmelzen. Wenn das Wort auf die Musik trifft, wenn sich beide ergänzen und bedingen, nennt man das Melodram. Übrigens eine sehr beliebte Gattung des 19. Jahrhunderts. Gar nicht so einfach: Niemand darf sagen können: Möge er doch nur die Klappe halten, damit ich die Musik genießen kann. Oder mich nervt das Geklimper, ich kann mich nicht auf den Text konzentrieren. Bei “Eduards Traum“ ist die Musik eine Kombination aus Melodie und reinen Klängen. Der virtuose klassische Schlagzeuger Alexej Gerassimez wird Klangwelten und Traumwelten erfinden, bei denen Wilhelm Busch sicher seinen Spaß gehabt hätte und die den Zuschauer nicht mehr aus dem Staunen herauskommen lassen werden.

Man kennt Sie seit Jahrzehnten als Jacques-Brel-Interpreten. Sie sagten mal: “Brel singen ist wie Boxen in der Schwergewichtsklasse.“

Ja. Wenn ein Boxer in den Ring steigt, erkennt er in der ersten Runde, wie sein Gegner tickt. Sie können sich im Ring nicht verstellen. In der Kunst dagegen ist die Verstellung zuweilen ein bedeutender Aspekt, man kann sich in ihr verstecken und dennoch erfolgreich sein. Bei Brel aber gibt es kein Verstecken, da müssen Sie schon die Hosen runterlassen. Brels Figuren leiden ohne Scham, schreien ihr Glück heraus, lehren uns, dass Tragödie und Komödie ganz nah beisammen liegen. Als Sänger müssen Sie alles geben und rauslassen, da heißt es singen ohne doppelten Boden. Für einen Schauspieler die schönste Herausforderung.

Als Sie die Begeisterung Ihrer Tochter Miriam für den Schauspielerberuf bemerkten, haben Sie sie da beflügelt?

Wenn Kinder erwachsen werden, sollten sich die Eltern aus deren Leben raushalten, es allenfalls begleiten. Und so ist mir alles, was meine Kinder machen, “gleich gültig“. Künstlerisch tätig zu sein, ein Handwerk zu erlernen oder Medizin zu studieren sind derart schwerwiegende Entscheidungen, die sollte man den Sprösslingen selbst überlassen. Zudem sie ja diejenigen sind, die die Konsequenzen tragen, manchmal den Preis dafür zahlen müssen. Der Papa schaut sich das von der Seitenlinie aus an, darf mitleiden, wenn ihnen etwas misslingt, und sich mit ihnen freuen, wenn sie Erfolg haben. So sehen das meine Kinder übrigens auch.

Ihr erster Roman “Tod in Weimar“ scheint, neben einem Krimi, eine Liebeserklärung an Ihre Frau zu sein.

Auf jeden Fall. Die größte Begegnung meines Lebens war die mit meiner Frau, als ich an einem Drehtag zu “Blindgänger“ in Weimar ihr Restaurant „Anno 1900“ betrat.

Wie lange trugen Sie sich schon mit dem Plan, diese Liebeserklärung zu schreiben?

Zuerst war der Wunsch da, mich mit der Stadt Weimar zu beschäftigen. Diese Stadt ist ein nicht versiegender Brunnen an Geschichte und Geschichten. Meine Hauptfigur, der Kutscher Roman Kaminski, ein ehemaliger Schauspieler, verliebt sich in eine Restaurantbesitzerin. So wurde aus der Wirklichkeit Fiktion, oder war’s vielleicht umgekehrt? Ich schreibe da bereits an der Fortsetzung.

In Ihrem Buch wird mit Goethe-Büsten geworfen. Was haben Sie gegen den Dichterfürst?

Das ist weniger, dass ich mich gegen Goethe stemme. Ich stänkere einfach gern. Die Stadt Weimar setzt nur auf Goethe. Pure Einfallslosigkeit. Mich nervt das. Diese Stadt ist auch eine Schiller-Stadt, die Schiller-Stadt schlechthin. Es ist mehr ein Bekenntnis zu Schiller.

Kaminski sortiert immer Sätze, die er in seine Memoiren einbauen könnte. Sitzen Sie schon an der Lebensbilanz?

Niemals. Wenn man Helmut Schmidt heißt, Auschwitz überlebt, im Ghetto aufgewachsen ist, dann darf man seine Lebenserinnerungen aufschreiben. Wenn das Leben einen zu einer außergewöhnlichen Persönlichkeit geformt hat, darf man etwas davon zurückgeben, in Form von Lebenserinnerungen. Aber ich? Nein, nein. In meinen Romanen oder meinen Theater- und Gesangsabenden erfasst man ohnehin von mir das Wesentliche.

Sie kamen als Jugendlicher aus Paris nach Berlin. Fühlte sich das fremd an?

Damals war Berlin noch die Stadt des Viermächteabkommens und ich hatte das Glück, auf das Französische Gymnasium gehen zu können. Ich habe in einem französischen Umfeld weitergelebt. Deutschland war Anfang der Siebzigerjahre unerträglich spießig. Mich schüttelte es, so schlimm war dieses Land. Auf der anderen Seite hat West-Berlin eine spannende Subkultur hervorgebracht. Die war extrem aufregend, die blühte in West-Berlin. Aber ich war zu jung, um mich da reinfallen zu lassen. Später aber war ich fassungslos, wie sich das Land zum Guten, Lockeren verändert hat. Deutschland ist wirklich meine Heimat geworden.

Kannten Sie da die Lebensgeschichte Ihrer Eltern? Die Tragödie zweier Menschen, die vor den Nazis flohen, sich in der Fremde kennenlernten?

Darüber wurde in der Familie ganz, ganz wenig geredet. Man kennt dieses Phänomen, dass Menschen, die Schlimmes erlebt haben, es lieber mit sich selbst abhandeln. Sie können kein Verständnis erwarten, weil kein Mensch das Unfassbare nachvollziehen kann. Und als Kind ist man oft irrsinnig ignorant und interessiert sich mehr für die eigenen Hormone als für die Geschichte seiner Eltern.

Schauspieler haben Sie nie werden wollen, es war Zufall, eine Empfehlung Ihres Freundes Christian Berkel.

Und da merkte ich, dass ich anders ticke als die meisten. Mein Anderssein fühlte sich in dieser Welt des Schauspiels besser aufgehoben als in der normalen.

“Ich möchte mich irgendwann von innen ausfüllen“ – ein Zitat von 2003. Füllen Sie sich heute aus?

Ja (lacht). Herrliche Frage. Sie haben völlig recht. Das große Thema eines jeden erfüllten Lebens ist die Suche und bleibt immer die Suche. Verglichen mit jetzt war meine Suche früher eine schmerzvollere und zuweilen auch verzweifelte. Jetzt ist es eine behagliche Suche. Das hat sehr viel mit meiner Ehe zu tun, mit meiner geliebten Frau. Die die Welt ganz anders sieht als ich – gottlob. Die keine Künstlerin ist – gottlob. Und die immer viele Brillen für mich bereithält, und mir immer die Korrekturbrille verpasst, wenn ich auf die Welt einen verzerrten und manchmal gequälten Blick werfe.

Was sind das für Korrekturbrillen?

Zum Beispiel dieser ganz einfache Satz: “Wer weiß, wofür es gut ist“ (lacht). Wenn Ihnen einer ins Auto reinfährt. Die Polizei wird gerufen, man steht eine Dreiviertelstunde an dieser Kreuzung. Aber wäre das nicht passiert, wären sie womöglich über den Bahnübergang gefahren und ein Zug hätte Sie erfasst. Meine Frau hat immer viele unterschiedliche Korrekturbrillen für mich dabei. Und immer die richtige.

Wenn Dominique Horwitz freihat von aller Kunst, was tut er dann?

Machen Sie mal Ihr Aufnahmegerät aus, und kommen Sie mit, ich zeige Ihnen meine Harley…

Zur Person: Dominique Horwitz

Alles ist so üppig an diesem ersten richtig warmen Maitag, dass das Haus fast im Grün verschwimmt. Bäume, Ranken, Treibhäuser, Blumenwiese (die hätte längst gemäht werden sollen, ist aber viel schöner so). Auf der Terrasse Begrüßungsgewimmel. Melli, die freundliche alte Pudelhündin, die sich auch von Gästen streicheln lässt, Lülü, die scheue Afghanin, die den Kopf vornehm neigt wie eine Gräfin, und Holmes, der Wolfshund, der wachsam alles im Auge behält, vor allem den Besucher. Dazu zwei Katzen – der stille Bismarck und die mit Vorliebe biestige Lilly.

“Wenn die ins Haus kommt“, erzählt Dominique Horwitz (60), “dann sieht die immer aus, als wollte sie sagen: ,Scheiße, was ist hier schon wieder los?‘“ Hier auf dem Dorf vor den Toren Weimars lebt der Schauspieler mit Ehefrau Anna und Tochter Marlene. Eine wonnige Welt: Von überall tschilpt und zwitschert es, in der Nachbarschaft kräht alle paar Minuten ein Gockel und im Koi-Teich am Rande seiner Terrasse bequakt ein Frosch den späten Sommerbeginn. “Eine Kröte“, klärt Horwitz auf, “die strapaziert mich seit zwei Tagen. Wobei das gar nicht schlimm ist. Aber dann fangen die das Laichen an. Und dann hat man ein Orchester.“

Bloß nicht nach Hollywood

Horwitz ist Pariser, Berliner, Hamburger: Ruhm erlangte er, als er in seinen Zwanzigern anfing, Jacques-Brel-Chansons zu singen. Er war am Thalia der Teufel in Robert Wilsons magischem “Black Rider“-Musical (1990–1996), und man prophezeite ihm nach seiner Hauptrolle in Joseph Vilsmaiers Kriegsdrama “Stalingrad“ (1993) eine Hollywood-Karriere.

“Es gab keine Anfrage aus Hollywood damals“, klärt er auf, “ich würde aber auch für kein Geld der Welt mit Christoph Waltz tauschen“, den er schätzt, mit dem er zwei Tage vor dem Vorsprechen bei Tarantino den Text auf Französisch durchging. Aber lieber ist ihm Deutschland: “Hier kann ich mitgestalten“.

Triumph! Ein kurzes Zucken der Hand und der Quakhans ist im Kescher. “Geil! Geil! Geil! Geil!“, ruft Horwitz und tanzt über die Veranda. Während das Amphibium im Netz den Eindruck zu erwecken versucht, es sei aus Holz oder Stein, freut sich sein Fänger über sein Petriheil: “Ich liebe das Leben!“. Kurzer Spaziergang runter zum Bach, wo sich die Kröte schleunigst davonmacht. Horwitz weist auf einen Feldweg: “Von hier aus kann man eigentlich die Gedenkstätte Buchenwald sehen.“ Heute nicht. Zu viel Grün.

Schwindelig vor Glück

Sehnsucht nach Hamburg wie sein Romanheld Roman Kaminski, der ihm bis auf die abstehenden Ohren ähnelt, kennt Horwitz nicht. “Ich bin ein absoluter Landmensch. Ich liebe es, hier zu sitzen, das ist meine Lebenszentrale.“ Hier auf der Terrasse spinnt er an seinen “Abenden“ wie der “Freischütz“-/Tom-Waits-Rockrevue “Me and the Devil“, dem Wilhelm-Busch-Abend “Eduards Traum“, der am 5. Juli bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern im Kaiserbädersaal von Heringsdorf auf Usedom Premiere hat oder “Reformhaus Lutter“, einem Programm zum Reformationsjahr für den WDR.

Und es passiert immer etwas. Der zweite Kaminski-Roman ist auf der Zielgeraden, im nächsten Jahr will er in Ko-Autorenschaft sein erstes Theaterstück schreiben. “Ich singe, spiele, inszeniere Theaterstücke, inszeniere Oper, arbeite mit kleinen Formationen, großen Orchestern“, sagt Horwitz, zündet sich eine dunkle, daumendicke Zigarre an, lehnt sich zurück, legt die Füße hoch und ist das Bild eines Menschen im Einklang mit sich selbst: “Ich wache auf und mir wird schon schwindelig vor Glücksgefühl, was ich erleben darf.“

Von Matthias Halbig

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