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Wie gut waren Sie in Geschichte?

Interview mit Ken Follett Wie gut waren Sie in Geschichte?

Der britische Bestsellerautor Ken Follett gilt als Meister der Präzision. Was passiert, wenn er in einem Historienroman doch mal einen Fehler macht? Und kann er kurz vor Veröffentlichung des neuen Kingsbridge-Buches noch ruhig schlafen? Stefan Stosch hat ihn im Edinburgher Hotel Balmoral gefragt.

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Geschichte zum Anfassen: Unterwegs am Loch Leven in Schottland mit dem britischen Bestsellerautor Ken Follett.

Quelle: Picasa

Edinburgh.  

Herr Follett, war Queen Elizabeth I. eine gute Tennisspielerin?

Die Frage zielt auf den Tennisplatz im königlichen Whitehall-Palast ab, den ich in meinem Roman “Das Fundament der Ewigkeit“ erwähne, richtig? Der Tennisplatz ist auf Karten aus dem 16. Jahrhundert vermerkt, es gab ihn definitiv. Aber ich habe nie davon gelesen, dass Elizabeth Sport getrieben hat. Ihr Vater allerdings, Heinrich VIII., war ein begeisterter Tennisspieler.

Tennis im 16. Jahrhundert – bis Wimbledon hat es da ja noch ein wenig gedauert.

Aber schon Shakespeare hat über Tennis geschrieben, im Drama “Heinrich V.“. Da erhält König Heinrich vom französischen Kronprinzen einen Korb mit Tennisbällen. So verspottet er Heinrichs Anspruch auf den französischen Thron: Heinrich sei ein Playboy, kein ernst zu nehmender Anwärter. Der König war fürchterlich wütend. Die Bestrafung der Franzosen fand bei der Schlacht von Azincourt statt. Die Tennisregeln waren damals allerdings noch andere, der Ball wurde gegen eine Wand geschlagen und war auch viel schwerer. Ich habe es mal ausprobiert. Macht Spaß.

Lassen Sie solche Details von Historikern überprüfen?

Aber ja. Ich stelle für jedes Spezialgebiet Experten an, etwa für den in Sevilla spielenden Part, für das Handelsleben in Antwerpen und natürlich für den Aufbau des englischen Spionagenetzes unter Francis Walsingham.

Was tun Sie, wenn Sie eine knackige Szene zu Papier gebracht haben, und dann sagt Ihnen ein Historiker: So kann das aber nicht gewesen sein.

Dann muss ich sie umschreiben. Ich erwarte von meinen Experten allerdings, dass sie mir konstruktive Vorschläge machen, wie ich die Szene so hinbiegen kann, dass es passt. Meine Leser mögen diese Genauigkeit. Und ich mag sie auch.

Schreiben Sie zur Abwechslung doch einen Science-Fiction-Roman. Dann müssen Sie sich nicht mit neunmalklugen Historikern herumschlagen.

Dafür braucht es eine ganz besondere Fantasie. Die meisten Autoren erfinden Fiktives in einer realen Welt. Bei Science-Fiction ist aber auch diese Welt reine Erfindung. In meiner Anfangszeit habe ich es mal versucht: Ich habe Kurzgeschichten für Kinder geschrieben. Kürzlich habe ich sie wieder in die Hände bekommen. Gar nicht so schlecht. Aber bei einem dicken Roman halte ich dieses Setting nicht durch.

Was machen Sie, wenn Sie später einen Fehler entdecken?

Ich weise auf meiner Internetseite darauf hin. Und ich kann Ihnen sagen: Es erwischt einen immer wieder. Im Spionagethriller “Die Nadel“ habe ich über Unterseeboote geschrieben. Ich hatte damals keine Ahnung, dass U-Boote über Wasser mit Diesel betrieben werden, unter Wasser aber mit Elektromotoren. Ich habe leider behauptet, dass jemand den Dieselmotor eines abgetauchten Bootes hört. Der Fehler ist immer noch im Buch zu finden.

Haben Sie im aktuellen Roman schon einen Lapsus gefunden?

Dafür ist es noch zu früh. Aber warten Sie, bis 20 Millionen Leser sich ans Werk machen.

Wie gut waren Sie als Schüler in Geschichte?

Ich habe dieses Fach gehasst – und das ging vielen Lesern offenbar genauso. Sie schreiben mir: Ich habe dieses Unterrichtsfach verabscheut, wieso liebe ich Ihre Bücher? Ich habe es aber auch leichter als ein Lehrer: Ich muss keiner Teenagerbande die Hintergründe der Rosenkriege erklären.

Die Pest, faulende Zähne, kein einziger Rolls-Royce weit und breit: Wieso sind Sie heute so fasziniert von der Vergangenheit?

Genau deshalb! Es ist gemütlich, diese brutalen Geschichten zu lesen, während man im Warmen sitzt und einen Whiskey schlürft. Besser man liest von solch harten Zeiten, als dass man sie durchleben muss.

Fühlen Sie sich Romanfiguren aus dem 20. Jahrhundert näher als solchen aus dem 16. Jahrhundert?

Nein. Die Lebensumstände haben sich verändert, aber die Menschen sind dieselben geblieben.

Sie schreiben recht deftig. Haben Sie kleine gelbe Zettel auf Ihrem Schreibtisch liegen, auf denen steht: Auf Seite sowieso ist mal wieder eine Sexszene fällig?

So funktioniert das nicht. Der Sex muss in die Geschichte passen. Sind aber zwei Leute verliebt, dann sollte es irgendwann passieren. Allerdings: Je länger die beiden Liebenden hingehalten werden, desto spannender wird es auch für den Leser. Wichtig ist ein kontinuierlicher Spannungsbogen. Niemand sollte auf die Idee kommen, das Buch vorzeitig aus der Hand zu legen.

Religiöser Extremismus schwingt in Ihrem Roman von der ersten bis zur letzten Seite mit: Sind die Parallelen zur Gegenwart zufällig?

Jeder wird diese Resonanz spüren. Menschen werden immer noch von religiösen Fanatikern ermordet. Ich halte zwar keine Geschichtsstunde fürs 21. Jahrhundert ab, aber vielleicht hilft der Roman ein wenig, die Gedankenwelt von religiösen Extremisten zu ergründen.

Haben wir Menschen beim Thema religiöse Toleranz dazugelernt?

Aber ja. Weder in Ihrem Land noch in England werden Menschen noch wegen ihrer Religion gefoltert – auch wenn es viele andere Orte gibt, wo dies geschieht. Im 16. Jahrhundert aber stimmten die meisten darin überein, dass Andersgläubige getötet werden müssen. Katholiken wollten, dass Protestanten sterben. Und Protestanten dachten genauso über Katholiken. Ebenso töteten Christen Moslems oder Juden. Wir haben Fortschritte gemacht, auch wenn die Welt lange nicht ideal ist.

Ganz Europa hat sich gegen England zusammengetan: So beschreiben Sie die politische Ausgangslage beim Regierungsantritt von Elizabeth I. Klingt nach Theresa May und Brexit, oder?

Ich würde es umdrehen: Heute hat sich England gegen ganz Europa gestellt. Da passiert etwas, was mir zutiefst widerstrebt. Wir sollten in Europa zusammenrücken, voneinander lernen. Wir teilen eine gemeinsame Kultur. Ein Teil meiner Landsleute sieht das wohl anders.

Hat der Siegeszug der Fernsehserien die Autoren von Historienbüchern beflügelt?

Sie bestätigen mich vor allem, dass die Menschen aufwendige TV-Serien und damit komplizierte Romane mögen. Auch im Zeitalter von Tweets mit 140 Zeichen kommen Bücher mit 300 000 Wörtern gut an.

Wenn Sie sich zwischen dem Literaturnobelpreis und einer Millionenauflage entscheiden müssten: Wie würde Ihre Wahl ausfallen?

Ich nehme die Millionenauflage! Mein Buch soll den Lesern gefallen, nicht dem Nobelpreiskomitee. Wenn ich einen Preis bekomme, fühle ich mich geehrt. Aber mein Ehrgeiz geht in Richtung Auflage.

Wer ist der härteste Kritiker Ihrer Bücher, womöglich Ihre Frau Barbara?

Seit sie sich aus der Politik zurückgezogen hat und mein Büro leitet, ist sie eine viel selbstsicherere Kritikerin. Aber sie könnte ruhig noch ein bisschen selbstsicherer werden. Kann ja noch kommen.

Können Sie in diesen Tagen, kurz vor dem Erscheinen von “Das Fundament der Ewigkeit“, noch schlafen?

Um meinen Schlaf lasse ich mich nicht bringen. Ich freue mich darauf, die Reaktionen von all den Menschen zu hören, die für das Buch Geld bezahlen. Sie sind die entscheidenden Leser.

Sollten Sie irgendwann mal Ihre Autobiografie schreiben: Wie würde wohl der erste Satz lauten?

Vielleicht so: “Lassen Sie mich Ihnen eine Geschichte erzählen.“

Zur Person: Ken Follett

Mehr als tausend Seiten stark ist das dritte Buch in der Kingsbridge-Reihe. Dessen erster Titel “Die Säulen der Erde“ (1990) über den Bau einer Kathedrale hat sich weltweit rund 26 Millionen Mal verkauft. Der zweite Band “Die Tore der Welt“ (2007) brachte es auf eine Auflage von zwölf Millionen. Der dritte Teil ist in einem von Religionskriegen zerrissenen Europa angesiedelt. Im Mittelpunkt steht ein Mann namens Net Willard, der aus dem fiktiven Kingsbridge stammt. Sein Ziel ist es, das Leben seiner Königin Elizabeth I. zu beschützen, die später ihrerseits das Todesurteil für Maria Stuart unterzeichnen wird.

Elizabeth steht aufseiten der Protestanten, will deshalb aber nicht gleich alle Katholiken auf dem Scheiterhaufen verbrennen – eine eher unübliche Haltung in fundamentalistischen Zeiten. An der Seite des realen Francis Walsingham (1532–1590), Begründer des britischen Secret Service, vereitelt Net Willard Attentate auf seine Dienstherrin. In “Das Fundemant der Ewigkeit“ geht es um den Kampf um Toleranz und Glaubensfreiheit, also um höchst aktuelle Themen. Der 68-jährige Follett hat sich die Insel als Treffpunkt ausgesucht. Er weiß, dass sich ein Buch mit guten Bildern noch besser verkaufen lässt. Und was ist dekorativer als ein eleganter, weißhaariger Autor vor einer mittelalterlichen Burgruine?

Seine Frau weiß das noch viel besser: Barbara Follett war bis 2010 Labour-Abgeordnete im britischen Unterhaus. Nun ist sie Chefin im gut 30-köpfigen “Follett Office“ in der Kleinstadt Stevenage nördlich von London. Barbara macht die Marke Follett mit der Professionalität einer Kampagnenmanagerin noch bekannter, als sie schon ist. Innerhalb von wenigen Tagen erscheint der Roman in Europa und ebenso auf dem amerikanischen Kontinent – in Deutschland am 12. September. Solche globalen Veröffentlichungen sind bei Kino-Blockbustern üblich, in der Literatur bringen eine generalstabsmäßige Aktion wie diese nur wenige Autoren wie Dan Brown oder Stephen King zustande.

Drei Jahre und drei Monate hat Follett an seinem Roman gearbeitet, zuverlässig wie ein Handwerker. Mit jedem seiner Bücher geht er so vor, angefangen vom ersten großen Erfolg, dem im Zweiten Weltkrieg angesiedelten Spionagethriller “Die Nadel“ (1978), bis zu seiner dreibändigen Saga über das blutige 20. Jahrhundert (2010, 2012, 2014). Follett, 1949 im walisischen Cardiff geboren, studierte Philosophie und arbeitete als Zeitungsreporter. Dann entdeckte er sein Talent für diese ganz spezielle Mischung aus Fiktion und Historie.

Loch Leven hat Follett selbstverständlich schon besucht, bevor er sich ans Schreiben machte. “Selbst ein starker Mann brauchte eine Stunde, um von der Insel zum Festland zu rudern“, heißt es im Roman. Dabei handelt es sich jedoch ausnahmsweise nur um eine Schätzung: Der Autor ist mit dem Motorboot herangetuckert.

Von Stefan Stosch

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