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20:15 22.12.2017
Weihnachtskarte aus der Sammlung Günther Hunger. Quelle: RND
Halle/Freiburg

Früher war weder mehr Lametta noch mehr Schnee, sagt Annegret Wolf. Die Psychologin der Universität Halle untersucht, wann und ob das menschliche Gehirn Informationen verzerrt wahrnimmt. Die Wahrnehmung von weißer Weihnacht ist so eine Verzerrung. Denn 78 Prozent der Deutschen sind sich einer repräsentativen YouGov-Umfrage zufolge sicher: Früher gab es häufiger weiße Weihnachten als heute. Dabei sind weiße Weihnachten schon immer eher Wunder als die Regel. In den meisten Regionen Deutschlands liegt die Schneewahrscheinlichkeit für weiße Weihnachten zwischen 10 und 20 Prozent. Das bedeutet: Weiße Weihnachten gibt es nur alle fünf bis zehn Jahre. Nur auf der Zugspitze sind weiße Weihnachten gewiss. Seit beginn der Wetteraufzeichnung 1893 lag hier jährlich Schnee.

Ausgerechnet an Weihnachten sind die Schneewahrscheinlichkeiten sogar besonders niedrig. „Vom 21. bis zum 26. Dezember messen wir ein regelmäßiges Ansteigen der Temperatur“, sagt Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst. „Das sogenannte Weihnachtstauwetter.“ Wissenschaftler sprechen bei diesem Phänomen von einer meteorologischen Singularität. Regelmäßigkeiten, die zwar messbar, wissenschaftlich jedoch nicht erklärbar sind. Andere Beispiele für derartige Singularitäten sind beispielsweise die Eisheiligen, also Kälteeinbrüche im Mai, oder die Siebenschläfer-Wochen: Die Wochen nach dem 27. Juni, dem Siebenschläfer-Tag. Das Wetter, das an diesem Tag herrscht, hält oft noch weitere sieben Wochen an.

Verursacht wird das Weihnachtstauwetter durch West- oder Süd-West-Strömungen vom Atlantik. In sieben von zehn Jahren bringen sie Temperaturen von über 10 Grad nach Deutschland. „Das ist der Weihnachtschnee-Killer Nummer eins“, sagt Diplom-Meteorologe Dominik Jung vom Institut für Wetter- und Klimakommunikation. „Denn Luft vom Atlantik bringt niemals Frost.“

In den letzten beiden Jahren kam das weihnachtliche Tauen gar nicht erst zum Einsatz. Jung: „Da hatten wir Temperaturen um die 15, 16 Grad.“ Das letzte Mal weiße Weihnacht gab es 2010. Statistisch gesehen kommen sie alle zehn Jahre zurück. Zumindest den Daten nach wäre dann erst 2020 wieder mit weißen Weihnachten zu rechnen. Nur dass dem Wetter Statistiken egal sind.

Insbesondere Skigebiete haben unter den grünen Weihnachten der letzten Jahre gelitten. „Vor allem kleinen Betrieben brach das zu warme und zu trockene Wetter das Genick“, sagt Andreas König vom Deutschen Skiverband. Kam in Skiregionen der Schnee zuvor noch pünktlich vor Weihnachten, blieb dieser zuletzt über Wochen aus. Große Skigebiete hingegen investieren laut König nun massiv in ihre Modernisierung. Indem sie beginnen, Wander- und Sportangebote für den Sommer anzubieten einerseits, indem sie ihre Schneekanonen durch effizientere austauschen andererseits. „Die neuen Maschinen produzieren mit weniger Ressourcen besseren Schnee als die alten.“ Zumal sie – anders als früher – heute bereits bei niedrigen Minusgraden eingesetzt werden können. Auch ihr Einsatz hat sich verändert: Früher diente „technischer Schnee“ als Ergänzung zum natürlichen, heute bildet er die Grundlage. „Denn technischer Schnee ist resistenter, kompakter und damit sicherer für die Fahrer.“

Bei weihnachtlichem Tauwetter von bis zu 10 Grad ist auch er jedoch nicht einsetzbar. Das erste Mal wissenschaftlich erwähnt wurde das Phänomen 1940 von einem Meteorologen. Denn die Regelmäßigkeit besteht seit Anbeginn der Wetteraufzeichnungen.

Auf frühen Weihnachtsdarstellungen waren grüne Weihnachten entsprechend sogar selbstverständlich. Sie zeigen meist herbstliche Landschaften, oft regnerisch. Woher also kommt die Idee von einer weißen Weihnacht? „Die ist vor allem eine Erfindung der bürgerlichen Familie des 19. Jahrhunderts. Sie entdeckte Christi Geburt als Fest der Familie“, sagt der Kulturanthropologe Markus Tauschek von der Universität Freiburg. „Und sie begann, Weihnachten emotional aufzuladen.“

Zusammen mit dem Weihnachtslieder-Gassenhauer „Stille Nacht, heilige Nacht“ habe sich die Idee von weiß gezuckerten Bergen an Weihnachten aus dem alpinen Oberndorf bei Salzburg in ganz Deutschland ausgebreitet. Das, obwohl weiße Weihnachten in diesem Lied nicht einmal vorkommen. Doch je erfolgreicher dereinst das Lied war, desto erfolgreicher auch die Idee von Schnee an Heiligabend – wie in Oberndorf. „Diese Idee hat die Kulturindustrie dann anschließend noch weiter befeuert“, so Tauschek. „Mit Liedern wie ‚Leise rieselt der Schnee‘ oder Film-Klassikern wie ‚Drei Haselnüsse für Aschenbrödel.‘“ So sehr heizte die Industrie die heimelige Vorstellung von Schnee an Weihnachten an, dass heute kein Adventskalender, kein Weihnachtsfilm und keine Schaufensterdeko mehr ohne Schneedarstellungen auskommt. Den größten Einfluss bei der Verbreitung des Schneeideals hatten Tauschek zufolge jedoch weihnachtliche Postkarten. Sie waren in Zeiten ohne Internet das erste Medium, dass – massenhaft produziert – ein gedrucktes Bild von weißen Weihnachten vermittelte.

Woher nun kommt also die Idee der Deutschen, früher sei Weihnachten weißer gewesen? Dahinter steckt laut Psychologin Wolf ein Phänomen des menschlichen Gehirns: Dieses erinnert positive Momente in der Regel besser als negative. Positive Erinnerungen wie die Schneeballschlacht mit Freunden. „Das Gehirn idealisiert diese dann und fügt sie unserem Bild von Weihnachten hinzu.“ In der Wissenschaft heißt dieses Phänomen „rosy view“, also die rosa-rote-Gedankenbrille.

Von Julius Heinrichs

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