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Edle Tropfen

Wein und Klimawandel Edle Tropfen

Der Klimawandel macht den Winzern zu schaffen. In Franken ist die Trockenheit so groß, dass die Rebstöcke kaum noch ausreichend bewässert werden können. Zunehmend setzt sich dort eine Methode aus den Halbwüsten Israels durch: Tröpfchenbewässerung.

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Kostbares Nass: Da in den deutschen Weinbaugebieten immer weniger Regen fällt, steigen die ersten Winzer auf Tröpfchenbewässerung um.

Quelle: Fotolia

Veitshöchheim. Wenn man Franken fragt, wovor sie sich wegen des Klimawandels am meisten fürchten, dann fällt ihre Antwort eindeutig aus: “Drockenheit“, bekommt man allerorten zu hören. Nur 550 Liter pro Quadratmeter fallen in einem durchschnittlichen Jahr vom Himmel, das ist nicht einmal die Hälfte dessen, was im Alpenvorland herunterkommt. Seit einigen Jahren werden die Mengen immer geringer. Am schlimmsten war es im Dürrejahr 2015, als kaum 250 Liter fielen und die Winzer den ganzen Sommer damit beschäftigt waren, die Reben zu wässern. Deshalb ist jeder Tropfen kostbar. Zwar gibt es eine Fernleitung aus Südbayern, die Teile Frankens versorgen, aber auch deren Kapazität ist begrenzt.

“Der Klimawandel treibt die Winzer vor sich her“, sagt der Weinbauexperte Daniel Heßdörfer von der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau. Deshalb haben sie sich im fränkischen Veitshöchheim schon jetzt nach Lösungen umgeschaut. Der Chef von Daniel Heßdörfer wurde in der Nähe von Barcelona fündig, als ihm mitten im Weinberg ein in der Sonne funkelnder Tank auffiel. Wie sich herausstellte, stammte die Anlage von der Firma Netafim aus Israel, die als eine der Pioniere moderner Bewässerungstechnik gilt. Seit ein paar Wochen steht ein solcher Tank jetzt auch im Versuchsweinberg von Daniel Heßdörfer.

Seit Jahren werden die Regenmengen in den fränkischen Weinbaugebieten immer geringer

Seit Jahren werden die Regenmengen in den fränkischen Weinbaugebieten immer geringer.

Quelle: dpa

Das Herzstück der Anlage hat der Weinbauexperte an der höchsten Stelle errichten lassen, um das natürliche Gefälle auszunutzen. Oben angekommen, steht man vor einem kreisrunden Wellblechtank, der 250 Kubikmeter Wasser fasst. Zwei Leitungen ragen aus dem Tank. Die eine regelt den Zufluss vom hundert Meter tiefer liegenden Brunnen, von wo das Wasser in den Tank gepumpt wird. Die andere verteilt das Wasser in Dutzenden Leitungen auf die acht Hektar große Rebenfläche. Kein Tropfen soll verloren gehen.

Deshalb sickert das Wasser aus schwarzen Schläuchen direkt an die Rebstöcke. Alle fünfzig Zentimeter ist darin ein kleines Loch. Tröpfchenbewässerung nennt das der Fachmann. Das spart nicht nur Wasser, sondern soll auch besser für die Pflanze sein. Zudem ist die Anlage mit etwa 8000 Euro Kosten pro Hektar und Jahr um ein Drittel günstiger als gewöhnliche Bewässerungsanlagen.

Die Technik ist noch nicht sehr alt, verglichen mit den teils jahrtausendealten Techniken früher Hochkulturen, die das Wasser großflächig über den Acker strömen ließen. Die Bewässerung ist eine große Kulturleistung. Dass die ersten großen Zivilisationen an großen Flüssen wie Euphrat, Tigris und Huang He entstanden, war jedenfalls kein Zufall. Die Menschen bauten Bewässerungskanäle und zwackten dadurch großflächig Wasser ab für die Felder. Nur so konnten massive Bevölkerungsanstiege verkraftet werden.

Erfindung aus Wassernot

Die Tröpfchenbewässerung ist deutlich jünger und geht auf den israelischen Ingenieur Simcha Blass zurück. Er tüftelte Anfang der Sechzigerjahre in der Halbwüste an dieser neuen Technik, bis das erste System aus Kunststoffschläuchen einsatzbereit war. Blass hat aus der Wassernot im Nahen Osten einen Exportschlager gemacht. Die von ihm mitgegründete Firma Netafim ist heute Weltmarktführer. Und Blass wird in seinem Land bis heute wie ein Heiliger verehrt.

Tröpfchen sind vor allem bei stationären Sonderkulturen wie Weinstöcken, Hopfen, Olivenhainen und Obstbäumen beliebt, weil die Schläuche nicht jedes Jahr neu verlegt werden müssen. Die zielgenaue Bewässerung simuliert jenen gleichmäßigen Landregen, den Bauern und Pflanzen besonders mögen. Den Hauptteil des Wassers nutzt die Pflanze zur Kühlung, nur etwa 15 Prozent benötigt sie zur Fotosynthese. Tröpfchenbewässerungen sind sehr effizient: Im Gegensatz zur klassischen Oberflächenbewässerung, bei der nicht einmal die Hälfte des Wassers von den Pflanzen aufgenommen wird, wird das Wasser mit der Tropfentechnik zu 90 Prozent genutzt.

Von großem Vorteil ist außerdem, dass mit den Tropfen auch Nährstoffe und Pflanzenschutzmittel kontrolliert zur Pflanze geführt werden können, die sonst häufig nutzlos in den Boden sickern und dort die Umwelt belasten.

Im Dürrejahr 2015 bewässerten manche Winzer in Franken ihre Rebhänge wenig ressourcenschonend mit Sprengern

Im Dürrejahr 2015 bewässerten manche Winzer in Franken ihre Rebhänge wenig ressourcenschonend mit Sprengern.

Quelle: dpa

Die schwarzen Schläuche der Tröpfchenbewässerung hat Heßdörfer teilweise vergraben lassen. Sie verlaufen vierzig Zentimeter tief im Boden und leiten das Wasser direkt an die Wurzeln. Diese sogenannte Unterflurbewässerung hat einen großen Vorteil: Denn ist der Boden zu nass, wird zu viel Stickstoff mobilisiert. Der Nährstoff ist lebensnotwendig für die Pflanze, er beeinflusst das vegetative (Trieb und Blätter) und generative Wachstum (Frucht).

Ein Überangebot von Stickstoff durch zu viel Wasser im Boden erhöht allerdings die Gefahr, dass das vegetative Wachstum dominiert und außerdem Unkräuter wuchern. Die Energie der Pflanze werde dann verschwendet, sagt Heßdörfer. Am Ende sollen ja vor allem die Trauben gedeihen. Gewünscht ist also das kontrollierte Wachstum der Früchte. Nur so lassen sich hohe und qualitative Ernten garantieren. Daniel Heßdörfer ist zufrieden: Bisher scheint sich die Unterflurbewässerung in Veitshöchheim jedenfalls bewährt zu haben.

Im dürregeplagten Kalifornien sind die Farmer bei der Bewässerung sogar schon einen Schritt weiter. Im Central Valley, dem größten Anbaugebiet der USA, sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Felder verdorrt. Jetzt lindern ausgetüftelte Wassersysteme die Not der Farmer. Die weitverbreitete Tröpfchenbewässerung soll künftig nur noch eingeschaltet werden, wenn die Pflanze auch wirklich durstig ist. Dazu werden Sensoren erforscht, die den Wasserbedarf direkt in der Pflanze messen – und diese Information an das Bewässerungssystem melden. Das wiederum spart noch mehr Wasser – und erhöht wahrscheinlich auch die Ernte.

Von Andreas Frey

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