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Erfolgsfaktor Fitness

Gesundheitsvorsorge am Arbeitsplatz Erfolgsfaktor Fitness

Arbeitnehmer stoßen immer häufiger physisch und psychisch an ihre Grenzen. Kluge Chefs investieren deshalb in Vorsorge: Für die Zufriedenheit der Mitarbeiter – und den Unternehmenserfolg.

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Mit der Yoga-Matte ins Büro: Immer mehr Unternehmen investieren in Gesundheitsvorsorge für ihre Mitarbeiter.

Quelle: Blend Images

Vechelde. Sechs Menschen im Vierfüßlerstand, ihr Büro-Outfit haben sie gegen Sportkleidung getauscht. Sie sollen die Hände auf den Boden stützen, nach innen zum Körper drehen – und sich dabei vor- und zurückwiegen. “Na, das merkt ihr auf der Seite, mit der ihr die Maus bedient, oder?“ Physiotherapeut Christian Roos erntet Seufzen. Er leitet das Training mit dem Titel “Fit am Arbeitsplatz“ bei der Firma Atlastitan.

Die 280 Mitarbeiter arbeiten im Büro, viele als Ingenieure. Der Mittelständler aus Vechelde realisiert bundesweit technische Projekte im Auftrag anderer Unternehmen. “Bei unserer Tätigkeit sitzen wir viel am Schreibtisch“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter von Atlastitan, Franz Vollmer. “Und wenn unsere Leute unterwegs sind, sitzen sie im Auto. Das belastet den Rücken.“

Gesundheit im Betrieb, das war lange Zeit vor allem der Schutz vor Unfällen, Lärm und Schadstoffen auf dem Bau, im Stahlwerk, an der Chemieanlage. Inzwischen ist Gesundheitsmanagement eine eigene Fachdisziplin, es geht um Prävention und Ernährungspläne, den Kampf gegen Übergewicht und immer öfter um seelische Ausgeglichenheit.

Viele Krankmeldungen wegen psychischer Probleme

Den Erfolg kann man messen. Laut AOK sinken die krankheitsbedingten Fehlzeiten um durchschnittlich ein Viertel, wenn sich Arbeitgeber aktiv um die Gesundheit der Mitarbeiter kümmern. “In gesunde Arbeit zu investieren ist für mich nicht nur eine Frage sozialer Verantwortung, es ist auch ein wirtschaftliches Gebot“, sagt Natalie Lotzmann, Leiterin des Gesundheitsmanagements beim Softwarekonzern SAP.

“Jahrtausendelang haderten Menschen mit den Grenzen ihrer physischen Kräfte“, sagt der Gesundheitswissenschaftler Bernhard Badura. “Im 21. Jahrhundert werden sie mit den Grenzen ihrer psychischen Kräfte konfrontiert.“ Badura erstellt zusammen mit dem Wissenschaftlichen Institut der AOK jedes Jahr den “Fehlzeiten-Report“. Und er sieht, wie die Fehlzeiten wegen seelischer Probleme zunehmen. Von “hohem Verbrauch an psychischer Energie“ sprach der Professor bei der Vorstellung seines jüngsten Reports. Die Kopfarbeiter neuen Typs müssten sich zunehmend selbst organisieren, gleichzeitig aber flexibel anpassen und viel Teamgeist mitbringen.

Nach einer aktuellen Erhebung der DAK sind psychische Erkrankungen inzwischen für 15 Prozent der Krankmeldungen verantwortlich. Die Kosten der Ausfalltage beziffern Krankenkassen und das Statistische Bundesamt auf 20 bis 30 Milliarden Euro jährlich.

Einflussfaktor Unternehmenskultur

Fehlzeiten sind nicht die einzige Folge von belastenden Arbeitsbedingungen. Auch die Produktivität leidet und – in Zeiten sozialer Netzwerke allemal – der Ruf bei den Kunden und potenziellen Mitarbeitern. Wer den passenden Nachwuchs für sich begeistern will, muss deshalb auch mit den Arbeitsbedingungen überzeugen. Dazu gehört nach Überzeugung der Wissenschaftler auch eine gute Arbeitsatmosphäre.

“Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen der Art und Weise, wie Beschäftigte ihre Arbeit erleben, und ihrer Gesundheit“, erklärt Helmut Schröder vom Wissenschaftlichen Institut der AOK. Nicht umsonst haben er und Badura dem jüngsten “Fehlzeiten-Report“ die Überschrift “Unternehmenskultur und Gesundheit“ gegeben. Eine Erkenntnis der Forscher wird Chefs zu denken geben: Wo Mitarbeiter die Unternehmenskultur als schlecht empfinden, sind 27 Prozent der Befragten auch mit der eigenen Gesundheit unzufrieden – dreimal mehr als bei Arbeitgebern mit gut bewerteter Unternehmenskultur.

Investition in die Mitarbeiter

Atlastitan-Chef Vollmer brauchte das Erlebnis am eigenen Leib, um in seinem Unternehmen neue Wege zu beschreiten. “Früher war ich von der Statur – nennen wir es – kompakt.“ Der Wendepunkt kam, als wegen einer chronischen Infektion sein Körper streikte. “Warum sollen andere dasselbe erleben wie ich?“, sagt Vollmer heute.

Jetzt gibt es neben Gymnastik auch Ernährungsberatung, einen Zuschuss zum Fitnessstudio oder höhenverstellbare Tische, an denen man abwechselnd im Sitzen und im Stehen arbeiten kann. “Auch wenn ein besser ausgerüsteter Arbeitsplatz 1000 Euro mehr kostet, ist dies gut investiertes Geld“, sagt Vollmer. Eine eigene Gesundheitsmanagerin steuert die Projekte und berät auch einmal abseits der Arbeitswelt. “Unsere Mitarbeiter sollen sich wohlfühlen“, sagt Vollmer. “Nur dann sind sie so leistungsfähig, wie wir es ihnen und wie sie es sich selbst wünschen.“

Von Stefan Winter und Prem Lata Gupta

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