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Gemüse auf 50 Etagen

"Vertical Farming" im Hochhaus Gemüse auf 50 Etagen

Zunehmende Verstädterung und drastisch steigende Bevölkerungszahlen lassen Ackerflächen zu einem knappen Gut werden. Agrarbetriebe im Hochhausformat sollen den Weg zur modernen Massenspeisung ebnen.

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Gemüse aus den Wolken: Geht es nach Visionären wie Kimbal Musk, könnte die Lebensmittelproduktion bald in derartigen Hochhäusern erfolgen.

Quelle: Getty

Innovationsgeist liegt bei den Musks in der Familie. Zwar ist Kimbal Musk nicht so berühmt wie sein großer Bruder Elon, der mit dem Tesla gerade die Autobranche revolutioniert, aber er hat das gleiche Gespür für Trends. Während der eine die Mobilität verändern will, geht es dem anderen um die Ernährung der Zukunft. Kimbal Musk hat mit "The Kitchen" nicht nur eine Restaurantkette eröffnet, bei der die Fast-Food-gewöhnten Amerikaner wieder wissen, wo genau die Zutaten im Essen herkommen. Er setzt schon früher an – nämlich bei der Herstellung.

Um die Landwirtschaft wieder näher zu den Konsumenten zu bringen, investiert Musk in Projekte zum sogenannten Vertical Farming. Die Anhänger dieser Idee wollen die Landwirtschaft zurück in die Stadt holen – und weil es in Megacitys keinen Platz für Felder gibt, stapeln sie ihre Anbaufläche in die Höhe. In riesigen Hochhäusern werden, so die Vision, in Zukunft auf mehreren Etagen Pflanzen angebaut.

Unten Äpfel und Pfirsiche, in der Mitte Erdbeeren und Tomaten und ganz oben wachsen Spinat und Kräuter. Die Pflanzen werden von künstlichem Licht bestrahlt und ihre Wurzeln hängen in einer Nährstofflösung, die sie optimal versorgt. Normale Erde wäre zu schwer und würde die Konstruktion zum Einsturz bringen.

Boom in Japan nach Fukushima

Die Idee vom Gewächshochhaus steht noch ganz am Anfang. Bisher versuchen die Anhänger der vertikalen Farm ihre Idee eher in alten Fabrik- oder Lagerhallen in kleinerem Maßstab umzusetzen. Angebaut werden bisher fast nur Kräuter und Salate, die auf mehreren Ebenen übereinander wachsen. Die Grünpflanzen gedeihen schnell und gut unter künstlichem Licht. Vor allem in Japan boomt der Trend seit der Atomreaktorkatastrophe in Fukushima 2011. Denn bei Pflanzen aus abgeschlossenen Biosystemen brauchen die Verbraucher keine Angst vor radioaktiver Strahlung haben.

Kimbal Musk will die vertikale Farm jetzt nach New York bringen. Zu diesem Zweck hat er kürzlich zehn ausrangierte Schiffscontainer in Brooklyn installiert. Die etwa zwölf Meter langen Stahlboxen sind begehbar und an beiden Seiten in mehreren Lagen bepflanzt. Musks Firma Square Roots bewirtschaftet die Container nicht selbst, sondern berät Selbstständige, die sich um die Pflanzen, die Ernte und den Vertrieb der Lebensmittel kümmern.

Im südkoreanischen Yongin wird bereits Vertikal Farming betrieben. Extrem dichte Besiedlung und hohe Luftverschmutzung machen es erforderlich.

Im südkoreanischen Yongin wird bereits Vertikal Farming betrieben. Extrem dichte Besiedlung und hohe Luftverschmutzung machen es erforderlich.

Quelle: dpa

"Es geht ihm außerdem um die vielen Daten, die in den Containern erhoben werden – um die optimalen Bedingungen von Temperatur, Licht und Wasser", sagt Maximilian Lössl, der zusammen mit Gleichgesinnten die Association for Vertical Farming gegründet hat – eine Plattform, die Austausch und gemeinsame Forschung zum Thema ermöglicht. Lössl ist außerdem Gründer des Start-ups Agrilution, das mit dem Plantcube die vertikale Farm in Kleinformat in die Küchen der deutschen Verbraucher holen will.

Das Thema interessiert den Münchner seit er vor Jahren das Buch "The vertical Farm" von Dickson Despommier gelesen hat. Despommier forscht seit 1999 an der Columbia University in New York zu dem Thema. Der Professor für Mikrobiologie will mit den Gewächshochhäusern aber nicht nur mehr Frische zu den verwöhnten, westlichen Großstädtern bringen, sondern die Versorgung von immer schneller wachsenden Megacitys vor allem in Asien sicherstellen.

Bis 2050 sollen laut Schätzungen der UN zwei Drittel der Menschen in Städten leben. Die Weltbevölkerung könnte auf fast zehn Milliarden Menschen anwachsen. Das wird laut Experten viele Probleme bereiten – vor allem in Sachen Nahrungsmittelsicherheit. Um alle Menschen zu versorgen, bräuchte man laut Despommier zusätzliche Anbauflächen von mindestens der Größe Brasiliens. Zumal in vielen der schnell wachsenden Länder das Klima ungünstig für Ackerbau ist: Fluten und Dürren haben die Böden ausgelaugt, Wasser ist knapp.

LEDs für bessere Fotosynthese

Despommier sieht die Lösung deshalb in vertikaler Landwirtschaft. In den luftdicht abgeriegelten Gewächshochhäusern könnten die Bedingungen so optimiert werden, dass die Pflanzen schneller wachsen. Sie wären außerdem unabhängig von Jahreszeiten und klimatischen Bedingungen. Auf den Anbauetagen könnten moderne Bauern deshalb wesentlich häufiger ernten, als es in der konventionellen Landwirtschaft möglich ist. „Studien haben ergeben, dass Pflanzen in vertikalen Farmen schneller wachsen und in kürzerer Zeit mehr Biomasse erzeugen als unter unkontrollierten Bedingungen“, sagt Lössl.

Außerdem könne durch spezielles Licht ein höherer Nährwert erreicht werden. Große Lichttechnikfirmen wie Osram, Philips und GE forschen schon intensiv an LEDs, die eine noch bessere Fotosynthese ermöglichen. Die andere Seite der Medaille ist aber auch: Die Hightechfarm ist sehr energieintensiv. Um die Lebensmittel tatsächlich CO 2-arm zu produzieren – womit die Befürworter werben –, müssten die Farmen vollständig mit regenerativer Energie betrieben werden.

Alles in allem wird es trotz großer Investoren wie Kimbal Musk noch einige Zeit dauern, bis die Gewächshochhäuser in großem Maßstab reif für den Markt sind. Das liegt auch an der Wirtschaftlichkeit. Die Errichtung einer vertikalen Farm mit 50 Etagen würde laut Schätzungen mindestens 70 Millionen Euro kosten. Selbst wenn die Betreiber dreimal so viel Gemüse ernten wie konventionelle Bauern und sich die Kosten für den Transport in die Städte sparen, müsste die Anlage sehr lange laufen, um das Startkapital wieder einzuspielen.

Von Anne Grüneberg

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