Startseite MAZ
Volltextsuche über das Angebot:

Holz in der Hütte

Bauen mit Holz im Trend Holz in der Hütte

Der Biobaustoff aus dem Wald erfährt eine überraschende Renaissance. Von Designerhotels über Gewerbehallen bis hin zu Hochhäusern wird jetzt alles gezimmert.

Voriger Artikel
Das Ende der Schlagwörter
Nächster Artikel
Leser im Wunderland

Zurück zu Natur, weg von der Blockhüttenromantik: Immer mehr Architekten setzen auf den Baustoff Holz, ohne dabei auf Modernität zu verzichten.

Quelle: Getty Images

Lydia und Erich träumen von einer Villa aus Holz. Im Grünen wollen sie bauen, aber stadtnah. Sie schwärmt vom "gesunden Raumklima", der "natürlichen Temperaturregulierung", dem harzigen Duft der Lärchentäfelung. Ihm imponieren neben der guten Ökoperformance hölzerner Architektur auch bauphysikalische Aspekte des witterungs- und erdbebenbeständigen Baustoffs – und dass das Traumhaus binnen 14 Tagen komplett aufgestellt wäre.

Bei einer Wohnfläche von 120 bis 140 Quadratmetern wäre bei einem Vollholzhaus in einfacher Ausführung mit einer Investition von rund 350 000 Euro zu rechnen, haben sich der Ingenieur und die kürzlich ins mittlere Management aufgestiegene Krankenhausmitarbeiterin ausrechnen lassen. In der Summe wären auch die Kosten für das Dach und für das Heizungs-, Strom- und Wassersystem inbegriffen.

Vor ein paar Jahren noch wäre der Wunsch nach einem Vollholzhaus als Extravaganz erschienen. Inzwischen aber liegt der nachwachsende Rohstoff voll im Trend. Insbesondere öko- und gesundheitsbewusste Bürger wünschen zum Vollkornmüsli auch ein Vollholzambiente. Jetzt steht das Paar vor der Hürde, einen passenden Baugrund zu finden. Der Anbieter für Holzarchitektur steht immerhin schon fest: die Thoma Holz GmbH.

Vom Sägewerk zum Holzimperium

Erwin Thoma, Erfinder, Unternehmer und Bestsellerautor ("Die geheime Sprache der Bäume") ist eine Art Guru der neuen Holzarchitektur und -philosophie. Der Österreicher machte binnen zweier Jahrzehnte aus einem Kleinsägewerk im Salzburger Land ein Holzimperium mit einem Ableger auch im Schwarzwald und einer Vertretung in San Francisco.

Diesen Oktober stellte der eloquente Forst- und Betriebswirt sein Bausystem Holz100 – gemeint sind 100 Prozent Holz – auf der Architekturbiennale in Venedig vor. Vorzeigeprojekte der Firma sind eine Holzkirche in Japan, ein fünfgeschossiger Wohnblock in Hamburg ("Woodcube") und ein Hotel auf der Seiser Alm, nach Unternehmensangaben das größte alpine Holzhotel.

Der hagere, Vertrauen einflößende 54-Jährige verbindet Geschäftssinn mit Gespür für den Zeitgeist. Thoma verkündet mit dialektlastigem Zungenschlag die "Rückkehr der Bäume", schwärmt von Häusern, die "atmen", und dem "Baumwunder", er meint damit den wundersam scheinenden Substanzaufbau aus Luft: "Der Baum ist reine Luft, sonst nichts. 99 Prozent des Baumes sind Luft".

Prestigeprojekt: Der in Hamburg stehende "Woodcube" ist eines der ersten modernen Mehrfamilienhäuser aus Holz.

Prestigeprojekt: Der in Hamburg stehende "Woodcube" ist eines der ersten modernen Mehrfamilienhäuser aus Holz.

Quelle: Imago

Thoma-Bauten sind aus "Mondholz" gefertigt, so heißen zu einem gewissen Zeitpunkt gefällte Bäume. Gemäß altem Bauernwissen soll deren Holz besonders haltbar, resistent gegen Pilze, Schädlinge und Brände sein. Wissenschaftlich ließ sich das Phänomen bislang zwar nicht belegen, Mondholzfans aber ist es Beleg genug, dass in jahrhundertealten Bauernhäusern sogar Kamine aus dem Wunderholz gefertigt sind.

Das 1990 gegründete Unternehmen ist symptomatisch für die Renaissance, die der Uraltwerkstoff seit den Neunzigerjahren international erfährt. Über klassische Bautypen wie Bauernhaus, Fachwerkbau, Schweizer Chalet oder Blockhütte hinaus erstreckt sich Holzbauweise inzwischen über eine Vielzahl von Gebäudetypen: Von Designgasthöfen über Gewerbehallen bis zu Hochhäusern wird heute alles gezimmert.

Stararchitekten wie Toyo Ito, Shigeru Ban oder Frei Otto haben mit wegweisenden urbanen Bauten aus Holz dazu beigetragen, dass das Material auch jenseits von Blockhüttenromantik und Mondholzmystik interessant wurde. Es wird mittlerweile als geradezu technoider Baustoff gehandhabt und erfährt dank computergestützter Berechnungen und Fertigungsweisen schier unendliche Biegsamkeit.

Urbane Vorzeigeprojekte

Das 2014 fertiggestellte biomorph überdachte Elefantengehege im Zürcher Zoo ist aus 30 000 hölzernen Puzzleteilen zusammengesetzt und hat eine Spannweite von 85 Metern. Der parametrische Entwurf des Architekten Markus Schietsch verdankt seine Gestalt statischen Erfordernissen. Die 2015 eröffnete Crossrail Station Canary Wharf in London ist eine netzartige Holzkonstruktion in einem Themse-Seitenarm von Foster + Partner, die sich über 300 Meter erstreckt.

Mit dem "NexusHaus" wurde kürzlich in den USA ein Nullenergiehaus vorgestellt, bei dem sich Holzbauweise mit ausgeklügeltem Ressourcen-Recycling verbindet. Der von der University of Texas in Austin gemeinsam mit der Technischen Universität München entwickelte Prototyp speist sich zu 100 Prozent aus Sonnenenergie und recyceltem Regen- und Abwasser. Das "NexusHaus" ist auf die ariden Verhältnisse im mittleren Texas zugeschnitten, aber auch für kalifornische Trockengebiete gedacht. Das kistenartige Bungalowdesign hat bei aller Schlichtheit sogar einen Hauch von Richard-Neutra-Eleganz.

Die besonderen Eigenschaften des Holzes treten zunehmend stärker ins Bewusstsein. So binden nicht nur Bäume, sondern auch Holzbauten das klimaschädliche CO₂ und auf frei werdenden Plätzen in Wäldern entstehen mit neuen Bäumen auch neue CO₂-Speicher, was bei aktuellen Ökobilanzierungen von Gebäuden mitbedacht wird.

Ein Werkstoff, viele Erscheinungsformen: Das Elefantengehege des Zoos Zürich wird von einer Holzkonstruktion überspannt.

Ein Werkstoff, viele Erscheinungsformen: Das Elefantengehege des Zoos Zürich wird von einer Holzkonstruktion überspannt.

Quelle: dpa

Zunehmend dringt Holzwohnungsbau auch in urbanen Zentren vor. Das ist erstaunlich. Ängste vor verheerenden Stadtbränden sitzen tief im kollektiven Unterbewusstsein. Jedes Schulkind lernt, dass im Mittelalter ein einziger Funkenflug in einer Bäckerstube oder Schmiede ausreichte, um ganze Stadtteile wie Zunder abbrennen zu lassen. Als Reaktion wurde Holz aus den Städten verbannt. Unseren modernen Bauvorschriften sind die jahrhundertealten Erfahrungen im wahren Wortsinn eingebrannt.

Die bestehenden Bauvorschriften zu lockern und "holzfreundliche" Brandschutzbestimmungen durchzusetzen ist eine zunehmend lauter werdende Forderung. Eine Pionierrolle spielt die Schweiz, wo seit Anfang 2015 mit Holz ohne Zusatzauflagen bis zur Hochhausgrenze gebaut werden darf, was Kosten senkt. "Heute konstruieren wir aufgrund der Bauphysik- und Schallschutzanforderungen kompakter, massiver und dichter. Das heißt, ein Brand bleibt relativ lange im Zimmer oder in der Wohnung", erklärt der Schweizer Holzbauingenieur Reinhard Wiederkehr.

Immer höhere Holztürme

Die simplen Konstruktionen vor 500 Jahren begünstigten hingegen Flächenbrände. Zudem waren Brandschutzmauern seinerzeit weitgehend unbekannt. Neben Sprinkleranlagen dienen in modernen Holztürmen betonierte Treppenhäuser, die im Unglücksfall als Fluchtwege fungieren, der Sicherheit. Gleichwohl sei Holz immer noch mit "vielen Vorurteilen belastet", meint Tom Kaden. Der Architekt plante gemeinsam mit Tom Klingbeil das erste siebenstöckige Holzhaus in der Berliner Innenstadt, das 2008 fertiggestellt wurde und mit 25 Metern damals eines der höchsten Holzhäuser der Welt war.

Mit immer höheren Holztürmen scheint die Holzbauavantgarde beweisen zu wollen, dass Ängste unberechtigt und Limits nicht ausgeschöpft sind. Im kanadischen Vancouver befindet sich ein 53 Meter hohes Studentenwohnheim in Bau. In Wien entsteht ein 84 Meter hohes Holzhochhaus ("HoHo"). In London gibt es Pläne für einen 300 Meter hohen Wohnblock aus Holz. Der "TimberTower" wäre doppelt so hoch wie der Kölner Dom. Wer kann da noch sagen, dass Bäume nicht in den Himmel wachsen?

Von Johanna Di Blasi

Eine "hölzerne" Ausstellung

"Bauen mit Holz – Wege in die Zukunft": Bis 15. Januar 2017 stellt der Martin-Gropius-Bau in Berlin mit Modellen und Filmen die neuesten Entwicklungen im Holzbau vor. Manche der gezeigten Schöpfungen von Architekten wie Kyeong Sik Yoon (Golfclubhaus Haesley-Nine Bridges), Helen & Hard (Bibliothek von Vennesla) oder der Groupement d'architectes Localarchitecture (Kapelle von Saint-Loup) sind pure Kunstwerke. Bei anderen Entwürfen bestechen die kostensparende Systembauweise und positive Ökobilanzen.

Mittwochs bis montags 10 bis 19 Uhr, Katalog: 29,95 Euro

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Technik & Apps