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Läuft wie geschmiert

Die Zukunft des Radfahrens Läuft wie geschmiert

Das wartungsfreie Fahrrad ist nicht mehr weit. Mit Getriebeschaltung und Riemenantrieb sinkt der Verschleiß, das Fahren wird bequemer. Ein Trend, an dem auch branchenfremde Unternehmen mitverdienen wollen.

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Die Stunde der Überflieger

Riemen statt Kette: Das Kohlefaserband verspricht nie mehr ölige Finger und Hosenbeine.

Quelle: pd-f

Berlin. Ist die Kette erst einmal richtig geölt, die Gangschaltung präzise eingestellt und der Bremsbelag erneuert, rollt es sich besonders angenehm. Das weiß jeder, der regelmäßig mit dem Fahrrad unterwegs ist. Überwintert das Rad jedoch reglos im Keller, nistet sich Flugrost ein, die Kette quietscht, das Schaltwerk knarzt und die Gänge flutschen nicht mehr wie gewohnt. Und damit beginnt die alte Wartungsleier von vorn. Den ewigen Traum vom pflegeleichten Drahtesel versuchen Hersteller und Händler zu erfüllen und stellen vermehrt moderne Technik in die Schaufenster. Nach Einschätzung von Experten wird die Zukunft rosig, nicht rostig.

“Das wartungsfreie Fahrrad wird es in den nächsten Jahren wahrscheinlich noch nicht geben. Es werden noch viele Teile wie Bremsen und Licht regelmäßig gecheckt werden müssen”, lässt Thomas Geisler vom Pressedienst Fahrrad den Traum erst mal platzen. “Dafür werden Riemenantrieb und Getriebeschaltung gerade beim Trekkingrad immer interessanter und vor allem kostengünstiger.” Um von dieser Technik mit Wurzeln in der Automobil- und Motorradbranche profitieren zu können, mussten Kunden bisher tief ins Portemonnaie greifen. Mittlerweile fallen die Preise.

Getriebeschaltungen versprechen riesige Reichweiten

Gelockt wird mit Versprechen, die mehr nach “Star Trek“ als Trekkingrad klingen. “Bei unserer Schaltung tritt kein Verschleiß auf”, behauptet Dirk Stölting, Industriedesigner beim schwäbischen Getriebehersteller Pinion. Ein 10 000 Kilometer überdauerndes Ölbad schmiert die hermetisch von der Außenwelt abgeriegelten Wellen, Zahnräder und Lager automatisch, sobald das Rad in Bewegung gesetzt wird. “Die Schaltung selbst hält mehrere Hunderttausend Kilometer”, sagt Stölting. Getestet wird bei den Schwaben bis 60 000 Kilometer. “Dabei liegt der Verschleiß bei nahezu null, sodass wir davon ausgehen, dass auch nach 150 000 Kilometern keine relevanten Schäden auftreten.” Bisher habe sich jedenfalls noch kein Kunde beschwert.

“Das Gehäuse schützt das Getriebe. Dadurch entstehen keine Probleme durch Dreck. Das ist vor allem für Radler interessant, die täglich unterwegs sind”, erklärt Thomas Geisler die Vorteile. Tourenradler müssten sich keine Sorgen um ihre Schaltung machen, da nichts nachjustiert werden muss. “Der Trend geht ganz klar dahin, genauso bequem, sorglos und unbeschwert Fahrrad zu fahren, wie es heute auch schon mit dem Auto möglich ist”, meint Dirk Stölting. Die notwendige Abstimmung aller Fahrradteile aufeinander werde immer besser.

Verschleißarm

Verschleißarm: Die Wellen, Zahnräder und Lager eines Pinion-Getriebes werden automatisch geschmiert.

Quelle: pd-f

Zur Getriebeschaltung kommt oft der sogenannte Riemenantrieb – eine verzahnte Schlinge aus widerstandsfähiger Kohlefaser, die aus dem Motorradbereich stammt und der klassischen Fahrradkette das Feld streitig macht. Sie läuft in der Regel leiser, ist deutlich langlebiger, überträgt Kraft direkter auf das Hinterrad und muss nie geölt werden. Schmierige Hände und hartnäckige Ölflecken auf der Hose gehören damit der Vergangenheit an.

Nässe und Dreck machen dem Riemen wenig aus, sodass auch im Winter nichts blockiert. Allerdings können abgebrochene Zähne oder ausgefranste Fasern zum Sicherheitsrisiko werden. Die Tage der klassischen Kette sind zwar, allein aus Kostengründen, noch nicht gezählt. “Aber der Riemenantrieb ist massenmarkttauglich und eine interessante Alternative im Einsteigerpreisbereich um 1000 Euro geworden”, so Geisler.

Nachrüstung nicht möglich

Ein Umstieg auf die moderne Technik ist trotz fallender Komponentenpreise für die meisten Fahrradfahrer jedoch nicht ohne größere Investitionen machbar. Oftmals wird ein neues Fahrrad fällig. “Ein Nachrüsten ist mit konventionellem Rahmen nicht möglich”, bestätigt Stölting.

Auf dem Markt herrscht aber genau deshalb Bewegung, das Angebot wird immer breiter, die Preise sinken. “Das Gesamtpaket wird interessanter”, meint Thomas Geisler. Ein gutes Trekkingrad habe früher mindestens 1000 Euro gekostet. “Jetzt liegen die Einstiegspreise für eine gute Ausstattung bei 600 Euro.“ Hydraulische Scheibenbremsen, LED-Lichter und Federgabeln sind dem teuren Luxussegment schon lange entwachsen und machen das Radfahren für jedermann sicherer und bequemer.

Trotzdem muss nach wie vor regelmäßig selbst Hand angelegt oder der Weg zur Werkstatt beschritten werden. Die Entlüftung hydraulischer Bremssysteme, Einstellung des Lichts und der regelmäßige Griff zur Luftpumpe bleiben nicht erspart – schon aus Sicherheitsgründen.

Das wartungsfreie Fahrrad – ein (schwedischer) Traum?

Das wartungsfreie Fahrrad bleibt also ein Traum, Fahrradmechaniker müssen nicht um ihren Job bangen. Vorerst. “Wir befinden uns erst am Anfang. Die Saison 2017 wird zeigen, dass das Thema auf dem Vormarsch ist”, prognostiziert Geisler. Auch Stölting ist sich sicher, dass die Branche vor einem Umbruch steht. “Die Getriebetechnologie steht noch am Anfang einer Innovationskette”, meint der Industriedesigner. Das Potenzial einer klassischen Kettenschaltung aber scheint nach über 80 Jahren ausgeschöpft.

Da wollen auch branchenfremde Unternehmen mitverdienen. Das Rad mit dem ulkigen Namen “Sladda” etwa hat einen rostfreien Riemenantrieb, eine Nabenschaltung, die die Übersetzung automatisch der Trittgeschwindigkeit anpasst, Scheibenbremsen und Aluminiumrahmen. “Sladda“ soll selbst den harten skandinavischen Winter überstehen. Werkstattcheck nach 15 000 Kilometer. Gemacht haben’s die Möbel-Schweden von Ikea.

Von André Pitz

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