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Viel Raum für neue Ideen

Coworking mit sozialer Mission Viel Raum für neue Ideen

In Chicago eröffnet jetzt einer der größten Coworking Spaces der Welt. Es sind keine hippen Karrieretypen, die dort ihre Arbeitsplätze beziehen, sondern vor allem Gründer mit schwerer Vergangenheit und sozialer Mission.

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Die andere Seite des Eises

Mit Sachspenden und viel Eigenleistung ist im Coworking Space Blue 1647 ein individuelles Raumkonzept entstanden.

Quelle: Blue1647

Chicago. Der Ausblick von der Dachterrasse ist atemberaubend: Vor den Augen entfaltet sich Chicagos Skyline in ganzer Breite. Ein perfekter Pausenplatz für die Start-up-Gründer und Freelancer, die hier in Zukunft an ihren Projekten arbeiten werden. Hier oben können sie davon träumen, irgendwann ein Büro in einem der Wolkenkratzer gegenüber zu mieten – sofern ihrem Unternehmen der Durchbruch gelingt.

In wenigen Wochen wird der Coworking Space Blue 1647 gleich mehrere Etagen hier im Künstlerhaus Lacuna beziehen, er wird dann einer der größten seiner Art sein. Blue bietet nicht nur Arbeitsplätze für Selbstständige und Gründer an, sondern auch Mentoringprogramme und Fortbildungen. So sollen vor allem Technik-Start-ups mit sozialer Ausrichtung gefördert werden.

Gründungen wie die von James Valadez. Bis zum Umzug ins Künstlerhaus Lacuna arbeitet er in den alten Räumen von Blue 1647, die deutlich karger sind. Es gibt dort nur einen riesigen, fensterlosen Raum, in dem lediglich ein paar Wandmalerein für Aufmunterung sorgen. Valadez schaut gerade den vier Schülern über die Schulter, die er als Praktikanten mit der Programmierung seiner Website beauftragt hat. Durch sie spart er Kosten: Das ist wichtig, weil Valadez für sein Startkapital vorerst selbst aufkommen muss. “Und den Schülern gibt es die Chance, sich auszuprobieren“, sagt Valadez. Seine Geschäftsidee heißt “Hello Neighbor“, eine Onlineplattform für die Vermittlung von Dienstleistungen und Hilfen für ältere Menschen.

Im Blue 1647 arbeiten auch James Valadez (hinten stehend), Gründer des Start-ups “HelloNeighbor“, und seine Schülerpraktikanten gern

Im Blue 1647 arbeiten auch James Valadez (hinten stehend), Gründer des Start-ups “HelloNeighbor“, und seine Schülerpraktikanten gern.

Quelle: Habich

In einem der Nebenräume beginnt gerade ein Speakers Workshop für Frauen, morgen findet das “Coding für Latina girls“ statt. An anderen Tagen gibt es Vorträge von erfolgreichen Unternehmern aus der Technikbranche. Die Kurse und Seminare sind speziell für diejenigen gedacht, denen ihr soziales Umfeld nicht immer die beste Förderung bietet. Für Menschen wie Rakesh Das. Der 19-Jährige kam vor drei Jahren über ein Praktikum zu Blue 1647. Sein Mathelehrer hatte ihn dorthin vermittelt.

Nachdem sich Rakesh das Programmieren online selbst beigebracht hatte, konnte er seine Fähigkeiten in den Förderprogrammen von Blue weiterentwickeln. “Hier haben sie meinen Ehrgeiz erkannt“, sagt Das. “Ich hatte vorher nie an mich geglaubt und hätte bestimmt aufgegeben.“ Inzwischen ist er Teilhaber eines Start-ups und studiert Computerwissenschaften. In den ersten Kursen an der Uni habe er sich “zu Tode gelangweilt“ weil er das meiste schon wusste.

Viele der Freelancer hier arbeiten gleich an mehreren Projekten, so wie der Künstler JanArt Winfrey. Er ist in einem der Problemviertel von Chicago aufgewachsen und war früher mal in einer Gang. Heute macht JanArt Kunst, Rap und Grafikdesign. Auf seinen Armen prangen riesige Tattoos, darunter sein Künstlername Joka, und ein Bibelvers, der besagt, dass man andere so behandeln sollte, wie man selbst behandelt werden möchte. In seiner Freizeit arbeitet er in Präventionsprojekten zur Bandenkriminalität mit jungen Afroamerikanern aus seinem Stadtteil. Für sie will er ein Vorbild sein. Sein Label hat er “New Cool“ getauft: “Damit möchte ich demonstrieren, dass es eine andere Art von Coolness gibt als Gewalt und Kriminalität“, sagt der Musiker: “Cool ist es, du selbst zu sein und etwas auf die Beine zu stellen.“

“Wir wollen für jeden erschwinglich sein“

Rashad Sallee hat als Community Manager den Job, die Coworker bei Blue zu betreuen und miteinander zu vernetzen. Sallee erklärt, was Blue 1647 für ihn so besonders macht: “Es gibt hier eine tolle Mischung von Leuten.“ Unter den Mitgliedern herrsche zudem Respekt für jede Art von Religion, Rasse oder soziale Herkunft. “Die günstigste Mitgliedschaftsvariante bei Blue 1647 kostet gerade einmal 25 Dollar. Das soll sich auch vorerst in den neuen, komfortablen Räumen nicht ändern: “Wir wollen für jeden erschwinglich sein“, sagt Rashad.

Um das Angebot erweitern zu können, werden nun die größeren Räume benötigt. Im Lacuna laufen derzeit die letzten Renovierungsarbeiten auf Hochtouren. Blue Senior Advisor Tracy Powell zeigt gerade zwei Frauen das Gebäude, die sich für einen Arbeitsplatz interessieren, und versucht dabei, mit seiner Stimme den Bohrerlärm zu übertönen. Die Einrichtung besteht fast vollständig aus hellem Holz und Recyclingmaterialien. Aus Wassertanks wurden Raumteiler, eine alte U-Bahntür dient als Tischplatte. Eine Bank hatte dem Coworking Space ihre alten Möbel zur Verfügung gestellt. In den Fluren kann man Graffiti und Wandmalereien der hier ansässigen Künstler bewundern.

Blue 1647 ist nicht profitorientiert, und finanziert sich nur teilweise durch die Gebühren für Kurse und Raummieten. Dazu kommen Spenden und die Unterstützung durch Partnerorganisationen. Mehr Mitglieder wünsche man sich daher nicht um jeden Preis, sagt Manager Powell. Nur solche, die zum Konzept passen. Man wolle am starken Gemeinschaftsgefühl des Künst lerhauses und am sozialen Profil des Coworking Spaces festhalten – “und die motivieren, die sonst weniger Chancen als andere haben“, sagt Powell.

Von Irene Habich

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