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American Horror Story und mehr DVD-Tipps

DVD-Tipps von Matthias Halbig American Horror Story und mehr DVD-Tipps

Von smarten Teufeln und weit garstigeren Ungeheuern, über Polizei-Frauenpower im englischen Norden und einen zweifelnden großen Staatsmann, bis zu wiedergeborenenen Hunden, braven französischen Sozialkomödien und eindrücklichen Statements gegen Rassismus: die DVD-Tipps von Matthias Halbig.

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Quelle: iStockphoto

Hannover.  

Lucifer, Staffel 1: Gerechtigkeit für die Guten einzufordern – wer hätte das je von Luzifer Morgenstern gedacht, dem Lichtträger, gefallenen Engel, Satan, dem Spieler, Seelenjäger, Schließer unseliger Pakte mit allzu ehrgeizigen und gierigen Menschen. Der Teufel (der WaliserTom Ellis) trägt Anzug in der Serie “Lucifer“ und fährt eine schnittige schwarze Corvette Stingray. Er hat keine Hörner, keinen Schwanz, keinen Bocksfuß, ist vielmehr ein attraktiver, selbstverliebter Womanizer, der aber bei Bedarf seine Gegner in feuerrote Augen oder Horrorfratzen blicken lassen kann, auf dass ihnen das Blut in den Adern gefriere.

Von seinem alten Job als Höllenfürst hat er die Nase gestrichen voll, wie alle Unterhaltungskünstler zieht es auch ihn in Richtung Hollywood. Dort hilft er der Polizistin und alleinerziehenden Mutter Chloe Decker (Lauren German), die er auch gerne zu Bett brächte, die aber als Einzige seinen amourösen Fähigkeiten widersteht, bei der Lösung ihrer Fälle. Während die himmlischen Mächte in Gestalt des Engels Amenadiel (D. B. Woodside) versuchen, ihn zurückzuholen, nutzt Lucifer die Auszeit für eine Therapie. Denn wohin soll das führen, wenn der Teufel nicht mehr teuflisch ist? Eine recht vergnügliche Fantasy-Krimi-Sause, die auf den indes ungleich vergnüglicheren “Sandman“ Comics (später einem eigenen Spinoff) des großartigen Neil Gaiman basiert.

Lucifer, Staffel 1

Lucifer, Staffel 1

Quelle: Warner

American Horror Story – Roanoke: Schon der Name der Insel, Roanoke, klingt nach Geisterstunde, nach einer Kopfgeburt von H. P. Lovecraft, erst recht die Worte, die damals in die Bäume geritzt wurden - “Cro“ und “Croatoan“. Die bis heute ungeklärte Geschichte der spurlos verschwundenen ersten englischen Kolonie auf amerikanischem Boden gehört zur amerikanischen Gruselfolklore, “Croatoan!“ war angeblich das letzte Wort von Edgar Allan Poe und die Kolonie taucht in zig Spukstorys und Romanen auf – auch immer wieder im Werk von Stephen King.

Mit seiner sechsten Season kehrt der exaltierte TV-Schocker “AHS“ zu seinen Spukhausanfängen zurück und stellt die Legende in den Mittelpunkt einer überaus unheimlichen Season. Nach einer privaten Krise ziehen Shelby und Matt Miller in die Nähe von Roanoke, wo sie sich von Hillbillies bedroht fühlen, in Wahrheit aber von viel übleren Dingen, einem uralten Fluch, einem verhexten Ort und den unseligen Ereignissen des späten 16. Jahrhunderts heimgesucht werden. Die erste Hälfte der Staffel ist als TV-Dokuspiel angelegt, in einer dramatisierten Form werden die Millers von Schauspielern (Sarah Paulson, Cuba Gooding Jr, Angela Bassett) dargestellt, während die “echten“ Millers (Lily Rabe, André Holland, Adina Porter) in Einschüben die nachgestellten Bilder kommentieren.

In der zweiten Hälfte, einer fingierten “found footage“-Doku à la “Blair Witch Project“, kehren die echten Millers mit ihren Darstellern nach Roanoke zurück, um uns,dem Publikum hinter dem Publikum, ihre wahren Gesichter zu zeigen und zu erfahren, was wahres Grauen ist. Horror hebt nicht nur sein garstiges Haupt, weil eine der düpierten Darstellerinnen des Dokuspiels (Kathy Bates) sich in bester Bela-Lugosi-Manier viel zu sehr mit ihrer teuflischen Rolle identifiziert hat. Die “AHS“-typischen, comichaft-komischen Übersteigerungen sind diesmal deutlich zurückgeschraubt zugunsten vieler klassischer, ernster Gänsehautmomente. Viele Motive und Zitate (von “Shining“ bis “The Hills Have Eyes“) werden eingewebt. Diese Wirkung lässt nach, wenn “AHS 6“ dann in den letzten Folgen in ein richtig magenwringendes Gemetzel übergeht.

American Horror Story – Roanoke

American Horror Story – Roanoke

Quelle: Fox

No Offence, Staffel 2: Frauenpower im englischen Norden, zweiter Durchlauf. Die Drei von der Manchester Metropolitan Police hatten sich in der ersten Staffel binnen nur einer Episode in unsere Herzen gespielt, indem sie auf die temperamentvolle Tour und mit derbem Zungenschlag Copklischees comichaft karikierten und sie zugleich erfüllten. Die pfundige Polizeichefin Vivienne Deering (Joanna Scanlan) und ihre wackeren Musketiere DC Dinah Kowalska (Elaine Cassidy) und DS Joy Freers (Alexandra Roach) retten die Stadt diesmal in sieben Folgen vor Nora Attah (Rakie Ayola) einer wirklich imposanten Herrscherin der Unterwelt, ihrem aufmüpfigen, nicht minder verbrecherischen Sohn Manni (Zackary Momoh) und einer ruchlosen Mädchenbeschneiderin.

Mafiakriege, Menschenhandel, und Kindermorde stehen auf der To-do-Liste der Ermittlerinnen, torpediert werden sie wie üblich auch von gegenüber unkonventionellen Ermittlungsmethoden weniger aufgeschlossenen Vorgesetzten und am Ende hilft in höchster Not schon mal der bei Krimifans nicht allzu beliebte Gevatter Zufall. Bei ZDFNeo auf vormitternächtliche Sendeplätze geschoben – wohl ob der rauherzlichen Sprache und gelegentlich eingeschobener Quickies im Stehen – gibt’s die schrulligschöne Staffel 2 jetzt in der Plastikschatulle zum Frühergucken. Die gute Nachricht: 2018 werden die Ladys zurückkehren, und gegen Rechtsradikale vorgehen. Die können sich ihre Bomberjacken und Springerstiefel schon mal doppelt füttern.

No Offence, Staffel 2

No Offence, Staffel 2

Quelle: Studiocanal

Churchill: Der entschlossenste Mann Großbritanniens – das ist der Winston Churchill der Geschichtsbücher: der kämpferische Kriegspremier, der sein Volk auf den unbedingten Kampf gegen Hitlers Deutschland und für die Freiheit einschwor. In Jonathan Teplitzkys Biopic entdecken wir nun einen uns unbekannten, wiewohl historisch verbürgten britischen Regierungschef (und Verteidigungsminister).

Drei Tage vor dem D-Day, an dem die alliierten Truppen in der Normandie landen und die Befreiung Frankreichs von der Naziherrschaft in Gang setzen sollen, plagen ihn Ängste und Schuldgefühle. Die Erinnerungen an die Katastrophe von Gallipolli und die opferreichen Stellungskriege des Ersten Weltkriegs lassen ihn vor der Operation Overlord zögern, der erneut drohende Blutzoll von Tausenden ungelebter Leben junger Männer lassen ihn seiner Entourage und den Generälen Eisenhower (Gesamtleitung) und Montgomery (britische Streitkräfte) immer wieder mit Bedenken, Ausflüchten und neuen Planungen in die Parade fahren. Aus dem Zögern wird Verzweiflung, in seinem Abendgebet bittet der große Churchill Gott schließlich um Schlechtwetter für den Tag der Invasion, seine standfeste Ehefrau Clementine (Miranda Richardson) kennt ihren Mann nicht mehr, dringt mit ihren Standpauken kaum noch zu dem kriegserschöpften Winston durch.

Je länger der Film dauert, desto mehr scheint der fantastische Brian Cox dem bulligen Churchill zu gleichen, dessen Kopf stets in einer Wolke aus Zigarrenschmauch steckte. Seine Skrupel und Zweifel, so das Fazit des Films, zeichnen Churchill zwar als Menschen aus, wirken in der politischen Ansprache aber kontraproduktiv. Es braucht in der Stunde der Not Täuschung und Lüge in der Politik, um Siegeswillen und Masseneuphorie zu verwandeln – so das Fazit von Teplitzkys Film.

Churchill

Churchill

Quelle: Universum

Bailey: Buddhismus für Hunde – doch nicht im Ernst! Der erste Durchlauf ist schnell zu Ende für den süßen kleinen Rüden. “Ich hatte mir das Leben länger vorgestellt“, klagt er aus dem Off, nachdem ihn der Hundefänger geschnappt hat. Dann wird er 1961 als Retriever wiedergeboren, wird zum besten Freund des kleinen Ethan und erzählt im naiven Plauderton die Abenteuer seines schönsten Hundelebens: Wie er den Football-Sprung lernte, wie er Ethans Freundschaft mit Hannah stiftete, wie der Vater Jim im Suff versank, paranoid wurde und die Familie verlassen musste. Und wie sich nach einem üblen Schülerstreich alles zum Schlechten wendete, Ethan sein Sportstipendium verlor, Hannah wegschickte und Bailey alt wurde und starb, und in der dritten Reinkarnation als Schäferhündin (weiterhin mit Jungsstimme) zur Welt kam.

Am witzigsten wird Lasse Hallströms Film, wenn er die Welt aus der Perspektive seines vierbeinigen Helden zeigt, der Hühner jagt oder mit einem Esel spielt, am traurigsten, wenn er in seiner letzten Inkarnation Buddy von einem herzlosen Herrchen ausgesetzt wird. Am Herzerwärmendsten, wenn Bailey am Ende den Kreis des Lebens zu schließen vermag. Ein obskures Märchen, das den Zuschauer nach Kräften manipuliert, das man aber dennoch trotz der vielen Sentimentalitäten lieb gewinnt. Auch wenn “Hachiku“ (2009) mit Richard Gere ganz eindeutig Hallströms besserer “Hundefilm“ war.

Bailey

Bailey

Quelle: Constantin

Shot Caller: Ein Mann schreibt aus dem Gefängnis heraus einen Brief an seinen Sohn. Es ist ein Abschiedsbrief. Nikolaj Coster-Waldau, der schöne, zunehmend traurige Königsmörder Jaime Lennister aus “Game of Thrones“, ist mit Hulk-Hogan-Abschreckungsschnäuzer und “White Pride“-Tattoos kaum zu erkennen. Amerikanischer Bodensatz, der nach seiner Entlassung für eine Knastgang in Südkalifornien einen großen Waffendeal durchziehen soll und der von einem ehemaligen “Bruder“ an die Behörden verraten wird.

Aber Jacob alias Money war mal ein braver Mann des Mittelstands, mit Familie, Vermögen und Zukunft, bis er unter Alkohol seinen besten Freund bei einem Unfall ums Leben brachte. Weil alle Gewalttäter zusammengesperrt werden, gerat Jacob unter die Knastgangs und muss sich in der „Kriegerkaste“ der Gesetzlosen behaupten, sich ein- und unterordnen, sich selbst neu erfinden. Der Film “Shot Caller“ des Texaners Ric Roman Waugh ist ein knallhartes, klassisches Gitterdrama, das in zwei gegengeschnittenen Handlungssträngen die “Erziehung“ des Häftlings und seinen von mehreren Seiten angestrebten Untergang nach der Entlassung erzählt.

Es ist Waughs dritter Film aus dem Milieu, ein finsteres, authentisches Drama, das auf exakter Recherche beruht, in dem der Regisseur Actionmomente sparsam verteilt und voll auf die Tragik seiner Geschichte setzt. Coster-Waldau liefert ein starkes Solo in einem Film, der ganz nebenbei, aber mit schwerem Ausrufezeichen das amerikanische Strafvollzugssystem als völlig inefffektiv, kontraproduktiv, gesellschaftsschädigend ausstellt.

Shot Caller

Shot Caller

Quelle: Constantin

Berlin Syndrom: Teresa Palmer hat diesen völlig fassungslosen Blick, der einen an Shelley Duvall in Kubricks “Shining“ erinnert. Nur erinnert Max Riemelt kein bisschen an Jack Nicholson, kein bisschen Irresein steht ihm in den Augen. Und trotzdem nimmt der nett aussehende, scheinbar sozialisierte Englischlehrer Andi die junge australische Touristin Cate nach einer gemeinsam verbrachten Nacht in seiner Wohnung zur Gefangenen. Alles scheint gut vorbereitet, das Sicherheitsschloss an der Tür, die ausbruchssicheren Fenster. Im Siphon der Badewanne entdeckt die entsetzte Cate Frauenhaare – es scheint also nicht die erste Geiselnahme zu sein. Und ein erster Fluchtversuch zeigt dann, wie viel von Nicholsons Jack Torrance eben doch in dem sanft wirkenden Andi steckt.

Cate Shortlands dritter Film, “Berlin Syndrome“, nach Melanie Joostens Roman von 2011, ist ein Ausflug ins Horrorfach. Die Regisseurin zeigt, wie Täter und Opfer mit der völlig unnatürlichen Situation klarzukommen versuchen und der Zuschauer ist gespannt darauf, wie sich das Berlinsyndrom wohl vom Stockholmsyndrom unterscheiden wird – dem wachsenden Verständnis bis hin zur Zuneigung der Geisel für den Geiselnehmer. Das Monster Andi leidet wie Norman Bates aus “Psycho“ an einem Mutterkomplex, daran, dass die Mutter die Familie nach dem Fall der Berliner Mauer umgehend im Stich ließ. Nicht jede der Freiheitsgeschichten der damaligen Zeit war für jeden Beteiligten glücksstiftend, das wird hier klar.

Der Schrecken über die fast zwei Stunden des Films ist subtil, die beiden Hauptdarsteller liefern sich ein buchstäblich fesselndes Duell. Glaubwürdig ist das freilich nicht immer, schon dass niemand die lauten Schreie im Hinterhof hört. Erscheint seltsam. Ist fremdes Leid des andern Freud? Oder zumindest allen nicht Betroffenen wurst? Könnte sein.

Berlin Syndrome

Berlin Syndrome

Quelle: MFA

Ash vs Evil Dead, Staffel 1: Mit seinen Kumpels Sam Raimi und Rob Tapert nahm Bruce Campbell 1978 350 000 Dollar auf, und schlüpfte für “Tanz der Teufel“ (1981) erstmals in die Rolle des Ash, der mit seinen Freunden in der seither hundertfach im Horrorfach benutzten Hütte im Wald alles Unheil der Twilight Zone auf den Plan rief. Und: Kult! – einer der Klassiker des Indiehorrors war geboren. Mit den Fortsetzungen “Tanz der Teufel 2“ (1987) und “Armee der Finsternis“ (1992) wurde der anfänglich straighte und sehr blutige Spuk mit Witz konterkariert.

Spaß mit dem Schreckens zu treiben ist auch die Vorgehensweise in der an die alten Filme (und Computerspiele und Comics) anknüpfenden Serie “Ash vs Evil Dead“. Campbell und die Raimi-Brüder Sam und Ivan spinnen die Geschichte weiter. Der an krasser Selbstüberschätzung leidende Trailerpark-Held und Schlauschnacker Ash lässt das Dämonengekreuch 30 Jahre später unabsichtlich (durch eine kleine Necronomicon-Lesung) wieder aus der Box. Und zurückstopfen ist alles andere als einfach – Ash muss wieder in die Hütte im Wald, in der der Teufelstanz einst angetanzt wurde. Das ist schräg, verwegen charmant und splattrig wie ein Skulpturentag im Schlachthaus. Nicht gerade leicht zu verdauen.

Ash vs

Ash vs. Evil Dead

Quelle: Fox

Get Out: Die Ausgangssituation ist dieselbe wie für Sidney Poitier, der 1967 in “Rat mal, wer zum Essen kommt“ den ach so toleranten weißen Eltern seiner Liebsten vorgestellt wurde, nur dass der vermeintlich coole Brautvater Spencer Tracy dann zu kämpfen hatte gegen seine ihn selbst überraschende Voreingenommenheit. Auch in Jordan Peeles “Get Out“ blickt der weiße Zuschauer erschrocken durch die Augen des schwarzen Fotografen Chris Washington (Daniel Kaluuya) auf die Verhaltensweisen der weißen amerikanischen Oberschicht, die den Schwarzen Anpassung abverlangt, die ihre vermeintliche Überlegenheit ausspielt, den Verhaltenskodex für alle festlegt und deren Toleranz eine mühselig gespielte ist.

Die Komödie über den mehr oder minder latenten weißen Rassismus, der sich auch in wohlwollend scheinenden Taten und Worten äußert, wird unheimlich durch das schwarze Personal der Eltern von Rose (Allison Williams), das sich äußerst merkwürdig verhält. Der Bräutigam in spe kommt sich auf dem feudalen Landsitz überdies bald wie ein Gefangener vor und muss erfahren, als Peeles Film schließlich die blutigen Gefilde des Horrors betritt, dass die “gute Gesellschaft“ der Armitages Schwarze wie Tiere auf die Besitzer gesunder, durchhaltefähiger Körper reduziert.

In der Verwendung des Genres zeigt der Regisseur die idiotische, wiewohl tiefe Kluft zwischen den Hautfarben in den USA, die bis heute nicht wirklich überwunden werden konnte, und die von den vielen Videos zum Teil mörderischer Polizeigewalt gegen Schwarze und von den Zellenbelegungen in den amerikanischen Gefängnissen bestätigt wird. Die weißen Bestimmer messen immer wieder mit zweierlei Maß, der Weg zur tief empfundenen Gleichheit ist der weiteste der Welt.

Get Out

Get Out

Quelle: Universal

A United Kingdom: Die Briten können keinen Jazz. Mit dieser Feststellung lernen sich der afrikanische Königssohn Seretse Khama (David Oyelewo) und die englische Büroangestellte Ruth Williams (Rosamund Pike) 1947 kennen, auf einem Abend, bei dem fade englische Musiker die eigentlich prickelnde Musik zur Unkenntlichkeit schleifen. Seretse zeigt Ruth, was wahrer Jazz ist, wie man ihn tanzt und bald schon sind die beiden ein Paar. Was in Ruths Familie, der englischen Gesellschaft und Politik auf erheblichen Widerstand stößt, aber auch von Seretses Königsfamilie in Bechuanaland nicht toleriert wird.

Damit die Uran- und Goldlieferungen des zutiefst rassistischen Südafrika gesichert werden, lockt die britische Regierung Seretse sogar nach London. Die Rückkehr zu seiner Frau soll für immer verhindert werden. Die Filmemacherin Amma Asante (“Belle“) hat mit “A United Kingdom“ einen prächtig bebilderten Historienfilm inszeniert, der ganz nebenbei noch die Emanzipationsfeindlichkeit jener Tage thematisiert und die hochmütige, englische Kolonialherrschaft aus der Sicht der Unterdrückten zeigt.

Asante sagt dem Publikum dabei nichts essentiell Neues, doch etwas, was nicht oft genug gesagt werden kann. Und sie tut es in ohne falsche Sentimentalität: Rassismus ist überall auf der Welt, qualitativ jedoch ist der weiße Rassismus gegenüber anderen Hautfarben einzigartig und unübertroffen in seiner Hoffart. Überwunden wird er immer nur von Einzelnen, die alles riskieren, und eine große Bürde auf sich nehmen. Denn hier scheint der stete Tropfen den Stein auf den ersten Blick nicht einmal zu berühren.

A United Kingdom

A United Kingdom

Quelle: Alamode

Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste: Alexandra Leclères Film heißt eigentlich “Das große Teilen“, aber in Deutschland sind französische Komödien, die eine Anrede und einen Namen beinhalten eine weit sicherere Bank. Und so wird aus dem Originaltitel die nicht ganz so programmatische Herbergsmutter Christine (Karin Viard). Die bewohnt mit ihrem Mann und ihrer Tochter eine 300-Quadratmeter-Trauwohnung in Paris.

Da der Winter extrem kalt ist, und die Obdachlosen und die Armen in ihren ungeheizten Buden zu erfrieren drohen, wird von oben verordnet, dass die luxuriös lebenden Pariser die Bedürftigen einquartieren müssen wie damals in den guten alten schlechten Zeiten. Daraufhin beginnt das große Sträuben und Mauscheln, selbst ungeliebte Schwiegermütter werden zu Daueraufenthalten gebeten, um das Teilen mit Fremden zu vermeiden, Einquartierte werden in spartanische Dachzimmerchen gezwängt oder von einer geschäftstüchtigen Concierge an andere Adressen verschoben. Allerhand irrer Sozialspuk wird ausgebreitet, bis am Ende alle ganz offen mit der Situation umgehen und sich als weit toleranter erweisen als man je gedacht hätte.

Einen wirklich umstürzlerischen Schritt wagt Leclére indes nicht und das Heitere, das in den neuen Umständen begründet liegt, wird nicht allzu häufig zu Situationskomik genutzt. Es wird dafür erschöpfend viel geredet bei Madame Christine und ihren wohlhabenden Kollegen wie dem Philosophen Monsieur Bretzel (Michel Vuillermoz). Zu wenig davon ist wirklich unterhaltsam genug für eine Komödie.

Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste

Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste

Quelle: Universum

Von Matthias Halbig

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